Interview"Keine Katastrophenszenarien sondernd qualitativ hochwertige relevante Forschungsergebnisse" - Interview mit Volkmar Wolters

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Prof. Volkmar Wolters, Universität Gießen, Präsident der GfÖ

43. Jahrestagung der Gesellschaft für Ökologie (GfÖ)

Im NeFo-Interview: Prof. Volkmar Wolters, Universität Gießen, Präsident der GfÖ

Volkmar Wolters ist Professor für Bodenökologie an der Universität Gießen. Dass er aber viel mehr Facetten und Interessen hat, zeigt nicht zuletzt sein Amt als Präsident für die die größte Ökologenvereinigung im deutschsprachigen Raum, der GfÖ. Seine Agenda hier ist es, die vielen Themen, Forschungsrichtungen und Entdeckungen untereinander bekannt und nutzbar zu machen, und Möglichkeiten für Begegnungen und gegenseitigen Austausch, auch über die Fachgrenzen hinaus, zu schaffen. Denn erfolgreiche Forschungsarbeit bedarf, gerade bei so gesellschaftsrelevanten Fragestellungen wie der Ökologie, persönlichen Draht, Offenheit für Neues und Kreativität. Wolters geht hier als bestes Beispiel voraus und ist als äußerst unterhaltsamer Comedian nicht nur unter seinen Studenten und Kollegen beliebt. Mit seinen "Elefantengedichten" genießt Kultstatus in einer ZDF-Comedyshow. Die Aufmerksamkeit der Medien will er jedoch nicht um jeden Preis. Die von diesen üblicherweise erwarteten Katastrophenszenarien will er als Forscher nicht bedienen.

Herr Wolters, welche Bedeutung haben die GfÖ und die nunmehr 43. Jahrestagung innerhalb der deutschen Forschung und darüber hinaus?

Wolters: Die GfÖ Jahrestagung ist ja in erster Linie eine wissenschaftliche Veranstaltung. Da haben wir es inzwischen geschafft, eine so hohe Qualität zu erlangen, dass wir uns im internationalen Vergleich hinter keiner anderen Ökologentagung verstecken brauchen. Wir erwarten auch dieses Jahr wieder rund 600 Teilnehmer und Teilnehmerinnen aus über 30 Nationen und sind eine der wichtigsten Plattformen für alle Umweltwissenschaften im deutschsprachigen aber auch im gesamten europäischen Raum geworden. Wir erreichen damit nicht nur die Universitäten, sondern auch Verbände und Behördenvertreter und ermöglichen hier einen Austausch.

Sind Sie damit zufrieden?

Wolters: Ich bin sehr zufrieden damit, dass diese Plattform angenommen wird, denn uns ist die Kommunikation innerhalb der wissensbasierten Ökologie ein zentrales Anliegen. Das ist besonders wichtig für die Umweltforschung mit ihrer breiten Themenpalette und den ambitionierten Projekten, die eigentlich nur im Team zu bewältigen sind.

Wer sind die Teilnehmer Ihrer Jahrestagung typischerweise?

Wolters: Die Jahrestagung ist eine sehr ‚jugendliche' Tagung. Der Altersdurchschnitt liegt zwischen 30 und 35. Das heißt, wir sind eine wichtige Anlaufstelle für Nachwuchswissenschaftler, die Gleichgesinnte mit ähnlichen Forschungsinteressen treffen, die sich Anregungen holen und untereinander austauschen, die aber auch etablierten Ökologen begegnen wollen, die man sonst nur schwer zu Gesicht bekommt.

Etwas schade finde ich, dass wir in den letzten Jahren Besucher aus ein paar auch gesellschaftlich wichtigen Bereichen verloren haben, wie etwa aus der Umweltbildung oder auch der Planungspraxis. Das ist vermutlich zum Teil der Sprachbarriere geschuldet, denn die Tagung wird ja komplett auf Englisch durchgeführt. Auch die öffentliche Resonanz ist leider nicht besonders groß. Wir bearbeiten ja durchaus Themen, die von erheblicher Relevanz für unseren Planeten sind. Aber wie wir lernen mussten, erreicht man Publikumswirksamkeit eigentlich immer nur dann, wenn Katastrophenszenarios aufgestellt werden – und das möchten wir nicht so gerne als Wissenschaftler.

Das Motto der diesjährigen Tagung lautet "Brücken bauen" zwischen Forschungsdisziplinen, Skalen, Systemen. Wozu ist dies nötig? Wo fehlen diese Brücken und warum?

Wolters: „Brücken bauen" wird in einer Welt im Wandel immer wichtiger. Die Fragen, die an Ökologinnen und Ökologen gerichtet werden, decken immer mehr Bereiche ab und kommen eben immer häufiger nicht aus der Wissenschaft selbst sondern aus der Anwendung. Hier ist Expertise zum Umgang mit gesellschaftlichen Problemen gefragt. Um hier adäquate Antworten geben zu können, bedarf es innerhalb der Forschung einer interdisziplinären Vernetzung, bspw. zwischen organismisch arbeitenden Ökologen und Modellierern oder Theoretikern.

Dazu sind Ökologen oft nicht offen genug für andere Systeme, Meeresforscher beschäftigen sich nur mit marinen Ökosystemen, terrestrische Ökologen nur mit ihrem Forschungsfeld, bspw. dem Boden. Gesellschaftliche Probleme, z.B. die Ernährungsproblematik, machen aber nicht an Systemgrenzen halt. Dazu braucht man systemübergreifende Lösungen, um den Schutz von Arten zu organisieren, die besten nachhaltigen Nutzungssysteme in den Tropen oder gemäßigten Zonen zu finden etc. Hier wollen wir eine Austauschmöglichkeit bieten, um wechselseitig von den Fortschritten zu profitieren.

Brücken müssen aber auch zu solchen, uns Ökologen fremden, Disziplinen wie Sozialwissenschaften und Ökonomie gebaut werden. Denn alle angewandten Fragen, die an uns gestellt werden, beziehen sich ja auf Probleme, die infolge menschlichen Handelns entstehen. Und deshalb müssen wir auch jene Wissenschaftsbereiche mit in unsere Projekte und Diskussionen einbinden, die sich mit dem Menschen beschäftigen. Hierbei gilt es, die Unterschiede zwischen den Sprachkulturen zu überbrücken, denn es gibt enorme fachspezifische Besonderheiten in den Begriffen. Aber auch bei der Frage, wie sich bspw. sozialwissenschaftliche Ansätze in das etablierte naturwissenschaftliche 

Das Programm ist, wie immer, thematisch sehr breit aufgestellt. Nach welchen Kriterien wurden die Sessions zusammengestellt?

Wolters: Die Auswahl des Tagungsmottos, der Keynotespeaker, der Themen vieler Workshops und der Exkursionsziele wird von den Veranstaltern vor Ort vorgenommen – da gibt es also eine gewisse Steuerungsmöglichkeit. Bei der Gestaltung der Sessions richten wir uns aber zwangsläufig nach den Anmeldungen für Vorträge und Poster. Um möglichst alle aktuellen Trends in der Ökologie zu erwischen, halten wir die thematische Einschränkung so gering wie möglich. Es gibt nur grobe Kategorien, denen sich die Bewerber zuordnen können. Auch bei dem Motto achten wir darauf, dass sich möglichst viele darin wiederfinden können.

Sind die Sessions selber nach dem Motto strukturiert, bspw. multi- oder interdisziplinär?

Wolters: Die Tagung an sich ist das Angebot zur interdisziplinären Vernetzung, da man die Möglichkeit hat, zwischen den Sessions, Themen und Schwerpunkten zu wechseln. Natürlich müssen wir bei der Tagung ein Angebot schaffen, das unserem wissenschaftlichen Anspruch gerecht wird. Das heißt, die Inhalte der einzelnen Sessions müssen auch fachlich in die Tiefe gehen. Hier nur die übergreifende Zusammenarbeit auf einem für alle leicht konsumierbaren Niveau im Auge zu haben, würde nicht funktionieren.

Aber eigentlich klappt es erfahrungsgemäß ganz gut, das Interesse der Teilnehmer auch für fachfremde Gebiete zu wecken. So versuchen wir natürlich immer, dem Anspruch nach Trans- und Interdisziplinarität gerecht zu werden. Aber das geht eben nur im Rahmen des Angebotes aus der Community, das uns zur Verfügung steht.

Gibt es außer inhaltlicher Präsentationen gezielte Aktivitäten, um diese Brücken zu bauen?

Wolters: Eine ganze Reihe! Um interessierte Tagungsteilnehmerinnen und Teilnehmer zu motivieren, ihre Arbeit in aktuelle naturschutzpolitische Prozesse einzubringen, führen wir in diesem Jahr gemeinsam mit NeFo den Workshop „Science-Policy bridges" durch. Dort stellen Experten die verschiedenen biodiversitätsrelevanten Prozesse auf nationaler und internationaler Ebene vor und ermöglichen in einem anschließenden „Speeddating" eine kurze persönliche Beratung zu den Optionen, sich daran zu beteiligen.

Parallel zu einer vormittäglichen Session findet die zweite Sitzung des AK ‚Kuratorium deutsche Biodiversitätsforschung' der Forschungsallianz statt, wo wichtige forschungspolitische Weichenstellungen diskutiert und weiterentwickelt werden. Obgleich dies kein offizieller Bestandteil der Jahrestagung ist, ermöglicht eine solche Sitzung schon wegen der räumlichen Nähe eine wichtige Brückenbildung zwischen der GfÖ und den größten Forschungsverbünden.

Darüber hinaus organisieren wir am Eröffnungstag in Kooperation mit unseren Kollegen von der Japanischen Ökologischen Gesellschaft einen Deutsch-Japanischen Abend. Hier wird es neben einem allgemeinen Austausch darum gehen, welche übergreifenden Antworten wir Forscher über Kontinente hinweg zu ähnlichen ökologischen Problemen finden können.

Und was die sozialen Brücken angeht: nicht zuletzt gibt es während der Tagung die zahlreichen Kaffeepausen und programmfreien Phasen, die ich in mancherlei Hinsicht für wichtiger halte, als das Programm selbst. Denn hier finden die Kontakte zwischen langjährigen Freunden und Kooperationspartnern, das Kennenlernen neuer Kollegen und der intensive Ideenaustausch in der persönlichen Begegnung statt.

Das Interview führte: Sebastian Tilch

 

Weitere Beiträge zur Person

Mit seiner Serie "Elefantengedichte" schaffte es Prof. Volkmar Wolters sogar bis ins ZDF. Einige seiner selbst vorgetragenen Kultgedichte finden Sie als Video hier.