Interview"Es braucht die richtige Balance zwischen politischer Relevanz und wissenschaftlicher Qualität" - Interview mit Carsten Neßhöver

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Carsten Neßhöver
Dr. Carsten Neßhöver, UFZ

Weltbiodiversitätsrat IPBES

Im NeFo-Interview: Dr. Carsten Neßhöver, UFZ Leipzig

Dr. Carsten Neßhöver ist Geoökologe im Department Naturschutzforschung des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung UFZ, Koordinator und Partner diverser EU-finanzierter Projekte zur Forschungs- und Politikvernetzung im Bereich Biodiversität und Projektleiter des Netzwerk-Forums zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo). Im Rahmen dessen arbeitet er auch zur inhaltlichen Ausgestaltung und Organisationsstruktur von IPBES.

Herr Neßhöver, in diesem Monat findet die erste große Vollversammlung des Weltbiodiversitätsrates in Bonn, dem Sitz von IPBES, statt. Um was wird es gehen?

Auch bei dieser ersten offiziellen Sitzung wird es vornehmlich noch um formale Fragen gehen. So sind etwa die Abläufe, wie Anfragen an IPBEs gestellt werden können und wie darüber entschieden wird, noch nicht entschieden. Wichtig ist auch, dass zunächst für eine Übergangszeit von zwei Jahren erstmalig die Vorsitzenden bestimmt und mit dem Büro und dem wissenschaftlichen Expertengremium die zentralen Gremien von IPBES personell besetzt werden. Dabei wird sich auch zeigen, ob es gelingt, hochrangige Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in das Expertengremium zu bringen.

Wie müsste sich der Rat zusammensetzen um von Außenstehenden aus Politik, Wissenschaft, Nichtregierungs-organisation und Öffentlichkeit ernst genommen zu werden? Und wie kann verhindert werden, dass kurzfristige politische Interessen die eher auf langfristigen Beobachtungen beruhenden wissenschaftlichen Erkenntnisse verdrängen?

Das ist ein weites Feld. Zunächst einmal wird es wesentlich für das Schaffen von Vertrauen sein, dass für die Positionen des Vorsitzenden und der vier Vize-Vorsitzenden Personen berufen werden, die allgemein in Wissenschaft wie in Politik anerkannt sind. Danach wird erst die Arbeit des Vorsitzenden und der IPBES-Gremien die Grundlage dafür schaffen können, dass IPBES ernst genommen wird.
Die richtige Balance zwischen politischer Kontrolle und Relevanz einerseits, und wissenschaftlicher Qualität andererseits zu schaffen, ist immer das schwierigste Element bei solchen Gremien, wie man auch beim IPCC in der Vergangenheit gesehen hat. Dabei geht es aus meiner Sicht weniger um Kurzfristig- und Langfristigkeit, sondern um die richtige Form, in der die Arbeit von IPBES stattfindet und präsentiert wird. Allein große Berichte zu schreiben wird hier zu wenig Erfolg führen. Man muss vielmehr über andere Formen wie z. B. über Online-Wissensplattformen oder Workshops zwischen Wissenschaft und Praxis nachdenken. Dies ist in IPBES im Grunde auch angelegt.

Der Weltklimarat IPCC wird nach ein paar Kommunikationspannen und Recherchenachlässigkeiten von der Öffentlichkeit öfter mit Skepsis betrachtet. Wie will man solche Fehler beim Weltbiodiversitätsrat IPBES von Anfang an vermeiden?

Ich denke, dass die Wahrnehmung der sogenannten Fehler in IPCC-Berichten sehr stark übertrieben wird. Hier spielen die Medien, die bevorzugt diese Fehler-Diskussionen aufgreifen, eine starke Rolle. Das Bewusstsein für die negativen Auswirkung des Klimawandels in der Zukunft ist, ebenso wie für den Verlust der Biodiversität, in unserer Bevölkerung angekommen, auch dank der Wissenschaft.
Der IPCC hat aber sicherlich im Umgang mit Kritik Fehler in der Kommunikation gemacht. Überall in der Wissenschaft gibt es konträre Meinungen und es geschehen auch Fehler wie beim IPCC. Dies ist ein Teil des wissenschaftlichen Prozesses. Dies deutlich zu machen – und natürlich gleichzeitig eine Minimierung von Fehlern sicherzustellen – ist eine wesentlich Aufgabe von IPBES. Hier hat der IPCC im Übrigen auch wesentliches geleistet, etwa durch bewusste Angaben von Unsicherheiten zu den jeweiligen Aussagen. Dies wurde lange in der Diskussion ignoriert, heute jedoch stärker betont.

Wann werden die ersten Inhalte ins Spiel kommen? Welche Themen sind die dringlichsten und müssten zuerst angepackt werden?

Es gibt noch keine Festlegung auf konkrete Themen, mit denen sich IPBES beschäftigen soll. Nach der Sitzung in Bonn wird es einen ersten Aufruf an Mitgliedsstaaten und internationale Übereinkommen geben, Themen für ein erstes Arbeitsprogramm zu benennen, das dann noch dieses Jahr in einer zweiten Sitzung beschlossen werden soll.
Aus meiner Sicht wird eine Beschäftigung mit einigen Themen des Übereinkommens zur Biologischen Vielfalt sehr wichtig sein, etwa die Renaturierung und Restaurierung von zerstörten Ökosystemen. Hier hat man sich international ambitionierte Ziele gesetzt. Für deren Umsetzung die zentralen Informationen zusammenzutragen, wäre eine exzellente Aufgabe für IPBES.

Welche Informationen fehlen denn, um zu einer weltweit effektiven Naturschutzpolitik zu finden, und welchen Beitrag soll das neue Gremium dazu leisten?

Die Herausforderung beim Thema Biodiversität ist ja, dass relevante Politik nicht international, sondern national oder gar lokal gemacht wird. Das Wissen für diese Ebenen breiter zu integrieren und verfügbar zu machen, ist eine zentrale Aufgabe von IPBES. Auch bietet das Konzept der Ökosystemdienstleistungen, wie sich schon in den letzten Jahren gezeigt hat, eine sehr gute Möglichkeit, die Erhaltung der Natur aus der reinen „Schutz-Ecke" herauszuholen und breiter in den Gesellschaften zu verankern, z. B. in der Entwicklungs-, der Agrar- und Fischerei- oder der Energiepolitik. Diesen Bogen zu schlagen, wird eine zentrale Aufgabe von IPBES sein.

Wie könnte dies an einem konkreten Beispiel aussehen, insbesondere mit Hinblick auf die knappen Zeitfenster, die immer hinter politischen Entscheidungen stehen?

Ein Beispiel habe ich ja schon genannt: Die Restaurierung zerstörter Ökosysteme. Hier besteht häufig ein sehr großer ökonomischer Nutzen durch die wiederhergestellten Leistungen der Ökosysteme. IPBES könnte einen Überblick über Situationen und Methoden geben, diese nach verschiedenen Ökosystemen getrennt analysieren und entsprechend zugänglich aufbereiten. Damit könnte einerseits ein globaler Überblick geschaffen, andererseits der Politik vor Ort wichtiges Rüstzeug für eine Umsetzung der international durch das Übereinkommen über die Biologische Vielfalt verabschiedeten Ziele an die Hand gegeben werden. Auch Europa hat sich diesbezüglich eigene Ziele gesetzt und könnte direkt von einer solchen Aufarbeitung der Thematik profitieren.

Welchen Input wünschen Sie sich von der deutschen Biodiversitätsforschung?

Wir haben mit dem NeFo-Projekt bereits 2011 ein erstes nationales Meeting zu IPBES veranstaltet, das auf sehr hohe Resonanz stieß, nicht nur unter individuellen Forscherinnen und Forschern, sondern auch unter deren Institutionen. Deswegen erwarte ich mir ein hohes Maß an Beteiligungsbereitschaft aus der deutschen Forschung heraus. Und das lässt hoffen, dass Beiträge zu IPBES dann dort auch zunehmend als wichtige wissenschaftliche Leistung angesehen werden.

 

Das Interview führten Verena Müller und Sebastian Tilch

Weiterführender Artikel:

Wofür brauchen wir einen „Weltbiodiversitätsrat"?

Hintergrundinformationen zu IPBES von NeFo