PressemitteilungWeltweit erstes Expertentreffen für globales Netzwerk von Meeresschutzgebieten auf der Hohen See

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In vielen Natura2000-Meerensschutzgebieten darf weiterhin fast uneingeschränkt gefischt werden
Foto: Naj / fotolia.com

Von Sebastian Tilch

Kommendes Jahr, so hat sich die Staatengemeinschaft im Rahmen des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) vorgenommen, soll ein globales Netzwerk von Meeresschutzgebieten eingerichtet und effektiv gemanagt sein, das alle bedeutsamen biogeographischen Regionen sowie Lebensräume und Arten exemplarisch abdeckt. Seit einigen Jahren steigt die Zahl der Meeresschutzgebiete rapide an. Dennoch wird das 2012-Ziel nicht zu erreichen sein. Gründe dafür sind neben starken wirtschaftlichen Gegeninteressen vor allem fehlende Mechanismen zur Ausweisung von Schutzgebieten in den Meeresgebieten jenseits nationalstaatlicher Rechtsbefugnisse, der so genannten Hohen See. Um den Prozess zu forcieren, haben die Vertragsstaaten der CBD 2010 vereinbart, ökologisch und biologisch bedeutsame Meeresgebiete zu identifizieren, die besonders schützenswert sind. Dafür sollen regionale Expertentreffen stattfinden. Zum weltweit ersten davon kommen Anfang September ausgewählte Forscher für die Region des Nordatlantiks zusammen.

In Anbetracht der zeitlich straffen Zielsetzungen der internationalen Staatengemeinschaft wird deutlich, dass die Dringlichkeit, die fortschreitende Beeinträchtigung der Meeresökosysteme aufzuhalten, erkannt wurde. Die EU-Kommission hat im vergangenen Juni eine Reform der Gemeinsamen Fischereipolitik angekündigt und will die Befischung aller Bestände bis 2015 auf ein nachhaltiges Niveau bringen. Bis 2020, so die Beschlüsse der 190 CBD-Staaten, soll dies weltweit gelten und darüber hinaus 10 Prozent der gesamten Meeresoberfläche unter Schutz gestellt sein. Bereits 2012 soll ein weltweites repräsentatives Netz von Meeresschutzgebieten eingerichtet sein, das exemplarisch alle biogeographischen Regionen sowie Lebensräume und Arten abdeckt. Zu diesem Zweck werden derzeit so genannte „ökologisch und biologisch bedeutsame Meeresgebiete" (Ecologically and Biologically Significant Marine Areas – EBSA) identifiziert.

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Teufelsrochen
Teufelsrochen
Foto: M.Wurtz/artescienza

 

Und tatsächlich tut sich einiges. Seit 2003 ist der Anteil der geschützten Meeresfläche um 150 Prozent gewachsen, so der 2010 u. a. von IUCN verfasste Bericht „Global Ocean Protection". Neben einigen Ländern wie Großbritannien und Australien hat auch Deutschland erheblich dazu beigetragen. Insgesamt sind über 45 Prozent der deutschen Meeresfläche als Schutzgebiete ausgewiesen.

So erfreulich dieses Anwachsen auch ist, es ist nicht schnell genug um die gesetzten Ziele auch tatsächlich zu erreichen. Das Ziel, 10 Prozent der weltweiten Meeresoberfläche effektiv zu schützen, war ursprünglich nämlich schon bis 2010 gesetzt gewesen. Erreicht waren da laut IUCN global 1,17 Prozent, was 4,32 Prozent auf dem Kontinentalsockel und lediglich 0,91 Prozent jenseits der nationalen Zuständigkeiten auf der Hohen See entspricht. Nur 12 von 190 CBD-Vertragsstaaten haben mehr als die geforderten 10 Prozent ihrer nationalen Meeresgebiete unter Schutz gestellt. Also verschob die Vertragsstaatenkonferenz der CBD 2010 das Ziel um 10 Jahre. Und auch das repräsentative Schutzgebietsnetz, das kommendes Jahr stehen soll, wird laut Dr. Henning von Nordheim, Leiter des Fachgebietes „Meeres- und Küstennaturschutz" des BfN, noch nicht abschließend eingerichtet sein. „Selbst wenn Länder wie die Anrainerstaaten des Nordostatlantiks enorme Anstrengungen unternommen haben, so sind noch lange nicht alle ökologisch und biologisch bedeutsamen Meeresgebiete erfasst, geschweige denn, wie der Beschluss auch vorgibt, effektive Managementpläne für sämtliche bestehende Schutzgebiete vorhanden."

 

Forschung zur identifikation schützenswerter Meeresgebiete

Unter anderem ist diese Verzögerung auch auf ein unvollständiges Wissen hinsichtlich des Vorkommens und der Verbreitung von Arten und Lebensräumen in den Weltmeeren zurückzuführen. Der größte Teil der Meere ist noch nicht untersucht. Insbesondere die Tiefsee ist lediglich auf der Fläche von ein paar Fußballfeldern erforscht. Und hier findet man bei jeder neuen Untersuchung eine Vielzahl neuer Arten. Um ökologisch und biologisch bedeutsame Meeresgebiete (EBSAs) beschreiben zu können, ist jedoch vor allem eine Kenntnis über ökologische Zusammenhänge der Lebensgemeinschaften und deren Lebensräume nötig. Obendrein benötigt man Wissen über die Auswirkungen der zahlreichen menschlichen Einflüsse sowie die Folgen des Klimawandels.

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Fischschwarm
Fischschwarm
Foto: joakant/pixelio
Hier ist die Biodiversitätsforschung gefragt. Viele Forschungsprojekte arbeiten im Auftrag der Regierungen daran, die nötige Datenlage zu schaffen, um bei den gesetzten Schutzzielen im Rahmen der CBD und anderer Konventionen voran zu kommen. Eines dieser Vorhaben ist die Global Ocean Biodiversity Initiative (GOBI), 2008 durch das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit (BMU) und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) initiiert. Mit derzeit 20 renommierten wissenschaftlichen Einrichtungen und Organisationen arbeitet GOBI daran, die wissenschaftliche Datenlage zum Schutz der biologischen Vielfalt in der Tiefsee und in Gewässern der Hohen See zu verbessern. GOBI orientiert sich dabei an den sieben von der CBD festgelegten Kriterien, nach denen EBSAs ausgewählt werden sollen:

(1) Einzigartigkeit des Lebensraums, (2) Bedeutung für die Entwicklung von Arten, (3) Bedeutung für bedrohte Arten und Lebensräume, (4) Sensibilität, (5) Lebensräume, die besonders hohe Produktivität von Arten bedingen, (6) hohe biologische Diversität, sowie (7) Natürlichkeit des Lebensraumes.

Im Rahmen dieser Initiative arbeiten auch verschiedene deutsche Meeresforscher wie zum Beispiel Dr. Kristin Kaschner, Gastwissenschaftlerin an der Universität Freiburg. Sie hat die durch den Klimawandel veränderte Verbreitung und Zusammensetzung von Meeressäugern im Laufe der kommenden vierzig Jahre berechnet und als Karten verfügbar gemacht.

Prof. André Freiwald und Dr. Lydia Beuck vom Meeresforschungsinstitut Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven untersuchen die Mechanismen von Kaltwasserkorallen, Schlüsselorganismen für hohe biologische Vielfalt und oft auch für hohe Fischereierträge, nach denen sich deren Larven ihren Niederlassungsort aussuchen um Riffe zu bilden.

Noch schwieriger stellt sich jedoch die Ausweisung von Meeresschutzgebieten in Bereichen außerhalb der 200-Meilen-Wirtschaftszone der Küstenstaaten, der so genannten Hohen See, dar, die mit immerhin 64 Prozent der Ozeane das Gros ausmachen. Diese Gebiete sind zum einen weniger erforscht und zum anderen fehlt es an einem global anerkannten Mechanismus zur Einrichtung und zum Management eines Schutzgebietes. „Hier Lösungen zu finden, versucht die Staatengemeinschaft bereits seit 20 Jahren." erzählt von Nordheim.

 

Erstes regionales Expertentreffen zur Bestimmung von bedeutsamen Meeresgebieten im Nordostatlantik

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Grüne Meeresschildkröte
Grüne Meeresschildkröte
Foto: R. Eckstein/pixelio

Allerdings wird ein etwaiges Scheitern des für 2012 geforderten globalen repräsentativen Schutzgebietsnetzes auch nicht wirklich einwandfrei belegbar sein. Denn nach wie vor fehlen eindeutige Definitionen und Indikatoren, welche biogeographischen Regionen, Lebensräume und Arten zu jeweils welchen Anteilen darin erfasst sein sollen. Hier holt die ambitionierten politischen Zielsetzungen die Realität der Forschungsarbeit wieder ein. Theoretisch müssten die Lebenszyklen und ökologischen Bedürfnisse sämtlicher Meereslebewesen sowie die Verbreitung und Beschaffenheit der Lebensräume, die es zu schützen gilt, viel besser bekannt sein, was allerdings auf absehbare Zeit nicht zu erwarten ist. Deshalb nimmt sich die Forschung Schlüsselarten mit großem Einfluss auf das gesamte Ökosystem wie etwa Kaltwasserkorallen oder, als Prädatoren am Ende der Nahrungskette, auch Meeressäuger an.

Am weitesten sind hier schon die Länder des Meeresschutzabkommens für den Nordostatlantik, der OSPAR-Konvention. Die OSPAR-Staaten führen nun, gemeinsam mit dem Nordostatlantischen Fischereirat (NEAFC) und dem Sekretariat der CBD das weltweit erste regionale Expertentreffen zur Identifizierung von EBSAs durch. Vom 8. bis 9. September 2011 treffen sich im französischen Hyères unter Beteiligung des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) knapp 30 ausgewählte europäische Expertinnen und Experten, um auf Basis der aktuellen Daten und Informationen ökologisch und biologisch bedeutsame Meeresgebiete in der Hohen See des Nordostatlantiks zu identifizieren. Die Gebietsvorschläge sollen spätestens im kommenden Jahr an die CBD gemeldet werden.

 

Weltweit erstes Netz von Meeresschutzgebieten auf der Hohen See eingerichtet

Die Handlungsfähigkeit des Abkommens demonstrierten die OSPAR-Vertragsstaaten aber schon im letzten Jahr. Im Rahmen einer Ministerkonferenz beschloss OSPAR die Ausweisung von sechs Meeresschutzgebieten außerhalb staatlicher Rechtsprechung im Nordostatlantik auf einer Fläche von insgesamt rund 285.000 Quadratkilometern. Das größte dieser Schutzgebiete auf der Hohen See im Nordostatlantik liegt im Gebiet der sogenannten Charlie-Gibbs-Bruchzone auf dem mittelatlantischen Rücken, einer unterseeischen Bergkette. Zusammen mit den nationalen Meeresschutzgebieten stehen damit nun rund drei Prozent des Nordostatlantiks unter Schutz, was etwa einer Fläche von der Größe der Ostsee entspricht.

Kontakt:
Sebastian Tilch
Pressestelle Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung
Tel: 0341-235-1062
E-Mail: sebastian [dot] tilch [at] ufz [dot] de
http://www.biodiversity.de

 

Weiterführende Literatur:
IUCN-Bericht zu Meeresschutzgebieten „Global Ocean Protection" (download [pdf])
 

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