InterviewNachhaltiger Konsum - NeFo-Interview mit Dr. Melanie Jaeger-Erben (TU-Berlin)

„Wie kann unser Leben aussehen, wenn alle ein gutes Leben haben sollen?“
Im NeFo-Interview: 
Dr. Melanie Jaeger-Erben, Soziologin an der TU-Berlin

Konsum gilt als ein maßgeblicher Treiber globaler Nachhaltigkeitsprobleme wie etwa des Biodiversitätsverlustes. Folgerichtig widmen sich die Vereinten Nationen in ihren 2015 verabschiedeten Nachhaltigkeitszielen (SDGs) nachhaltigem Konsum und nachhaltiger Produktion (Ziel 12). Doch wie überträgt man ein solches globales Ziel auf die Lebenswelt der Bürger?

Anfang des Jahres hat sich im Rahmen des Deutschen Konsortiums für Nachhaltigkeit in FutureEarth (DKN) die Arbeitsgruppe „Nachhaltiger Konsum“ gegründet. Sie besteht aus derzeit neun Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus verschiedenen gesellschaftswissenschaftlichen Fachrichtungen und untersucht und definiert konkrete „Transformationskorridore“ unter Berücksichtigung des aktuellen Wissenstands sowie vor dem Hintergrund global-politischer Zielsetzungen wie den Zielen des Nationalen Programms für Nachhaltigen Konsum (NPNK) und den SDGs (Webseite der Arbeitsgruppe). Aber was ist mit „Korridor“ gemeint? Wie erforscht man gesellschaftliche Transformationsmöglichkeiten und was soll am Ende als Ergebnis der Arbeitsgruppe stehen? Darüber sprachen wir mit deren Sprecherin, der Soziologin Dr. Melanie Jaeger-Erben.

 

NeFo: Frau Jaeger-Erben, Sie suchen mit Ihrer AG nach Transformationskorridoren für Nachhaltigen Konsum. Was ist mit diesem Begriff gemeint?

Jaeger-Erben: Ausgangspunkt der AG ist, dass viele Ziele zu Nachhaltigkeit oder auch Transformationsideen ziemlich abstrakt sind. Wir wollen diese runterbrechen auf die einfache Frage: „Was heißt das denn nun für den Alltag der ganz normalen Menschen?“ Und dazu nutzen wir das Bild des „Transformationskorridors“. Viele arbeiten ja mit dem Begriff oder Bild des Transformationspfades. Pfade können sich schlängeln, verworren sein. Wir dachten aber, das Bild ist zu offen, denn es gibt auch Begrenzungen dieser Pfade – rechts und links wie auch oben und unten. Es ist also ein dreidimensionales Bild des Pfades.

Einige der AG-Mitglieder haben bereits mit dem Begriff „Konsumkorridore“ gearbeitet, mit dem die Minimalbedingungen und Maximalwirkungen von Konsumpraktiken diskutiert wurden. Wir erweitern diese nun um Transformationsprozesse insgesamt. Der Ansatz schließt verschiedene bestehende Konzepte ein, wie etwa die Grundbedürfnisse für ein gutes Leben, also die Minimalanforderungen oder Lebensgrundlagen wie Nahrung, Kleidung, Minimalbedingungen für soziale Teilhabe etc., die u.a. von den Menschenrechten abgeleitet sind, aber auch von den Sozialsystemen. Das ist der Boden des Korridors.

Oben, also die Decke, sind die begrenzten natürlichen Ressourcen und die Leistungsfähigkeit der Erdsysteme, die uns allen zur Verfügung stehen und die u.a. dem Konzept der Planetary Boundaries entnommen sind. Die Wände rechts und links versinnbildlichen die Bedürfnisse anderer Menschen oder auch späterer Generationen, die durch unser Handeln nicht beeinträchtigt werden dürfen. Hier beziehen wir uns u.a. auf Solidaritätskonzepte.

NeFo: Wie sucht man wissenschaftlich nach solchen Korridoren?

Jaeger-Erben: Wir treffen uns, tragen Literatur zusammen und teilen auf, wer was noch lesen soll, und entwickeln Szenarien: Was heißt es, einen Alltag innerhalb des Korridors zu gestalten?
Ein Beispiel: Was heißt es eigentlich in Bezug auf Kalorienverbrauch pro Kopf? Also wie viele Kalorien muss ich zu mir nehmen und darf ich zu mir nehmen, damit jeder Mensch auf der Welt bei der begrenzten Ressourcenlage die gleichen Möglichkeiten hat? Das gleiche kann man mit Wasser oder Land machen. Wissenschaftlich tragen wir Wissen zu bestimmten normativen Konzepten und Zielen zusammen, wie den Sustainable Development Goals oder dem normativen Kompass des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WGBU).

Dabei unterscheiden wir verschiedene Lebensphasen wie die junger Menschen im Übergang zur Berufstätigkeit, Familien und Senioren. Das kann dann ganz plastisch werden: Was bedeutet das für die vierköpfige Familie Müller, die in der Stadt wohnt, oder Peter Schmidt, der jetzt sein Studium beginnen will, oder das Seniorenpaar Mayer im ländlichen Bereich. Wir schauen dann, was man empirisch darüber weiß, wie sich die Bedürfnisse ändern: Berufsanfänger brauchen bspw. eine kleine Wohnung oder WG, Familien brauchen mehr Platz. Senioren gehen auf Reisen, haben einen Garten etc. Dabei beschränken wir uns erstmal auf den deutschsprachigen Raum bzw. nutzen auch Literatur aus Ländern mit ähnlichen Lebensbedingungen. Dabei haben wir schon durchaus Forschungsbedarf festgestellt für Konzepte, die erklären, warum sich die Konsummuster in den verschiedenen Lebensphasen ändern.

Wenn man sich aber diese Bedürfnisse, die den Menschen Lebensqualität bringen, dann mal genauer vor Augen führt, kommt man oft schnell zu der Erkenntnis, dass man ohne Glückseinschränkungen wesentlich nachhaltiger leben könnte. Da geht es darum, in liebevolle Beziehungen zu leben, Freunde zu haben, wirksam zu sein. Klar gibt es auch Statussymbole oder Erlebnisbedarf. Aber das kann man letztendlich auf ganz verschiedene Weisen befriedigen.

NeFo: Transformation kann ja sehr unterschiedlich aussehen bzw. sehr unterschiedliche Zielzustände haben. Sind denn die Ziele, wohin sich welche wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bereiche entwickeln müssen, bereits ganz klar? Klare Ziele wären ja die Voraussetzung, um dann Wege bzw. Korridore dorthin zu finden.

Jaeger-Erben: Also ich sag‘ mal so: Bei uns ist der Weg das Ziel. Die Korridore sind nicht als Verbindung von einem in den anderen Zustand zu verstehen als eher das Ziel selbst. Sprich: Ein nachhaltiges Leben, das alle Menschen oder Lebewesen, letztendlich die Welt als Gesamtheit, als gleichberechtigt respektiert, kann nur innerhalb dieses Korridors funktionieren, der von den genannten Grenzen gebildet wird. Der Korridor hört also nicht irgendwann auf und dann kommt das Paradies. Wir bleiben immer da drinnen. Das Ziel ist es, innerhalb des Korridors ein gutes Leben zu schaffen. Bisher sind wir da ja aber noch gar nicht drin. Mit unserer Arbeitsgruppe versuchen wir also, Wege hinein in den Korridor vorzuzeichnen.

NeFo: Was ist das Ziel der Arbeitsgruppe?

Jaeger-Erben: Das Ziel unserer Arbeitsgruppe – wie auch aller anderen Arbeitsgruppen des DKN – ist es, Forschungsfragen für künftige Forschungsprogramme zu entwickeln, also Anschlussforschung vorzubereiten und zu zeigen, wie die Entwicklung solcher Transformationskorridore aussehen könnte. Im nächsten Schritt arbeiten wir Prototypen von Szenarien aus, die exemplarisch für bestimmte Bevölkerungsteile deren Nachhaltigkeitsstatus darstellen und Wege aufzeigen, wie sie zu mehr Nachhaltigkeit kommen können bzw. wie sie zu einer nachhaltigen Gesellschaft beitragen können und wollen.

Um zu einer Umsetzung dieser Ideen zu gelangen, ist es aber noch ein weiter Weg. Dazu müsste man zuerst einmal auf sehr partizipative Weise festlegen, was die Grundbedürfnisse sind, und dann muss man die Frage beantworten, wie man bei den Leuten anregen können, sich in einem solidarischen System zu sehen, also ihr Handeln in Bezug auf die Auswirkungen auf andere zu bewerten, also wo sie durch eine eigene Handlung anderen etwas wegnehmen, und sich entsprechend selbst zu kontrollieren und ihre Grenzen bzw. Budget zu sehen? Und da geht es dann um die Frage, welche Instrumente zur Verfügung stehen, wie etwa regulatorische (jeder hat ein bestimmtes Budget) oder Freiwilligkeit und Lernprozesse, Austausch um für andere zu sensibilisieren etc.

NeFo: Nach welchen Kriterien wurde die Arbeitsgruppe zusammengestellt? Welche Forschungsbereiche sind vertreten?

Jaeger-Erben: Die Gruppe kannte sich zum Teil schon zuvor aus dem BMBF-Programm „Nachhaltiger Konsum -Vom Wissen zum Handeln“. Wir sind vor allem Gesellschaftswissenschaftlerinnen und Gesellschaftswissenschaftler, denn um gesellschaftliche Prozesse geht es hier ja: Wir vereinen Soziologie, Pädagogik, Ökonomie, Psychologie und Geographie. Naturwissenschaften sind in unserer Gruppe nicht vertreten. Wir haben aber alle schon immer inter- und transdisziplinär gearbeitet, haben also eine Sensibilität für Naturwissenschaften.

NeFo: Spielt bei der Findung von Transformationskorridoren die Biodiversitätsforschung im engeren, naturwissenschaftlichen Sinne eine Rolle?

Jaeger-Erben: Natürlich. Biodiversitätsforschung kommt ins Spiel wenn es um die Frage geht: Welche natürlichen Ressourcen gibt es und wo zerstört man natürliche Lebensräume durch welche Verhaltensweisen? Gerade die Forschung, die sich in dem Konzept der „Planetary Boundaries“ niederschlägt, hat wesentliche Relevanz für unsere Arbeit. Dieses Wissen beziehen wir aber vor allem aus Quellen wie etwa WBGU-Gutachten. Allerdings ist die Beziehung zwischen Konsum und Biodiversität systematisch sehr gering untersucht, zumindest auf der Mikroebene. Sich bspw. zu fragen, was unser Alltagsleben mit dem Insektensterben zu tun hat, und anders herum. Das war bisher für die meisten doch sehr abstrakt. Hier besteht sicherlich einiger Forschungsbedarf.

NeFo: Dem nachhaltigen Konsum ist ja eines der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen gewidmet. Aber eigentlich steckt es ja als Querschnittsthema in vielen, wenn nicht sogar allen anderen SDG-Zielen, etwa in der Nahrungssicherung, wo derzeit extrem viel unnötig weggeworfen wird; in der Trinkwasserversorgung, die mit dem Ackerbau konkurriert; oder auch in der nachhaltigen Nutzung der Ozeane, Stichwort Überfischung. Ist der Konsum also der zentrale Ansatzpunkt für eine nachhaltige Gesellschaft und die Lösung unserer globalen Umweltprobleme?

Jaeger-Erben: Ich denke, so einfach ist es nicht. Es ist grundsätzlich positiv zu sehen, dass die SDGs Produktion und Konsum nicht getrennt betrachten, sondern aufeinander bezieht. Das ist nicht selbstverständlich. Ich finde es aber eigentlich sinnvoller, nicht unbedingt nur den Aspekt des Konsums in den Mittelpunkt der Nachhaltigkeitsdebatte zu stellen, sondern das „Gute Leben“. Diesen Begriff könnte man als ein übergeordnetes Nachhaltigkeitsziel bezeichnen, in dem sich alle SDGs wiederfinden.

NeFo: Eine kürzlich erschienene Studie des PIK-Potsdam besagt, dass der Konsum ein wesentlicher Flaschenhals bei der Erreichung der Ziele sein wird. Wieso ist das so?

Jaeger-Erben: Man läuft bei solchen Aussagen natürlich immer die Gefahr, eine reine Verbraucherverantwortung zu sehen. Die Industrie hört man oft sagen, sie würden ja gern etwas ändern, aber der Verbraucher will das so. Andersherum ist sicherlich auch nicht nur die Industrie der Treiber dieser nicht-nachhaltigen Entwicklung. Wir haben uns einfach eine materialistische Kultur aufgebaut, die linear funktioniert: Wir kaufen und verbrauchen etwas und schmeißen den Rest weg. Dabei sind schon die Begriffe „Verbrauch“ und „Verbraucher“ problematisch. Wenn man jetzt dieses Konzept des „Guten Lebens“ nimmt, ist der Flaschenhals die Frage, ob dieses Ziel wirklich nur über riesige Mengen von Verbrauchsgütern geht.

NeFo: Gibt es denn bereits Vorbilder, also Bereiche, wo solche Korridore bereits existieren?

Jaeger-Erben: Budget-Konzepte, wie sie in internationalen Verhandlungen bspw. im Klimaschutz versucht werden zu implementieren, gehen in diese Richtung. Also welches Land wie viel CO2 ausstoßen darf. Das kann man sich eben auf verschiedene begrenzte Ressourcen vorstellen, bspw. Wasser. Das gibt es in der Theorie bereits, vollständig in Gesetze gegossen wurde es jedoch nicht. Der Gedanke der Minimalbedürfnisse, die ein Mensch braucht, stecken zum Beispiel in den Sozialversicherungsleistungen. Aber vollständige Korridore gibt es noch nicht.

NeFo: So ein Korridor ist ja etwas sehr Abstraktes. Während der Boden (Grundbedürfnisse) recht statisch scheint, sind zumindest die Wände (Einschränkung durch Bedürfnisse anderer) sehr flexibel, je nachdem, ob man in einem Ballungsgebiet lebt oder auf dem Land, die Weltbevölkerung wächst. Auch die Decke (global verfügbaren Ressourcen) verändern sich, zum einen durch den Konsum und die derzeit nicht-nachhaltige Lebens- und Wirtschaftsweisen, Klimawandel, zum anderen aber auch durch neue Technologien, die neue Ressourcen verfügbar machen etc. Wie soll man sich hier orientieren können, ob man im Rahmen lebt oder die Grenzen anderer überschreitet? Bräuchte man nicht beispielsweise eine App, die das eigene Limit errechnet und anmahnt?

Jaeger-Erben: Solche Apps gibt es ja bereits, etwa Rechner zum ökologischen Fußabdruck, zu Klimagasen etc. Ich halte wenig von solchen Lösungen. Diese Lebensquantifizierung würde ich kritisch sehen. Da spreche ich aber nur für mich. In der Gruppe haben wir das noch nicht besprochen. Ich glaube eher an „Achtsamkeit“, die im Kopf programmiert sein muss, nicht ins Handy, das ist meines Erachtens ein langfristigerer Effekt als es eine App erreichen kann. Zentral ist aber, dass sich die gesellschaftlichen Strukturen verändern, so dass Achtsamkeit auch in Handeln umgesetzt werden kann.

NeFo: Ist das realistisch? Die derzeitigen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen deuten doch eher darauf hin, dass die Achtsamkeit schwindet.

Jaeger-Erben: Ich glaube nicht, dass das so ist. Ich meine, das Bewusstsein und die Bereitschaft, sich in unserem Handeln auf die Bedürfnisse anderer zu beziehen, wachsen weiter. Sie fokussieren sich vielleicht auf bestimmte Bereiche wie bspw. die Familie, wie man seine Kinder groß kriegt. Ich denke, dass die Veränderung der Wahrnehmung dieses Bild einer rückläufigen Achtsamkeit erzeugt. Unsere Aufmerksamkeit für ausscherende Individuen ist gewachsen, u.a. auch durch mediale Möglichkeiten. So wie etwa die tatsächliche Kriminalitätsrate immer mehr sinkt, steigt in der Bevölkerung die Angst – die Wahrnehmung ist also eine genau gegensätzliche.

NeFo: Wie könnte man denn die Bereitschaft für mehr Achtsamkeit in der Bevölkerung fördern? In dem man gute Beispiele und Pilotprojekte präsentiert?

Jaeger-Erben: Ich würde das gar nicht als eine Top-down-Aufgabe betrachten. Viel erfolgversprechender erscheint es mir, die Leute einfach mal machen zu lassen. Es gibt so viele sozialinnovative Ansätze und Initiativen da draußen, die oft an ganz unsinnigen bürokratischen Hürden scheitern, etwa weil sie einen Raum nicht mehr nutzen dürfen, oder bspw. die Urban Gardener auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin regelmäßig ihre Genehmigung beantragen müssen und so nie eine Planungssicherheit bekommen. Oder es scheitert an der Portokasse. Von daher empfehle ich meist, solche Hürden abzubauen und mit der Gießkanne Fördergelder zu verteilen, um den Boden für einen gesellschaftlichen Wandel zu bereiten.

Das Interview führte Sebastian Tilch

Weitere NeFo-Beiträge zum Thema