ArtikelZurück in die Zukunft - warum uralte Traditionen unsere Zukunft retten können

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Foto: Jacobs Universität

Von Verena Müller

Eine alte Bananensorte aus dem Oman als möglicher Retter unserer Supermarktbanane. Eine traditionelle Düngemethode aus dem Niger als landwirtschaftliche Empfehlung der Welternährungsorganisation FAO für die gesamte Sahelzone. Jahrhundertealte Artenkenntnisse als Mittel gegen die Wilderei im Westen Thailands. Die Erhaltung der natürlichen Ressourcen der Welt kann nicht allein mit dem Wissen aus der klassischen, zertifizierten Wissenschaft geschafft werden. Oft sind es uralte Wissensschätze indigener Gemeinschaften, die uns alte neue Wege zur Erhaltung und nachhaltigen Nutzung der biologischen Vielfalt aufzeigen, und wesentlich dazu beitragen, langfristig unsere Ernährung zu sichern.

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Ethnologe M. Pröpper im Gespräch mit zwei Einheimischen.
Ethnologe Michael Pröpper versucht altes Wissen aufzustöbern.
M. Pröpper


Den Wert dieses Wissens hat auch der vor einem Jahr gegründete Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) erkannt. Als zwischenstaatliches Politikberatungsgremium soll er Regierungen und anderen Entscheidungsträgern unabhängige und glaubwürdige Informationen über die Lage der biologischen Vielfalt liefern. Eine der schwierigsten Aufgaben dabei ist, den Spagat zwischen verschiedenen Wissenskulturen zu schaffen, ohne dabei als unseriös abgetan zu werden. Denn in der westlichen Welt gilt bisher nur das eigene wissenschaftliche Wertesystem als valide. Doch es wird vor allem um die Akzeptanz und Unterstützung der Bevölkerung in der Welt gehen. Und die tickt meist anders. Wie dies zu schaffen ist, verhandeln die IPBES-Mitgliedsstaaten vom 09.-14. Dezember in Antalya, Türkei, auf ihrer zweiten großen Vollversammlung.

Vorsichtig klettert Andreas Bürkert an der Wand entlang. Mitten in der Wüste, in einem abgelegenen Berggebiet des Sultanats Oman, sucht er eine kürzlich aufgegebene Bergoase, von der es heißt, dass dort Bananen angebaut worden seien. Bürkert ist Professor für Ökologischen Pflanzenbau und Agrarökosystemforschung an der Universität Kassel und auf der Suche nach alten Bananensorten. Denn der Großteil der derzeitigen weltweiten Bananenernte stammt von einer einzigen Sorte ab – ob in Kenia, Indien oder Ecuador. Seit den 1950er Jahren ist kaum eine andere Bananensorte als die „Cavendish" in den Obstregalen der Supermärkte zu finden. Doch das war nicht immer so. Ihr Vorgänger, die „Gran Michel", war die erste Banane, die in Europa verkauft wurde. Doch dann wurde die Sorte von einer Pilzerkrankung fast vollkommen ausgelöscht. Auch die aktuelle Cavendish ist so anfällig für Schädlinge und Krankheiten, dass sie nur mit großen Mengen an Pflanzenschutzmitteln angebaut werden kann. Bananen werden bis zu 40 Mal im Jahr gespritzt und sind damit die spritzintensivsten Nutzpflanzen überhaupt. Die Züchtungsforschung sucht daher händeringend nach neuen Sorten, die genetisch nicht so nah verwandt und damit weniger anfällig sind. Und kam dabei auf das Wüstenland Oman, eine jahrtausendealte Seefahrernation. Denn auf den alten Handelsrouten von Südostasien und Indien über Afrika nach Arabien war seit jeher viel 'genetisches Material' durch den Oman transportiert worden. „Da lag es nahe, auch gezielt nach "alten Bananen" zu suchen", erzählt Bürkert. Er bestimmte mit Satellitenbildern zwei Gegenden, in denen die Erfolgschancen hoch waren, und flog hin.

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A. Büerkert klettert an einer Wüstenwand entlang.
Auf der Suche nach der Oman-Banane.
A. Buerkert

Mitten in der osmanischen Wüste von einem Hubschrauber der Königlichen Omanischen Luftwaffe abgesetzt, wurden ihm drei Stunden Zeit für die Suche gegeben. Und tatsächlich: Mit dem Fernglas entdeckte er in einer unzugänglichen Felsspalte einige Bananenpflanzen. Ein lokaler Bauer bestätigte ihm, dass dort oben vor vielen Jahren einmal Bananen kultiviert worden waren und willigte im Tauschgeschäft gegen die Armbanduhr Bürkerts ein, hinaufzuklettern um sie zu holen. „Der Bauer war ein Glücksfall!", erinnert sich der Wissenschaftler euphorisch. „Nur mit seinem Wissen und seiner Ortskenntnis war es möglich, an das Objekt der Begierde zu gelangen." Und nach wenigen Minuten hielt er die Banane in der Hand. Der Helikopter kam und eine Pflanze, auf der viele Hoffnungen lagen, trat ihre Reise gen Kassel an.

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Zwei Bauern mit Oman-Banane
Nur dank Khamis Rashid Al Muqaimi (links) konnte die begehrte Oman-Banane gefunden werden
A. Buerkert

Und tatsächlich: "Unsere "Musa (AAA) Umq Bir"-Banane wird nur selten von Schädlingen befallen und hat die Fähigkeit, sich auch ohne Insektizide gegen bestimmte Schädlinge zu verteidigen", erklärt der Agrarökologe begeistert. Größtes Manko bisher: Ihre geringe Lagerfähigkeit und ihre Form, die nicht der EU-Norm entspricht. Gelänge es in den kommenden Jahren die natürliche Schädlingsresistenz der Oman-Banane züchterisch mit den gewünschten Eigenschaften der Supermarktbanane zu kombinieren, wäre damit nicht nur den Pflanzen, sondern auch den Plantagenarbeitern geholfen. „Die Chance auf eine widerstandsfähigere Fruchtsorte für die weltweite Bananenernte also dank der Kenntnisse eines einzelnen Bauern", resümiert Bürkert.

 

Auf der Suche nach alten Verwandten

Ähnlich wie mit der Banane verhält es sich bei sehr vielen anderen unserer Nutzpflanzenarten. Auch hier beschränkt sich die Vielfalt auf wenige Hochleistungssorten. 50 Prozent der weltweit benötigten Nahrungsenergie für den Menschen werden von lediglich drei Pflanzenarten – Mais, Reis und Weizen – gedeckt. Gleichzeitig verschwinden andere, oft widerstandsfähige Arten und Sorten samt ihrer genetischen Vielfalt und dem Wissen um sie unwiederbringlich. Und damit unser Versicherungspotenzial. Ein äußerst riskantes Experiment, denn eine Epidemie könnte viele Nahrungsmittel und damit die Ernährungsgrundlage von Millionen Menschen vollkommen vernichten. So führte beispielsweise die mangelnde genetische Diversität der angebauten Maissorten in den USA dazu, dass 1970 eine Pilzkrankheit stellenweise bis zu 50 Prozent der Ernte und damit über einer Milliarde US-Dollar vernichtete. Wenige Jahre später vernichtete ein Virus die gesamte Reisernte von Indien bis Südostasien. Daraufhin suchte man händeringend nach resistenten Wildsorten. Unter den 30.000 untersuchten Sorten fand sich nur eine Wildreissorte, die die dringend benötigte Resistenz enthielt.

Deshalb wird nun fieberhaft nach Restbeständen alter Sorten gesucht, zum Teil unter abenteuerlichen Bedingungen, wie die Geschichte der Banane zeigt. Und meist nur möglich dank der Hilfe von traditionellem Wissen der lokalen Bevölkerung, das mehr und mehr droht, in Vergessenheit zu geraten. Denn im Zuge der Industrialisierung der Landwirtschaft geriet einfaches Erfahrungswissen über den Umgang mit Nutzpflanzen und –tieren, natürliche Formen der Bodenbearbeitung, Düngung oder Schädlingsbekämpfung immer mehr in den Hintergrund. In Labors wurde an immer leistungsfähigeren Pflanzen durch Kreuzungen oder Gentechnologie geforscht, stets noch effizientere, schwerere Gerätschaften für die Bodenbearbeitung genutzt und chemische Dünger und Pestizide entwickelt. „Insbesondere lokale Kenntnisse galten als unwissenschaftlich, veraltet und unnütz", fügt der Bananenexperte hinzu. „Doch eine Entwicklung hin zu einem „immer mehr" führt früher oder später in eine Sackgasse. Und die traditionellen Kenntnisse von Bauern und Indigenen werden wieder wichtig." Heute sind sich nicht nur kommerzielle Pflanzenzüchter und die Pharmaforschung bewusst, welches Potential in diesem Wissen liegt.

 

Wissensgrenzen überschreiten

Auch der vor einem Jahr gegründete Weltbiodiversitätsrat IPBES (Intergovernmental Platform on Biodiversity and Ecosystem Services) beschreibt in seinen Konzepten den Wert von lokalem und indigenen Wissen bei der Erhaltung unserer natürlichen Lebensgrundlage. Als zwischenstaatliches Gremium soll er das aktuelle Wissen aus Forschung und Gesellschaft zu Ursachen und Verursacher für den Verlust biologischer Vielfalt zusammentragen um dann Regierungen und andere Entscheidungsträger nach bestem Wissen und Gewissen die Konsequenzen der verschiedenen Handlungsoptionen vor Augen zu führen. Thematische Berichte sollen dabei die Politik auf den nötigen Wissensstand bringen, um Zukunftsentscheidungen über Landnutzung, Renaturierungsmaßnahmen oder den Schutz bisher weitgehend verschont gebliebener Gebiete und Arten auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene adäquat treffen zu können. Denn ungestörte funktionsfähige Ökosysteme mit ihrem genetischen Schatz wie auch die Heimat der Banane im Oman schwinden rasant durch kurzsichtige menschliche Nutzung.

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Dr. Axel Paulsch, Institut für Biodiversität (ibn)
A. Künzelmann/UFZ

„Das gesamte Wissen zur biologischen Vielfalt zusammenzutragen ist eine derart komplexe Angelegenheit, die es zwingend notwendig macht, auch über die Grenzen der bisher einzig als relevant erachteten klassisch-westlich geprägten Wissenschaft hinauszugehen. Daher muss IPBES auch andere Wissensformen in seinen Arbeitsprozess einbinden", so Dr. Axel Paulsch vom Institut für Biodiversität in Regensburg. Als Mitglied der deutschen Delegation in den IPBES-Verhandlungen und Experte für die Einbindung anderer Wissensformen in ein internationales Gremium weiß er um die Bedeutung von indigenem Wissen. Also von Kenntnissen, Innovationen und Gebräuchen indigener und traditionell lebender lokaler Gemeinschaften, die für die Bewahrung und nachhaltige Nutzung biologischer Vielfalt von Bedeutung sind. Denn durch ihren täglichen Umgang mit der Natur besitzen sie oft ein besonders tiefes Verständnis für ihre Lebensräume, deren Ökologie und deren Entwicklung über die letzten Jahrzehnte. Für viele Tiere und Pflanzen kennen sie zahlreiche Verwendungsmöglichkeiten als Nahrungsmittel, Medikamente und Farbstoffe; für eine große Zahl von Nutzpflanzen haben sie unterschiedliche Kultivierungstechniken entwickelt. Kenntnisse, die schlichtweg oft nicht alle wissenschaftlich untersucht werden können, sondern nur unter der Bevölkerung vor Ort bekannt sind. „Dieser Wissensschatz kann enorm wichtig für die Lösung von Umweltproblemen sein, die beispielsweise durch moderne Bearbeitungsweisen überhaupt erst entstanden sind", so Geoökologe Paulsch weiter. „Es wäre also sehr schade und fahrlässig, dieses Wissen schlichtweg zu ignorieren."

 

Die Rolle des Übersetzers

Doch sich dem Wert dieses Wissens bewusst zu werden, ist die eine Sache. Es tatsächlich zu finden und für wissenschaftliche Politikberatung nutzbar zu machen, eine andere. Denn um relevantes Praxiswissen überhaupt aufzustöbern, sind vertrauensvolle Kontakte zur Bevölkerung gefragt, weiß auch Ethnologe Dr. Michael Pröpper von der Universität Hamburg aus seiner Arbeit im Projekt „Future Okavango". Die Forscher untersuchen die Auswirkungen des Menschen und Klimawandels auf die Waldsavannen, Auen und ausgedehnten Feuchtgebieten des Okavango-Einzugsgebietes im Südwesten Afrikas um dann nachhaltige Bewirtschaftungskonzepte zu erarbeiten . „Man muss wegkommen von der Vorstellung, indigenes Wissen sei einfach in den Köpfen der Indigenen abgespeichert und warte nur darauf von uns westlichen Wissenschaftlern abgerufen zu werden", so Pröpper. Vielmehr sei es wesentlich vielschichtiger und müsse immer im Kontext mit der gesamten Kultur betrachtet werden. Als Umweltethnologe sieht Pröpper sich daher in der Rolle des Übersetzers – von einer Kultur in die andere, von einer Wissensform in die andere.

Zunächst stellt sich hier die Frage der Glaubwürdigkeit. „In kleinen Gemeinschaften ist es oft so, dass sich die Menschen einig sind, dass ein bestimmtes Dorfmitglied den größten und verlässlichsten Wissensschatz trägt. "Oft der Dorfheiler", beginnt Pröpper von den Methoden der Ethnologie zu erzählen. „Um dessen Glaubwürdigkeit, aber auch das relative Wissen einzelner Informanten einzuschätzen, versucht man dann den sogenannten kulturellen Konsens zu bilden." Also eine statistische Abschätzung zu machen, bei welchem Wissen in der Gemeinschaft eine großflächige Zustimmung gilt. „Oder man fragt den jeweiligen Informanten einfach nach der physischen Beschreibung einer von ihm genannten Art. Erzählt er von einer blauen, großen Blüte, die in Wirklichkeit klein und rosa ist, dann kann man so seine Glaubwürdigkeit überprüfen."
Besonders wesentlich in seiner Arbeit als „Wissensübersetzer" sei dabei die Wertschätzung. „Leider ist es oft so, dass die lokale Bevölkerung ihre traditionellen Kenntnisse nicht unbedingt schätzt, sondern oft das moderne, westlich geprägte Wissen als das überlegene betrachtet", erzählt Pröpper. So würden die Leute eher zur Krankenstation gehen und sich dort Schmerzmittel von miserabler Qualität geben lassen, als auf ihren Wald als Apotheke zurückzugreifen. Oder auf die Methoden der industriellen Landwirtschaft unserer modernen Welt hoffen. „Viele Menschen in den traditionell lebenden Gemeinschaften können sich oft nicht vorstellen, warum die moderne Welt beispielsweise an ihren traditionellen Methoden der Landwirtschaft interessiert ist." Daher versuchen Ethnologen wie Pröpper zu vermitteln, dass ihre Methoden auf lange Sicht oft die besseren und zukunftsfähigeren sind und wir aus der modernen Welt vielerorts wieder zu dieser zurückfinden müssen. Nicht umgekehrt. „Wir sollten unsere industriellen Methoden nicht dorthin exportieren."
 

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Zwei Hände, die Pflanze in Boden setzen
Prinzip Risikostreuung: Geringer Düngereinsatz auf vielen kleinen Flächen
A. Buerkert

Dem kann Andreas Bürkert nur beipflichten. Der Agrarökologe beschäftigt sich nicht nur mit alten Pflanzensorten, sondern auch mit traditionellen landwirtschaftlichen Methoden. Im Niger entdeckte er eine alte Düngemethode, die heute von der FAO und vielen NGOs für die gesamte Sahelzone empfohlen wird. Er fragte sich, warum die Landwirte in den westafrikanischen Ländern die damalige Empfehlung der FAO, wie bei uns flächendeckend mineralisch zu düngen, nicht umsetzten. Auch wenn dadurch nachweislich eine Ertragssteigerung um das Vier- bis Fünffache zu erwarten gewesen wäre. Und er stieß auf das uralte Prinzip der Risikostreuung. „Ganz nach dem Motto: Never put all eggs in one basket", bringt es Bürkert auf den Punkt. Demnach wird nicht die gesamte, sehr begrenzte Menge an verfügbarem Dünger auf ein Feld ausgebracht, sondern auf mehreren verteilten kleinen Flächen eine geringe Menge des kostbaren Guts eingesetzt. Denn aus Erfahrung wissen die Bauern der Sahelzone, dass eine Düngung nur an den Stellen ihre Wirkung zeigt, an denen der Boden vorher schlechte Ausgangsbedingungen hatte. Diese Methode ist zwar arbeitsintensiver und bringt insgesamt weniger Ernte ein, als aus einer zusammenhängenden Fläche in einem guten Jahr mit einer ertragsreichen Sorte und hohem Düngeeinsatz alles rauszuholen. Aber es versagt nicht total, wenn ein schlechtes Jahr kommt und der Regen ausbleibt. Denn auf einigen verteilten Feldern kommt immer so viel zusammen, dass sich der Kleinbauer versorgen kann. „Um sich also funktionierende Empfehlungen auszudenken, ist es sicher kein Fehler, die Erfahrung derer einzubeziehen, die schon immer, häufig intuitiv, so gehandelt haben", so Bürkert.

 

Klima global, Biodiversität lokal

Indem IPBES andere Wissensformen einbeziehen will, will es vieles besser machen als der Weltklimarat IPCC, sein entsprechendes Pendent aus dem Klimaschutz. Das ist auch zwingend notwendig. Geht es um Biologische Vielfalt, ihre Erhaltung und nachhaltige Nutzung, reicht das Wissen aus der klassischen Forschung nicht aus. Denn im Gegensatz zum global stattfinden Klimawandel, werden Veränderungen der Biodiversität durch sehr viele verschiedene Faktoren abhängig von den lokalen Gegebenheiten verursacht. Ähnlich vielschichtig muss auch ihre Erhaltung organisiert werden. Oft würde es Jahre dauern, bis das Wissen durch klassische Wissenschaftler erfasst, alle Prozesse der wissenschaftlichen Bewertung durchlaufen, in globale Berichte einfließen und schließlich zu Maßnahmen zum Schutze der biologischen Vielfalt führen würde.

Zudem fehlt es der Biodiversitätsforschung an Langzeitstudien. Studien, wie die berühmte „Keeling-Kurve" in der Klimaforschung, die seit 50 Jahren auf Hawaii den Anstieg des Kohlendioxid-Gehalt der Atmosphäre aufzeichnet und damit zu den längsten kontinuierlichen Datenaufzeichnungen zählt, sind innerhalb der Biodiversitätsforschung im globalen Maßstab schlichtweg nicht möglich. Denn es gibt schlichtweg keine einheitliche Basis für Messstationen für den Verlust der biologischen Vielfalt und deren Dienstleistungen.
Um dennoch so viel von der Erdoberfläche wie möglich zu erfassen, ist man auf den Erfahrungsschatz der lokalen Bevölkerung und Verwaltungen angewiesen. Und deren Einbindung erhöht nicht nur das Wissen zur Entwicklung der biologischen Vielfalt über die letzten Jahrzehnte, sondern vor allem auch die Akzeptanz der hervorgebrachten Vorschläge. Zwingend notwendig, um Maßnahmen tatsächlich in die Tat umsetzen zu können. So geschehen im Thung Yai Naresuan Naturschutzgebiet, Thailand.

 

Die lokale Bevölkerung - nicht das Problem, sondern dessen Lösung

Das größte noch zusammenhängende Regenwaldgebiet des Landes, von enormer biologischer Vielfalt und Heimat charismatischer Arten wie Tiger, Leopard und Asiatischer Elefant. Bereits 1974 zum Naturschutzgebiet und 1991 durch die UNESCO zum Weltnaturerbe erklärt.

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Workshopbild, Gruppenarbeit.
Vertreter der indigenen Karen und der Gebietsverwaltung gemeinsam beim WWF Wildlife Workshop.
WWF

Um eine Landkarte auf dem Boden kauernd, haben sich hier Vertreter der ansässigen Karen-Gemeinschaft und Parkverwaltung in kleinen Gruppen zum regen Wissensaustausch in einem vom World Wide Fund For Nature (WWF) organisierten Wildlife Workshop zusammengefunden: Welche Tiere treten zu welchen Zeiten im Jahr häufiger auf? Welche Gebiete bevorzugen sie? Wie haben sich die Populationen in den letzten Jahrzehnten verändert? Das sind Fragen, die wesentlich dafür sind, die Größe von Populationen bestmöglich über Jahre hinweg zu beobachten, gemeinsam Schutzzonen planen zu können und letztlich auch effektiv gegen Wilderei vorgehen zu können. Denn der WWF hat erkannt, dass nur dann effektive Managementpläne des Naturschutzgebietes erstellt werden können, wenn das Wissen aller vor Ort genutzt wird. Gerade die über Jahrhunderte angesammelten Kenntnisse der Karen. Diese würden derart lange zurückreichen, dass sie historische Trends und zahlreiche Ursachen für den Verlust von Biodiversität wesentlich exakter beschreiben könnten. „Als erfahrene Jäger und Sammler können sie uns detaillierte Informationen über die örtliche Flora und Fauna liefern, beispielsweise über jahreszeitliche Veränderungen in ihren Verbreitungsgebieten und andere im Jahresablauf periodisch wiederkehrende Entwicklungserscheinungen in der Natur", erklärt Günter Mitlacher, WWF-Experte für Internationale Biodiversitätspolitik und Ansprechperson beim WWF zu IPBES. In einer aktuellen Studie [1] zur Nutzung von indigenem Wissen in Projekten des WWF zeigt er auf, welches Potential in diesem Wissen für die Arbeit von IPBES liegt.

Doch diese Eintracht zwischen lokaler Bevölkerung und Nationalparkverwaltung herrschte nicht immer. Denn offizieller Schutz der Natur bedeutete auch hier, wie so häufig in den Naturschutzgebieten der Welt, dass die lokale Bevölkerung ihre Siedlungsgebiete verlassen sollte. Seit den 1970er Jahren wurden daher viele Dörfer der Karen durch die thailändische Regierung zwangsumgesiedelt. Zum Schutze der Natur, wie es hieß. Trotzdem war der Verlust an biologischer Vielfalt nach wie vor derart hoch, dass die intakte Säugetierpopulationen in nur noch einem Prozent ihres ursprünglichen Verbreitungsgebietes vorkam. Die höchste Verlustrate an Säugetierarten weltweit.
Denn die Karen, die seit jeher vom Fischen und Jagen leben, waren nicht das Problem. „Vielmehr ist es die kommerzielle Jagd vieler seltener Arten durch externe Wilderer, die der Natur hier zu schaffen macht", erklärt Mitlacher eine der größten Erkenntnisse aus der Arbeit vor Ort.
„Für dieses Vorhaben musste zunächst langsam das Vertrauen der Karen gewonnen werden. Denn der Konflikt zwischen ihnen und der offiziellen Parkverwaltung hat tiefe Spuren hinterlassen", so der WWF. Doch die Geduld hat sich gelohnt. Denn nur durch das gemeinsame Datensammeln würden die Ergebnisse als ehrlich angesehen und damit die Bereitschaft entstehen, sich an Maßnahmen zur Verbesserung der Situation zu beteiligen. Insbesondere an Aktionen um der Wilderei den Kampf anzusagen. Denn illegale Jagd auf begehrte Tierarten funktioniere nur dann, wenn die lokale Bevölkerung die Wilderer deckt. Das Projekt zeigt Erfolg: Die Wilderei sei in den letzten Jahren spürbar zurückgegangen. Besonders der stark bedrohte Pferdehirsch konnte sich deutlich erholen. Dank gemeinsamer Patrouillen von Rangern und Dorfbewohnern gegen Wilderer und zahlreicher „Dorfinformanten", die „auffällige Ereignisse" melden würden.

 

Vom Lokalen zum Globalen

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IPBES Plenum
In Antalya zeigt sich, ob IPBES indigenes Wissen einbeziehen wird.
M. Vandewalle/UFZ

Wie jedoch solches traditionelles Wissen, meist sehr spezifisch und lokal begrenzt, auf die internationale Bühne gebracht werden kann, ist bisher noch unklar. „Da stehen wir noch ganz am Anfang", so IPBES-Experte Paulsch, der um die Schwierigkeiten bei der praktischen Umsetzung weiß. "Natürlich können wir nicht jeden Kleinbauern persönlich befragen. Hier muss man aus den lokal ermittelten Daten beispielsweise zu einer bestimmten Form der Bodenbearbeitung auf allgemeine landwirtschaftliche Empfehlungen für viele andere Flächen mit den gleichen Umweltbedingungen schließen", so der Geoökologe (siehe auch NeFo-Interview).

Orientieren könne sich der Weltbiodiversitätsrat laut Paulsch beispielsweise am sogenannten Arctic Council, einem zwischenstaatlichen Gremium, das zum Interessenausgleich zwischen den acht arktischen Anrainerstaaten und den dort ansässigen ethnischen Minderheiten 1996 gegründet wurde. Hier würden Indigene und ihr Wissen derart aktiv in alle Beratungsprozesse eingebunden, wie es bisher in keinem anderen internationalen Forum geschehen sei. Regelmäßig kommen Vertreter der Mitgliedsstaaten sowie der sechs beteiligten Indigenen-Organisationen zusammen um gemeinsam mit Wissenschaftlern drängende ökologische Angelegenheiten anzugehen, die sich beispielsweise aus Infrastrukturmaßnahmen oder dem Abbau von Bodenschätzen ergeben. Indigenen-Vertreter können dabei eigene drängende Themen auf die Tagesordnung bringen, die dann häufig direkt verhandelt werden. Auch das „Kosten-Thema" wurde hier elegant gelöst. Ein Sekretariat für indigene Gemeinschaften unterstützt sie organisatorisch und finanziell.

 

Was in Antalya zu erwarten ist

Wie Indigenes Wissen tatsächlich in IPBES eingebunden werden könnte, verhandeln die IPBES-Mitgliedsstaaten neben anderen drängenden Themen nun vom 09.-14. Dezember in Antalya, Türkei, auf ihrer zweiten großen Vollversammlung. „Das wichtigste ist es, in Antalya überhaupt ein Arbeitsprogramm für die nächsten Jahre zu beschließen und mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen. Denn es wird dringend Zeit, erste Berichte mit konkreten Handlungsempfehlungen an die Politik zu erarbeiten", gibt Paulsch zu verstehen. „Hier erhoffe ich mir, dass den großen Worten zur Einbindung anderer Wissensformen, auch wirklich Taten folgen und indigenes Wissen berücksichtig wird." Wie dabei mit anderen Wissensformen umzugehen ist, wird eine eigene Expertengruppe bestimmen, die in Antalya gegründet werden soll. Vermutlich würden sich hierfür besonders die Entwicklungsländer, aber auch Norwegen und Finnland, stark machen. „Sorge bereitet mir dabei in erster Linie die Finanzierung, mit der nicht nur diese Expertengruppe, sondern das gesamte Arbeitsprogramm von IPBES steht und fällt. Ohne die entsprechende Finanzierung kann kein Bericht entwickelt werden", gibt Paulsch zu Bedenken. „Ich hoffe natürlich, dass der Rotstift nicht ausgerechnet an dieser Expertengruppe angesetzt wird. Denn es wäre sehr schade und fahrlässig, dieses Wissen schlichtweg zu ignorieren."

 

Weitere Informationen zum Thema indigenes Wissen und IPBES: