InterviewCarsten Neßhöver gibt NeFo-Koordination ab: Fazit nach neun Jahren Politik-Schnittstelle Biodiversitätsforschung

"Beim Thema 'Wissenstransfer-Kultur' hat Deutschland weiterhin Nachholbedarf"
Im NeFo-Interview: 
Dr. Carsten Neßhöver

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Dr. Carsten Neßhöver
Foto: A. Künzelmann / UFZ

Deutschlands Forschungseinrichtungen leisten exzellente Arbeit im Bereich der Biodiversität, Ökologie und Nachhaltigkeit. Ein Großteil davon ist hochrelevant für gesellschaftliche Entwicklungen und politische Weichenstellungen zur Erreichung politisch gesteckter Ziele wie etwa die der Nachhaltigkeitsstrategie oder Biodiversitätsstrategie der Bundesregierung. Doch Politik und Forschung kommunizieren meist nicht auf denselben Wegen.

Seit 2009 unterstützt das Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo) den Austauschprozess sowohl zwischen den Forschungsdisziplinen untereinander als auch zwischen Forschung und Politik bzw. Gesellschaft. So unterstützt NeFo bspw. seit Gründung des Weltbiodiversitätsrates IPBES im Jahr 2012 dessen Abläufe der Berichtserstellung und die Einbindung deutscher Expertise.

Der Geoökologe Dr. Carsten Neßhöver hat am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ das vom Bundesforschungsministerium BMBF unterstützte Projekt mit entwickelt und bis Ende 2017 geleitet. Nach rund neun Jahren an der Schnittstelle zwischen Biodiversitätsforschung und (inter-)nationaler Naturschutzpolitik ist er seit Januar 2018 Generalsekretär des Sachverständigenrates für Umweltfragen in Berlin. Im NeFo-Interview bewertet er die Erfolge und bisherigen Herausforderungen des Projektes sowie die bevorstehenden Aufgaben.


 

NeFo: Herr Neßhöver, Sie haben das Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung Deutschland (NeFo) mit ins Leben gerufen und seit 2009 koordiniert. Welche Gedanken brachten Sie damals dazu?

Neßhöver: Es gab in der Biodiversitätscommunity Mitte der 2000er Jahre eine gewisse Aufbruchsstimmung, um einerseits neue Forschungsansätze in Großprojekten anzugehen, aber andererseits auch die interdisziplinäre Vernetzung und die Kommunikation mit Politik und Öffentlichkeit zu verbessern. Wir brachten dabei von UFZ-Seite die Ideen von nationalen Biodiversitätsplattformen ein, wie wir sie in EU-Projekten wie BIOPLATFORM und BIOSTRAT umzusetzen versuchten.

Das Ganze war ein langer Diskussionsprozess, sowohl in der Forschung, als auch mit den verschiedenen Förderern und ihren Perspektiven. Heute ist der Mehrwert von Vernetzungsaktivitäten und auch die Tatsache, dass sie Ressourcen brauchen, nicht mehr so umstritten. Aber damals gab es dort doch einige Bedenken und darüber hinaus die Tendenz, auf die reine Forschung zu fokussieren. Diese Bedenken sind heute deutlich kleiner, auch weil Institutionen wie der Weltbiodiversitätsrat IPBES die Bedeutung integrierter Politikberatung gestärkt haben.

NeFo: Was hat sich seither geändert und was konnte das Projekt dazu beitragen?

Neßhöver: Heute kann man sicherlich stolz sein auf die Ergebnisse der gelaufenen Diskussionen, auch für die Forschung selbst: Es gibt etablierte Großprojekte wie die Biodiversitäts-Exploratorien oder die Global Change Experimental Facility, um nur zwei zu nennen. Es gibt Biodiversitätsforschungszentren und -netzwerke wie iDiv, BBIB oder das HIFMB, was wiederum nur einige Beispiele sind. NeFo ist da ein weiterer wichtiger Baustein, um die Vernetzung über die Disziplinen hinweg zu ermöglichen und zu wichtigen Themen und Institutionen wie dem Weltbiodiversitätsrat IPBES und dem UN-Übereinkommen über die Biologische Vielfalt CBD Beratung für die Politik anzubieten. Damit ist die Biodiversitätsforschung heute insgesamt betrachtet besser aufgestellt, auch wenn noch viel zu tun bleibt.

Die zentrale Herausforderung für NeFo sehe ich, damals wie heute, in der Kommunikation der Ansätze und ihres Mehrwertes. Es geht darum, über Fachdisziplinen hinaus an die Themen der Zukunft zu denken, und die Probleme in Biodiversitätsschutz und -nutzung immer wieder differenziert und im relevanten Kontext der Fachpolitik und Öffentlichkeit zu vermitteln. NeFo hat ja, wie ich denke, eine gute Mischung an Austausch- und Informationsformaten etabliert und erfährt dafür eine breite Anerkennung nicht nur national, sondern auch international, gerade im Kontext von IPBES. Aber auch hier bleiben Herausforderungen: Die Themen werden noch komplexer, gleichzeitig wird die Kommunikation eher noch kürzer und fokussierter.

NeFo: Hat sich die Wahrnehmung des Biodiversitätsverlustes und seiner Konsequenzen in der Politik und Öffentlichkeit verändert?

Neßhöver: Rückblickend gab es dort eine sehr gute Phase bis zum Jahr 2010, dem UN-Jahr der Biodiversität. Bis dahin geschah recht viel und man konnte hoffen, dass die Bedeutung weiter steigt. Mit dem Scheitern an den internationalen Biodiversitätszielen 2010 gab es aber lange eine Phase, die man günstigstenfalls als Stagnation bezeichnen kann. Die Diskussionen fokussierten sich auf die bestehenden Politiken wie die Reform der Agrarpolitik, die scheiterte, und etwa im Jahr 2016 die Erhaltung der Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie.

Das Problembewusstsein ist weiterhin da, aber an innovativen und sektorenübergreifenden Lösungsansätzen fehlt es nach wie vor – sieht man einmal von einzelnen positiven Entwicklungen im Artenschutz oder etwa der Auenrenaturierung ab. Erst seit dem letzten Jahr sehen wir mit der Debatte um das Insektensterben eine Trendwende hin zu einer wieder verstärkt öffentlichen Diskussion. Hier müssen Wissenschaft und Politikberatung aus meiner Sicht ansetzen.

NeFo: Welche Überschneidungen und Unterschiede sehen Sie in ihrer neuen Arbeit beim Sachverständigenrat für Umweltfragen (SRU) mit Ihrer vorherigen Tätigkeit?

Neßhöver: Die Anliegen sind zunächst einmal dieselben: Umwelt- und Biodiversitätspolitik durch fundierte wissenschaftliche Grundlagen in ihrer Konzeption, Planung und Umsetzung zu unterstützen. Am UFZ in der Science-Policy Expert Group und mit NeFo als Projekt haben wir zumeist „bottom-up“, auf freiwilliger Basis aus der Forschung heraus, agiert. Manchmal lief das sehr gut, vielfach aber auch nicht – denn auch noch so gut durchgeführte Veranstaltungen und Texte brauchen Adressaten, die willens sind, sich mit Forschungsergebnissen und Diskussion zu beschäftigen und an einem kontinuierlichen Dialog interessiert sind. Dies war nicht immer leicht und wird es auch perspektivisch nicht werden. Hinzu kommt, dass Politikberatung sich allein in den letzten zehn Jahren stark erweitert hat. Dies war politisch gewünscht, um die Relevanz von Forschung zu unterstreichen. Dieser Ansatz führt aber auch zu einer noch größeren Unübersichtlichkeit des vorhandenen Wissens beim Adressaten.

Der SRU hat ein offizielles Mandat der Bundesregierung, was den direkten Kontakt und Austausch mit den potenziellen Adressaten (und das ist ja nicht nur die Bundesregierung selber) erst einmal vereinfacht und für Offenheit sorgt. Auch hat er durch seine lange Geschichte fundierter Arbeit seit seiner Gründung 1971 ein Renommee, das für Akzeptanz, aber auch kritische Reflektion der Gutachten sorgt, sobald sie erscheinen. Auch dort wird bei weitem nicht alles bereitwillig in der Politik aufgenommen, aber die Kontinuität der Arbeit über viele Jahre hinweg ist dann ein wichtiger Faktor, wenn für manche Themen oder Politikideen später „die Zeit reif“ ist.

NeFo: In zwei Jahren endet die UN-Dekade zur biologischen Vielfalt, die die Umsetzung der Ziele des Übereinkommens zur biologischen Vielfalt unterstützen sollte. Weder in Deutschland noch global hat sich die Lage für Ökosysteme, Arten und genetische Vielfalt wesentlich verbessert. Was kann und sollte die künftige Regierung aus Ihrer Sicht prioritär tun, um den gesetzten Zielen wirklich näher zu kommen?

Neßhöver: Hier kann ich nur aus meiner bisherigen Sicht, nicht aus der Sicht des SRU sprechen (der allerdings auch einige relevante Gutachten hierzu veröffentlicht hat [Siehe hier].

Der Kernanker einer effektiven Biodiversitätspolitik liegt weiterhin in einer veränderten Landnutzungspolitik, an Land und im Meer, in allen Ökosystemtypen. Bei der Fischereipolitik haben wir bereits einige positive Veränderungen gesehen, wie etwa die starke Einschränkung des Rückwurfes, wenn auch noch großes Verbesserungspotenzial besteht. An Land bleibt die große Herausforderung die Landwirtschaft. Die ausgeräumten Landschaften und die Intensivnutzung mit Ihren Stoffeinträgen sind die Haupttreiber des Verlustes von Pflanzen- und Tierpopulationen. Hier einen neuen Umgang zu finden, der auch die Belange der Landwirte berücksichtigt, ist und bleibt ein zentrales Thema.

Aktuelle wissenschaftlichen Analysen, etwa von iDiv und Birdlife Int., aber auch des Bundesrechnungshofes und des Bundesamtes für Naturschutz, zeigen eindeutig, dass die derzeitigen Maßnahmen des „Greening“, also der vermeintlich biodiversitätsfördenden Maßnahmen in der Agrarpolitik, nur eine sehr geringe oder gar keine positive Wirkung haben. Hier müssen endlich effektive Maßnahmen her. Wie diese aussehen können, ist aus vielen Forschungs- und Praxisprojekten belegt. Auch der in diesem März kommende Bericht des Weltbiodiversitätsrates IPBES zur Region Europa und Zentralasien wird hier wertvolle Politikoptionen liefern. Die Umsetzung in der Fläche erfordert aber die Beteiligung aller Akteure, und das macht es so schwierig.

Es ist zu hoffen, dass die aktuelle Debatte um das Insektensterben hier einen neuen Schub gibt. Die EU erarbeitet gerade ein Aktionsprogramm dazu, und auch eine neue Bundesregierung scheint das Thema angehen zu wollen. Wie ernst das allerdings ist, wird sich dann in der Umsetzung zeigen. Im globalen Kontext geht es darum, noch viel stärker die Effekte des intensiven Konsums in der westlichen Welt und seinen Auswirkungen weltweit in den Fokus zu nehmen, wie bspw. eine aktuelle Studie des PIK Potsdam zeigt.

NeFo: Was kann die deutsche Forschung dazu beitragen?

Neßhöver: Die Grundlagenforschung zur Biodiversität ist in Deutschland weiterhin hervorragend aufgestellt, die oben erwähnten Zentren und Netzwerke leisten hier exzellente Arbeit. Auch die interdisziplinäre Arbeit mit den Sozial- und Geisteswissenschaften ist hier besser geworden, aber dort sehe ich vor allem im Kontext der UN-Ziele zur nachhaltigen Entwicklung (SDGs) noch sehr viel Potenzial. Das hat ein Workshop von NeFo zu den SDGs vor einigen Monaten ja sehr schön aufgezeigt. Auch wird die Forschung in den sich abzeichnenden politischen Diskussionen zur Zukunft der Landwirtschaft und Landnutzung im Allgemeinen sichtbarer werden müssen.

NeFo: Wo sehen Sie künftige Aufgaben und Notwendigkeiten für eine Schnittstelle zwischen Biodiversitätsforschung und Politik/Öffentlichkeit?

Neßhöver: Eben unter anderen in den oben erwähnten Bereichen. Auf internationaler Ebene beim Weltbiodiversitätsrat bringen sich deutsche Forscherinnen und Forscher – auch dank der Unterstützung von NeFo – mittlerweile sichtbar ein. Auf nationaler und auch europäischer Ebene scheint das weiterhin geringer ausgeprägt. Nicht zuletzt auch, weil der Fokus der Forschungsevaluation weiterhin auf reinen Forschungsleistungen und kaum auf Transferleistungen beruht. Hier hat Deutschland leider weiterhin Nachholbedarf. Eine Wissenstransferkultur ist an den Institutionen, auch über die Biodiversitätsforschung hinaus, nicht überall gut entwickelt. Hier kann NeFo zusammen mit neuen Partnern noch besser Wirkung entfalten – als Think-Tank und Kommunikator für Biodiversitätsthemen.

NeFo: Herzlichen Dank für das Interview und die gute Zeit miteinander im Projekt. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg im neuen Posten!

Das Interview führte Sebastian Tilch

Biodiversitätsbezogene Fachgutachten des SRU:

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