Neue Vorfahrtsregelung für die Natur? Interview zum Bundeskonzept Grüne Infrastruktur

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Karte aus BKGI
Bild: BfN

Im März 2017 hat die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) Prof. Dr. Beate Jessel das Bundeskonzept Grüne Infrastruktur (BKGI) vorgestellt. Es fasst kartographisch die Schwerpunkträume von Naturschutz und Landschaftspflege auf Bundesebene zusammen und macht das bestehende und noch auszubauende Biotopverbundsnetz, dabei aber auch die Konfliktpunkte sichtbar, die durch den prognostizierten Ausbau der Verkehrs- und Siedlungsinfrastruktur entstehen könnten. Damit bekommen Behörden von Bund und Ländern ein Hilfsinstrument zur besseren Berücksichtigung des Naturschutzes an die Hand. Das wissenschaftliche Fachgutachten, auf dem das BKGI basiert, wurde kürzlich nachgereicht. NeFo hat die BfN-Präsidentin und den Leiter des Gutachtens Prof. Dr. Stefan Heiland zu Zielen und zum Erstellungsprozess befragt.

Graue Infrastruktur wie etwa Straßen, Schienen, Kanäle oder Hochspannungsleitungen, aber auch menschliche Siedlungen nimmt große Flächen ein. Ende 2011 betrug der Anteil der Siedlungs- und Verkehrsflächen in Deutschland (ohne Sachsen-Anhalt) mit 45 730 Quadratkilometern 13,6 % der Gesamtfläche (BMU 2013). Tag für Tag kommen 66 Hektar hinzu, wenn auch mit sinkender Tendenz. Dies geht stark zulasten der Natur, denn weitläufige Infrastruktur zerschneidet häufig Lebensräume wildlebender Tiere. Dies gefährdet neben der Artenvielfalt auch oft die Bereitstellung von gesellschaftlich genutzten Ökosystemleistungen wie die Anpassung an den Klimawandel, den Hochwasserschutz, Erholung oder Gesundheitsfürsorge. "Dieser grünen Infrastruktur wurde bislang viel zu wenig Beachtung geschenkt“, meint die Präsidentin des Bundesamtes für Naturschutz (BfN) Prof. Beate Jessel. „Sie ist aber genauso unverzichtbar für unsere Gesellschaft und auch unsere Wirtschaft wie die graue Infrastruktur“.

Doch einen konsequente Durchsetzung von Bauverboten oder harten Auflagen zugunsten des Naturschutzes geht nie ohne Widerstände vonstatten. Die Zeitungen berichten immer wieder gern von den Debatten um Feldhamster, Großtrappe und Juchtenkäfer, bei denen der Wert der Natur in der Regel in Zusatzkosten für den Bauherrn dargestellt werden, der gesellschaftliche Nutzen der Flächen jedoch nicht sichtbar wird.

Um die Leistungen der grünen Infrastruktur zu sichern, sieht das Bundesnaturschutzgesetz einen Biotopverbund vor, der mindestens zehn Prozent der Fläche eines jeden Bundeslandes umfassen soll - allerdings bislang ohne Umsetzungsfrist. Das Bundesumweltministerium hatte es sich in seiner 2015 vorgestellten „Naturschutzoffensive 2020“ zur Aufgabe gemacht, dies zu ändern und eine Novelle des Naturschutzgesetzes vorangetrieben, in der eine Zielerreichung des Biotopnetzes bis Dezember 2027 festgeschrieben werden sollte. Der Bundestag lehnte den im Namen der gesamten Bundesregierung genannten Änderungsvorschlag jedoch Ende Juni dieses Jahres ab.

Um die wertvollen Naturräume besser für die Planung sichtbar zu machen, hat das Bundesamt für Naturschutz in Kooperation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Technischen Universität Berlin der Universität Kassel das Bundeskonzept Grüne Infrastruktur (BKGI) entworfen, das im März dieses Jahres vorgestellt wurde. Das Konzept bündelt vorliegende Daten sowie Fachkonzepte zur grünen Infrastruktur, weist für den Naturschutz wichtige Gebiete aus und identifiziert unter anderem so genannten „Engstellen“ in den Lebensraumnetzen, die voraussichtlich in Konflikt mit Bauplanungen geraten könnten.

"Rückgrat grüner Infrastruktur“, so die BfN-Präsidentin, „bilden die geschützten Flächen und der Verbund der Lebensräume wie bspw. Natura-2000-Gebiete, Nationalparke aber auch Flussauen, das Grün in Städten und Siedlungen sowie Bereiche von Nord- und Ostsee." Entscheidend seien ihre Leistungen für Mensch und Natur.

Das BKGI soll als Datengrundlage zukünftig bei Raum- und Umweltplanungen des Bundes berücksichtigt werden können und Vorbildwirkung des Bundes für die Landes- und auch die regionale Ebene haben. Es basiert auf einem Forschungs- und Entwicklungsvorhaben, das das BfN in Auftrag gegeben hatte und von Prof. Stefan Heiland (TU-Berlin) geleitet wurde. Das Fachgutachten beschreibt ausführlich Hintergründe und die fachlichen Inhalte des Bundeskonzepts. Seit August ist es als BfN-Skript 457 online erhältlich.

Eine klare Positionierung, wie die Grüne Infrastruktur in Deutschland idealerweise aussehen sollte, entwirft das Konzept jedoch nicht. Prioritäre Gebiete, wie sie Wissenschaftler etwa im Falle der „Ökologisch und biologisch bedeutsame Meeresgebiete" (EBSAs) im Rahmen der UN-Biodiversitätskonvention CBD identifiziert haben, werden hier nicht festgelegt. Dies sei methodisch schwierig und auch nicht das erklärte Ziel gewesen, nämlich der Planungen auf Bundesebene naturschutzfachliche Aussagen zur Seite zu stellen, meint Stefan Heiland. Prioritätenverteilungen sollten laut Beate Jessel in einem sich anschließenden Handlungskonzept getroffen werden, bei dem sie von der EU eine wesentliche Rolle erhofft.

NeFo-Interview mit Prof. Dr. Beate Jessel und Prof. Dr. Stefan Heiland:
"Wir möchten Planungen auf Bundesebene naturschutzfachliche Aussagen zur Seite stellen"

 

Weitere Informationen des BfN zum Bundeskonzept Grüne Infrastruktur

Die Naturschutzoffensive 2020 des BMUB

Kontakt:
Sebastian Tilch
NeFo Pressereferent
E-Mail: sebastian.tilch@ufz.de
Tel.: + 49 (0)341 235 1062