Dialog der Wissenssysteme: Von der Schwierigkeit der Integration von indigenem und lokalem Wissen in wissenschaftsbasierte IPBES-Assessments

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Treffen zur Einbindung von indigenem und lokalem Wissen in das IPBES-Afrika-Assessment 2015 in Paris
Foto: K. Heubach

Vom 14. bis 16 September fand in Paris das Treffen zur Einbindung von indigenem und lokalem Wissen in das Afrika-Assessment von IPBES statt. Es bildet den Auftakt in einer Reihe von Dialogprozessen, die helfen sollen, Wissen aus verschiedenen Wissenssystemen im Rahmen der regionalen IPBES-Assessments zu integrieren. IPBES-Leadautorin im Afrika-Assessment und NeFo-Mitarbeiterin Katja Heubach (UFZ) war dabei und berichtet, welche Herausforderungen der auf dieser politischen Ebene einzigartige partizipative Ansatz mit sich bringt.

Wissenschaftliche Studien sind (meist) gut dokumentiert, folgen international festgelegten Standards, sind validiert und reproduzierbar und spiegeln (oft) globale Zusammenhänge und Trends wider. Im Idealfall produzieren Wissenschaft und Forschung also verlässliches und leicht zugängliches Wissen. Für IPBES sind wissenschaftliche Studien und Experimente daher auch die Grundlage für seine Assessment-Prozesse.

Allerdings wird auch außerhalb dieses Systems Wissen produziert, das für IPBES relevant ist. Wissen, das (zumeist) nur mündlich und in der zugehörigen lokalen Sprache überliefert wird – oft seit Jahrhunderten – und nur selten zugänglich für die Außenwelt ist. Wissen, das eigenen Standards und Kriterien folgt, die den lokalen Bedingungen angepasst und innerhalb der jeweiligen Gemeinschaft vereinbart sind. Wissen, das aufgrund seines Lokalbezugs oft nur schwer generalisierbar ist. Trotzdem – beziehungsweise gerade wegen dieses Lokalbezugs – ist dieses so genannte indigene oder lokale Wissen (ILK) möglicherweise ausschlaggebend für IPBES.

Denn soll IPBES seine zentrale Aufgabe erfüllen, Handlungsempfehlungen für lokale EntscheidungsträgerInnen zu entwickeln, reichen globale Daten und Trends nicht aus. Lokales Wissen liefert die räumliche und kulturelle Einbettung von Maßnahmen zum Schutz von Biodiversität und Ökosystemleistungen – weil es auf jene zugeschnitten ist, die umsetzen sollen und auf bestehenden Praktiken aufbaut.

Und dabei sprechen wir nicht nur von den üblichen Verdächtigen: Nicht nur afrikanische und asiatische Kulturen haben lokales Wissen, auch in Europa haben wir diesbezüglich einiges beizusteuern. Man denke nur an die Vielzahl Kartoffelvarietäten, die deutschlandweit in unterschiedlichen Mikroklimata herangezüchtet werden. Dafür braucht es lokales Wissen über Bodenverhältnisse, Sonnendauer, Regenintensität, Schädlinge usw..

Wenngleich der Wert dieses nicht-akademischen Wissens zunehmend auch in der Wissenschaft anerkannt wird und IPBES die Integration verschiedener Wissenssysteme in seinen Leitprinzipien festgeschrieben hat, die große Frage indes bleibt: Wie kann eine solche Integration ganz praktisch gelingen? Wie bringt man die verschiedenen Standards und Kriterien überein, nicht zu sprechen von den unterschiedlichen Weltsichten und Annahmen, auf denen die jeweiligen Wissensformen fußen? Wie kann das Wissen (gegenseitig) validiert werden?

Dabei sind diese Fragen gar nicht so neu. Auch innerhalb der Wissenschaft setzen sich ForscherInnen zunehmend damit auseinander, wie man wissenschaftliches Wissen mit dem von PraktikerInnen, VertreterInnen aus Behörden und Verwaltung oder auch (Umwelt-)Verbänden zusammenbringt. Denn die Einsicht, dass unserer derzeitigen Umweltprobleme ohne die Mitwirkung gesellschaftlicher Akteure nicht in den Griff zu kriegen sind, setzt sich langsam auch in der Wissenschaft durch. Und so stehen Citizen Science, also die Zusammenarbeit von wissenschaftlichen Institutionen mit BürgerInnen, und andere transdisziplinäre Ansätze vor den gleichen Fragestellungen: Wie kann die Integration gelingen?

Einig ist man sich, dass alles mit einem intensiven Dialog beginnt. Sich gegenseitig erklären, was das eigene Wissen ausmacht, wie es funktioniert, wie es angewendet wird, welchen Wert es für die zugehörige Gesellschaft besitzt, und warum man es nicht verlieren darf. Das sind die Eckdaten dieses Dialogs.

Eine der ersten Erkenntnisse aus diesen Dialogprozessen ist meist, dass man eigentlich nur selten Äpfel mit Birnen vergleichen muss. Und auch, dass das wissenschaftliche Wissen oft bereits auf lokalem Wissen basiert. So sind gerade Studien im Bereich der Ethnobotanik, Geografie, Ethnografie, Soziologie oder auch Ökologie durchdrungen von traditionellem und lokalem Wissen. Denn bereits seit den 1980er Jahren sind partizipative Methoden, also die gemeinsame Erhebung von Daten und Informationen mit lokalen, gesellschaftlichen Akteuren, in diesen Disziplinen oft Standard.

Genau diesem Dialog zwischen Wissenschaftlern und Trägern indigenen und lokalen Wissens hat sich der IPBES-Prozess verschrieben. Den Anfang hat dabei das Assessment zu Bestäubung und Nahrungsmittelsicherung gemacht. Auf Einladung der IPBES Task Force zu Indigenem und Lokalem Wissen trafen sich die koordinierenden Leitautoren des Assessments mit lokalen Imkern und traditionellen Heilern u.a. aus Afrika, Asien und Südamerika. Das finale Ergebnis dieses Dialogs wird IPBES im nächsten Frühjahr anlässlich seines 4. Plenums in Malaysia (IPBES-4) veröffentlichen.

Denn dann soll der Assessment-Report unter den IPBES-Mitgliedsstaaten verhandelt werden. Aus dem Entwurf des Reports, der über den Sommer zur Kommentierung stand, wird allerding schon jetzt deutlich, dass es sich bei der „Integration" eher um eine Nebeneinanderstellung der verschiedenen Wissensformen handeln wird. Hinsichtlich der knappen Zeit, die den AutorInnen für die Erstellung des Reports zur Verfügung stand, ist das allerdings auch nicht verwunderlich.

Glücklicherweise stehen ja auch noch einige andere Assessments an, in deren Rahmen man Integration erproben kann. Dialogprozesse ähnlich zu denen des Bestäuber-Assessment sind beispielsweise bereits für die vier regionalen Assessments gestartet worden. In dreitägigen Workshops werden Fallbeispiele vorgestellt und intensiv auf deren Integrationsmöglichkeiten abgeklopft. Schnell vergessen wird dabei manchmal, dass Integration nicht heißt, dass sich nur der eine dem anderen annähert. Auch die Wissenschaft muss sich hin zu den anderen Wissenssystemen öffnen. Das zeigt sich zum Beispiel bei der Validierung von Informationen.

Es sind nicht immer nur die Wissenschaften, die über die Glaubwürdigkeit lokalen Wissens entscheiden sollten: Zwischenzeitlich sind auch Fälle dokumentiert, in denen wissenschaftliche Ergebnisse nicht auf die beschriebenen, lokalen Kontexte und Zustände abgebildet werden konnten. Und eine erfolgreiche Umsetzung ist auch von der Akzeptanz der Ergebnisse durch die Bevölkerung abhängig. Diese muss sich also mit den Inhalten der Berichte identifizieren können und einbezogen fühlen. Größtmögliche gegenseitige Aufmerksamkeit und Achtung ist also der Schlüssel zum Erfolg.

Ein allgemeines Fazit gibt es aber bereits aus diesem ersten Treffen im Rahmen des Dialogprozesses: Es reicht nicht, sich in den Assessment-Reports damit zu begnügen, ausgewählte Fallstudien als kleine Exkurse in Boxen anzuführen. Das ist weder guter Dialog, noch echte Integration. Vermutlich ist es nicht einmal gute wissenschaftliche Praxis. Die nächsten Schritte wie etwa Fallstudien indigenen Wissens zu den Inhalten der einzelnen Kapitel der regionalen Assessments zu finden, werden zeigen, was möglich ist.

Zur offiziellen Seite des IPBES Sekretariats zur Einbeziehung indigenen und lokalen Wissens geht es hier.