Interview„Es wäre fahrlässig, diesen Wissensschatz zu ignorieren" - Interview mit Axel Paulsch

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Dr. Axel Paulsch, Institut für Biodiversität-Netzwerk e.V. (ibn) und Mitglied der deutschen IPBES-Delegation

Indigenes Wissen und IPBES

Im NeFo-Interview: Dr. Axel Paulsch, Institut für Biodiversität-Netzwerk e.V. (ibn) und Mitglied der deutschen IPBES-Delegation

„Indem wissenschaftliches Wissen mit den Kenntnissen Indigener und lokaler Gemeinschaften zusammengebracht wird, wird IPBES einen großen Beitrag zum globalen Wissen über Biodiversität leisten", heißt es im Arbeitsprogramm des gerade neu gegründeten Weltbiodiversitätsrats IPBES (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services). Als zwischenstaatliches Gremium hat er erkannt, dass er nur dann kompetent und erfolgreich Regierungen und andere Entscheidungsträger im Bereich der Biodiversität und Ökosystemfunktionen beraten kann, wenn er auch andere Formen von Wissen in seinen Arbeitsprozess einbindet. Die neu geschaffene Institution will daher über die Grenzen des bisher als relevant erachteten klassischen Wissens hinausgehen und damit nicht nur Erkenntnisse berücksichtigen, die durch alle Prüfverfahren der klassisch-westlich geprägten Wissenschaft als gut befunden wurden. In welchen Höhenlagen der Anden wächst eine alte Kartoffelsorte unter welchen Umweltbedingungen am besten? Wie düngen die Zarma im Westen des Nigers seit Jahrhunderten ihre Ackerflächen? Wo finden sich fast vergessene uralte Sorten, die nicht kommerziell interessant sind? Um solche Fragen geht es. Doch sind solche Informationen nicht viel zu lokal und kleinteilig für einen globalen Rat zur Rettung allen Lebens auf der Erde?
„Keineswegs!", so Dr. Axel Paulsch vom Institut für Biodiversität und Mitglied der deutschen IPBES-Delegation. „Denn letztendlich hängt die Ernährung der Menschheit, auch in Europa, nur von einigen wenigen Hochertragssorten von Reis, Mais, Weizen und Kartoffeln ab. Hochgezüchtet und empfindlich gegenüber Schädlingen und schwankenden Anbaubedingungen. Wir setzen damit alles auf eine Karte." Trotz immer größerenVeränderungen durch eingeschleppte Schädlingen und den Klimawandel. „Da ist es doch gut zu wissen, dass das genetische Potential und das Wissen, welche Sorte unter welchen Bedingungen wann gut wächst, in den Anden von denjenigen aufrecht erhalten wird, die damit schon seit 1000 Jahren ihr Überleben bestreiten", gibt der Geoökologe zu Bedenken.
Axel Paulsch arbeitet derzeit im Auftrag des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) an Strategien zur Einbindung anderer Wissensarten in die Arbeit von IPBES. Mit ihm sprachen wir über den Wert indi-genen Wissens und die Konflikte beim Zusammenprall völlig verschiedener Wissenswelten.

Ein wichtiger Aspekt, der IPBES von bestehenden globalen Wissenschaftsräten, wie etwa dem Weltklimarat IPCC, unterscheiden soll, ist die Nutzung verschiedener Wissenssysteme, insbesondere von indigenem Wissen. Warum ist dies bei der Erhaltung und Nutzung von Biodiversität so wichtig?

Paulsch: Aus vielerlei Gründen. Zum einen will sich IPBES ja mit Ökosystemen und deren Dienstleis-tungen für das menschliche Wohlbefinden befassen. Von diesen hängen indigene Gruppen zum Teil noch direkter und unmittelbarer ab als unsere technologisierten Gesellschaften. Zum anderen verfügen diese Gemeinschaften durch ihren täglichen Umgang mit der Natur über einen enormen Wissensschatz, der zwar nicht irgendwo schriftlich niedergelegt ist, sich aber in Traditionen, Verhaltensweisen, Anbauweisen und vielen anderen Dingen wiederfindet. Dieser Schatz kann für die Lösung von Umweltproblemen enorm wichtig sein, die beispielsweise durch moderne Bearbeitungsweisen überhaupt erst entstanden sind. Es wäre also sehr schade und fahrlässig, dieses Wissen schlichtweg zu ignorieren. Denn Biodiversitätswissen ist oft nur sehr lokal zu erfassen, gerade im Vergleich zur Klimaforschung und zum IPCC, wo auf Klimastationen und Messreihen rund um den Globus zurückgegriffen werden kann. So weiß z.B. der Bauer in den Anden durch seine jahrelangen Erfahrungen am besten, auf welcher Höhenstufe welche Kartoffelsorten unter welchen Umweltbedingungen am besten wachsen. Aber auch, wie sich dies im Laufe welcher Zeit verändert hat. Solche Dinge können einfach auch oft nicht alle wissenschaftlich untersucht werden, sondern sind nur der Bevölkerung vor Ort bekannt.
Darüber hinaus sollen die durch IPBES erarbeiteten Lösungsvorschläge ja auch insbesondere von der lokalen Bevölkerung angewendet werden. Wenn sich also an irgendeinem runden Tisch am anderen Ende der Welt von westlich geprägten Wissenschaftlern Lösungsvorschläge ausgedacht werden, die dann der Gemeinschaft „von irgendwo da oben" aufgedrückt werden sollen ohne ihre Lebenswirklichkeit zu kennen, dann ist es natürlich umso unwahrscheinlicher, dass sie auch umgesetzt werden. Oder ein Vorschlag ist völlig daneben und von vornherein zum Scheitern verurteilt. Wird eine Pflanze in einem von Hunger bedrohten Gebiet beispielsweise aus religiösen Gründen nicht gegessen, so muss das akzeptiert werden – auch, wenn sie noch so kalorienreich ist.

Das Wissen einer indigenen Minderheit ist damit eng mit dem jeweiligen Siedlungsgebiet verknüpft und somit lokal sehr begrenzt. Wie kann also lokales Biodiversitätswissen in einem internationalen Gremium repräsentiert werden?

Paulsch: Die Aufgabe von IPBES ist es ja, Assessments durchzuführen, also den Wissensstand zu einer bestimmten biodiversitätsbezogenen Fragestellung zusammentragen. Beispielsweise soll möglichst schnell ein Assessment zu Fragen der Bestäubung im Zusammenhang mit Ernährungssicherheit erstellt werden. Dazu wird man zunächst natürlich die Publikationen von Wissenschaftlern heranziehen, die beispielsweise untersucht haben, welchen Beitrag welche Bienen zur Bestäubung einer bestimmten Pflanzenart leisten. Man kann gleichzeitig aber auch versuchen, traditionelles Wissen zu Rate zu ziehen, sei es aus der örtlichen Baumschule oder Samenbank, dem Ältestenrat oder einem lokalen Projekt. Denn dadurch wird letztendlich ein vollständigeres Bild entstehen, als wenn nur das in hochrangigen Zeitschriften publizierte Wissen genutzt werden würde.
Wie das letztendlich realisiert werden soll, ist bisher noch weitestgehend unklar. Daher soll nun eine Expertengruppe aus westlich geprägten Wissenschaftlern und Indigenen-Vertretern bis 2016 Richtlinien erarbeiten, wie das technisch funktionieren könnte. Es müssten auf jeden Fall Leute mit Mittlerfunktion gefunden werden, die sich einerseits mit diesem traditionellen Wissen auskennen, weil sie vielleicht aus einer solchen Gemeinschaft kommen, die andererseits aber auch verstehen, wie auf internationaler Ebene Daten zusammengetragen werden. Denn natürlich kann nicht jeder Kleinbauer persönlich befragt werden. Hier muss man also aus den lokal ermittelten Daten beispielsweise zu einer Bodenbearbeitungsform auf allgemeine landwirtschaftliche Empfehlungen für viele andere Flächen mit den gleichen Umweltbedingungen geschlossen werden können.

Welche Schwierigkeiten entstehen in der Praxis von IPBES wenn man indigenes Wissen einbeziehen will?

Paulsch: Wie bereits angedeutet, gibt es natürlich einige Schwierigkeiten in der Praxis, ganz nach dem Motto „Jetzt haben wir im IPBES-Papier festgeschrieben, dieses Wissen einzubeziehen, jetzt haben wir den Lack". Jetzt müssen wir also herausfinden, wie wir es tatsächlich machen – ohne uns wahnsinnig zusätzliche Mühe ans Bein zu binden oder an Glaubwürdigkeit zu verlieren.
Um die Glaubwürdigkeit von IPBES zu gewährleisten müssen Kriterien entwickelt werden, die bewerten, ob ein Wissen es wert ist, in die Arbeit von IPBES aufgenommen zu werden. Hier dürfen natürlich für Kenntnisse aus verschiedenen Wissenssystemen nicht jeweils die gleichen Bewertungskriterien angewendet werden. Denn indigenes Wissen ist natürlich nicht peerreviewed [Anm. der Redaktion: gängiges Verfahren im klassischen Wissenschaftsbetrieb zur Beurteilung und Qualitätssicherung wissenschaftlicher Arbeiten]. Wir müssen demnach herausfinden, warum die lokale Gemeinschaft dieses Wissen als wichtig erachtet – weil es die Ältesten so machen, weil es funktioniert oder weil sie einfach daran glauben? Hier müsste versucht werden, die Indigenen dazu anzuhalten, sich über ihre Bewertungskriterien selber klar zu werden und diese vielleicht auch nachvollziehbar niederzuschreiben. Jede Wissensform hat hier ihre Berechtigung, doch man muss feststellen können, nach welchen Kriterien Wissen hier bewertet wird um es letztendlich validieren zu können.

Oft kommen klassische Naturwissenschaftlicher dabei zu einem anderen Ergebnis als indigene Gruppen mit ihren jahrelangen Erfahrungen in ihrem Siedlungsgebiet. Wie wird IPBES mit solchen Wissenskonflikten umgehen? Welches Wissen wird hier als das relevantere betrachtet?

Paulsch: Hier müssten die Schlussfolgerungen der verschiedenen Wissensformen nebeneinander dargestellt werden. Denn würde man versuchen, diese irgendwie zu vermischen und einen Mittelweg abzuleiten, wäre niemandem geholfen.
Ein Beispiel: Es soll eine Empfehlung entwickelt werden, welche Dichte an Weidevieh eine Trocken-grasvegetation aushält. Der Wissenschaftler wird vermutlich anhand von Versuchen zur Beweidung schauen, wie schnell was wieder nachwächst. Wenn dann aber in jenem Gebiet eine traditionelle Gesellschaft lebt, in der der Wohlstand des Einzelnen an der Stückzahl Vieh fest gemacht wird, dann wird diese vermutlich zu einem anderen Ergebnis kommen als der Wissenschaftler. Obwohl ihr Vieh vielleicht so mager ist, dass es kurz vor dem Verhungern ist. Hier würde „halb so viel und dafür gewappnet für die nächste Trockenzeit" wahrscheinlich vom Wissenschaftler empfohlen werden.
Welches Wissen gilt hier jedoch als das relevantere und welche Lösungsmöglichkeit bietet man hier an? In solchen Situationen muss durch IPBES klar gemacht werden, dass es verschiedene Ansichten gibt. Dann kann sich der Rezipient entscheiden, welcher Lösungsvorschlag für ihn am besten geeignet ist. Denn auch das muss man bedenken: IPBES erarbeitet ja keine Lösungsvorschläge, die ab morgen von jedem Staat umgesetzt werden müssen. Es bleibt letztendlich jedem selbst überlassen, sich davon inspirieren zu lassen oder nicht. Leider, muss man oft sagen. IPBES kann nur nach bestem Wissen und Gewissen Ratschläge geben bzw. Szenarien aufzeigen, was passiert, wenn diese Ratschläge missachtet werden.

Welches Interesse haben die Eigner traditionellen Wissens daran, dieses IPBES zur Verfügung zu stellen bzw. wodurch könnte dieses geweckt werden?

Paulsch: Das ist sehr unterschiedlich. Einige sind sich gar nicht ihres Wissensschatzes bewusst und können sich kaum vorstellen, dass es für die moderne Gesellschaft von Interesse ist. Sie wollen nicht in ihrer Situation „verharren" und wären froh, wenn sie da raus kommen und auch ein Handy und ein Auto besitzen würden. Ganz entscheidend ist es hier, ihnen zu zeigen, wie wichtig und wertvoll ihr Wissen ist. Die Wertschätzung durch IPBES kann dann sogar dazu führen, dass sich eine Gemeinschaft wieder mehr auf ihre eigene Kultur besinnt und mit dieser wieder besser zurechtkommt.
Andere traditionelle Gemeinschaften sind wiederum sehr stolz auf ihr Wissen und haben sogar Angst, es an die Moderne zu verlieren, wenn sie es weitergeben. Hier muss es natürlich einen ent-sprechenden gerechten Vorteilsausgleich geben, d.h. wenn einer aus der westlichen Welt etwas nutzt, was auf ihrem Wissen basiert, dann müssen die ursprünglichen Wissensträger natürlich ir-gendwie an den Gewinnen beteiligt sein, auch in Form von Geld.Und das ist natürlich ein Anreiz um sich als Gemeinschaft erst einmal Gedanken darüber zu machen, was wir eigentlich an Wissen haben, wie wir uns verhalten, wenn einer nach diesem Wissen fragt, welchen Ausgleich wir als Gemeinschaft dafür gern hätten und wer mit dem Externen letztendlich die Verhandlungen führt.

Sie sind ja selbst bei den meisten relevanten internationalen politischen Konferenzen mit Na-turschutzbezug anwesend. Wie ist Ihre Einschätzung, werden traditionelles Wissen und die Men-schen dahinter bei den nationalen Vertretern genügend ernst genommen?

Paulsch: Bei internationalen biodiversitätsbezogenen Politikkonferenzen will man indigenem Wissen zunehmend mehr Beachtung schenken. So geschehen bei Verhandlungen im Prozess der Konvention zur Biologischen Vielfalt (CBD), bei denen die bisher geltende strenge Redeordnung aufgebrochen wurde und ein gleichberechtigter Dialog angestrebt wurde. Dies wird auch dadurch möglich, dass sich die Indigenen-Vertreter zunehmend besser und selbstbewusster organisieren und beispielsweise ein gemeinsames Statement formulieren, um diesem damit mehr Gewicht zu verleihen.
Nach der bisher geltenden strengen Redeordnung ist es so, dass zunächst die beigetretenen Staaten das Rederecht haben und erst am Ende der Sitzung, wenn noch Zeit ist, Indigenen-Vertreter, NGOs und andere Institutionen mit Beobachterstatus zu Wort kommen können. Denn letztendlich sind solche Verhandlungen natürlich Verhandlungen zwischen Regierungen .Stimmberechtigte Mitglieder sind damit tatsächlich nur die Staaten selbst. Wenn sich hier ein Staat gegen einen Konsens stellt, dann muss weiterverhandelt werden. Wenn sich ein Indigenen-Vertreter dagegenstellt, ist es kein Grund, diesen Beschluss nicht trotzdem zu verabschieden. Aber das gleiche gilt natürlich auch für NGOs oder andere Institutionen mit Beobachterstatus. Das heißt, ihre Kommentare können angenommen werden, müssen aber nicht.
Wobei letztendlich natürlich jede Regierung entscheiden kann, wie sie ihre Delegation zusammen-setzt. So hat Norwegen einen Vertreter von der Gemeinschaft der Samen mit in ihrer Delegation. Es kommt also letztlich auch darauf an, wie jedes Land mit seinen Indigenen umgeht.

 

Das Interview führte: Verena Müller

 

Weitere Links zum Thema Indigenes Wissen und IPBES:

Zum Hauptartikel: Zurück in die Zukunft - warum uralte Traditionen unsere Zukunft retten können

Workshop des BfN auf der Insel Vilm zur Einbindung verschiedener Wissenssysteme in IPBES [pdf]

NeFo-Video: Wie der „Weltbiodiversitätsrat" IPBES ein Vorbild zwischenstaatlicher Politikberatung wurde