NeFo-Blog zur Eröffnung des Helmholtz-Zentrums für Funktionale Marine Biodiversität

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Leiter des HIFMB Prof. Helmut Hillebrand beim TV-Interview
Foto: S. Tilch

Europaweit einzigartiges Forschungsinstitut mit unaussprechlichem Namen

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Portrait von Sebastian Tilch
Sebastian Tilch
UFZ

Es war gleich die erste Bemerkung, die die Eröffnungsfeier des neuen Helmholtz-Zentrums für Funktionale Marine Biodiversität, kurz HIFMB, prägen sollte: „Der Name ist wirklich schwer aussprechbar. Vielleicht fällt ja jemandem noch ein gescheites Akronym ein.“ Niedersachsens Forschungsministerin Gabriele Heinen-Kljajic, die sich diese Eingangsbemerkung „nicht verkneifen konnte“, weiß vermutlich sehr gut, welche Konsequenzen schwer auszusprechende Namen bedeuten. Diese Kritik zog sich durch sämtliche nun anschließenden Reden, von der Direktorin des Alfred-Wegener-Instituts Prof. Karin Lochte, über den Direktor der Universität Oldenburg Prof. Hans Michael Piper, den Oberbürgermeister der Stadt Oldenburg Jürgen Krogmann bis hin zum „geistigen Vater“ und neuem Institutsdirektor des HIFMB Prof. Helmut Hillebrand. Während alle anderen bereits mehr oder weniger kreative Vorschläge machten, verteidigte letzterer den Namen als gewöhnungsbedürftig aber auch -fähig.

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AWI-Direktorin Karin Lochte
Foto. S. Tilch

In den folgenden Reden wurde betont, dass man nach einem langen steinigen Weg nun froh sei, solch ein gutes Resultat erzielt zu haben. Mit Helmut Hillebrand habe man einen starken Kapitän an Bord, der bestens dafür geeignet sei, eine erfolgreiche Mannschaft zusammenzustellen und zu führen, lobte Frau Heinen-Kljajic. Dies ist sicherlich ein passendes Bild für Helmut Hillebrand mit seiner kräftigen Statur, Seemannsbart und unzähmbaren Lockenmähne. Verkneifen konnte sich die Forschungsministerin entsprechend auch nicht die Metapher des „Leuchtturm“-Projektes, das wohl in keinem Fall treffender sei als in diesem.

Die Strahlkraft dieses Leuchtturms, darin waren sich alle einig, sei ohne Zweifel ein Gewinn, sowohl für die Stadt und die Universität Oldenburg als auch das Land Niedersachsen. Universitätspräsident Piper lobte die Ministerin für ihren Beitrag, mit Mio. Euro bis 2020 und den für Helmholtz-Einrichtungen typischen 10 Prozent (90 Prozent Bund), dem ansonsten starke Ungleichgewicht der Forschungsförderung zugunsten des Südostens etwas entgegenzuwirken (gemeint war vor allem Göttingen).

AWI-Direktorin Lochte gab einen kleinen Einblick in den Werdegang des Instituts. So sei der Versuch, ein DFG-Forschungszentrum für marine Biodiversität zu gründen, gescheitert. Gemeint war damit der Antrag auf ein DFG-gefördertes Biodiversitätszentrum, den später die Universitäten Leipzig, Halle und Jena mit dem Deutsches Zentrum für integrative Biodiversitätsforschung iDiv für sich entschieden. Dass jetzt daraus ein Institut im Rahmen der Helmholtz-Gemeinschaft geworden sei, sei im Nachhinein betrachtet, sogar eine Stärke, was allerdings nicht näher begründet wurde.

Jeweils 20 bestehende Stellen des AWI und der Uni Oldenburg seien nun zum Start des HIFMB beteiligt, die Ausschreibungen für weitere zehn neue Stellen, acht Post-Docs, eine Doktorandenstelle und ein/e Nachwuchsgruppenleiter/in seien bereits draußen.

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Prof. Helmut Hillebrand
Foto. S. Tilch

Als letzter Redner brachte Herr Hillebrand nun endlich Inhalte zur Arbeit des Instituts. Bereits vor der Veranstaltung hatte er versucht, den Kamerateams der beiden Privatsender Sat1 und RTL – wie geordert - in „einfachen Worten“ zu erklären, was das neue Institut ausmache. Es ginge zum einen darum, die Rolle der biologischen Vielfalt im Ökosystem Meer bzgl. verschiedener Funktionen zu verstehen. Zum anderen aber auch darum, wie und warum der Mensch diese Ökosysteme und deren Artenzusammensetzung verändere. Nur indem man naturwissenschaftliche Erkenntnisse mit sozialwissenschaftlichen Beobachtungen der gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse verbinde, könne man moderne Konzepte zum Schutz und zur nachhaltigen Nutzung ableiten.

Die Frage zu beantworten, was wir wie nutzen und erhalten wollen, sei allerdings für den Lebensraum Meer alles andere trivial, denn das bisherige Naturschutzwissen aus Langzeitmessungen, Fernerkundung etc. basiere größtenteils auf Landökosystemen und sei nicht ohne weiteres auf die Ozeane übertragbar. Hier müssten erst einmal Methoden für ein aussagekräftiges Monitoring entwickelt werden. Der Schwerpunkt des Instituts liege aufgrund der Prioritäten der beiden beteiligten Institute auf der Nordsee- und den Polarregionen. Langfristig wolle man aber global denken.

Und vor allem interdisziplinär, wie Hillebrand dann in seinem Vortrag betonte. So solle naturwissenschaftliche Grundlagenforschung mit sozialwissenschaftlicher Ursachenforschung und naturschutzrelevanter Konzeptentwicklung verbunden werden. Vier neue Professuren sollen zu diesem Zweck eingerichtet werden:

  • Theorieentwicklung zur Rolle der Biodiversität in marinen Ökosystemen
  • Naturschutzkonzepte aufgrund naturwissenschaftlicher Analysen (Marine Conservation)
  • Analysen und Empfehlungen für Entscheidungsprozesse (Marine Governance)
  • Bioinformatik zur Integration von „Big Data“

„Wie vollzieht sich der Wandel in den Meeren konkret und welche Konsequenzen hat das für die Funktionen des Ökosystems?“ sind die zentralen Fragestellungen der Forschung des HIFMB. In seinem Vortrag vertiefte Hillebrand diese dann anhand sehr anschaulicher Beispiele. So seien die Meere einerseits vom Klimawandel betroffen und veränderten sich, andererseits beeinflussten sie als größtes Ökosystem der Erde das Klima aber auch. So hätte der Treibhauseffekt durch die menschlich bedingte Erhöhung von Kohlendioxid in der Atmosphäre nicht zu dem ursprünglich berechneten Anstieg der Durchschnittstemperatur geführt, da die Ozeane 97 Prozent dieser Wärme aufgenommen hätten. Dass das Leben in den Meeren an diesem Puffereffekt maßgeblich beteiligt sei und als wichtiger Faktor bei der Berechnung und Vorhersage aber auch Bekämpfung des Klimawandels berücksichtigt werden müsse, ist in der Wissenschaftswelt nicht Konsens. Dies zu belegen, ist eines von Hillebrands Hauptzielen.

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Beispiele wichtiger Ökosystemleistungen der Meere
Foto. S. Tilch

Darüber hinaus präsentierte Hillebrand aktuelle Ergebnisse seiner Arbeitsgruppe, die zeigten, dass sich in den vergangenen Jahrzehnten zwar die Biodiversität im Sinne der Artenzahl in der Nordsee kaum verändert habe, bei genauerem Hinsehen aber eine enorme und zunehmende Dynamik in der Artenzusammensetzung erkennbar sei. Viele Arten verschwänden, umso mehr neue erschienen jedoch auch auf der Bildfläche. Versuche in Mesokosmen (abgeschlossene Experimentkammern) des ICBM und viele ähnliche Ansätze weltweit hätten gezeigt, dass die Fähigkeit von Ökosystemen, wichtige Dienstleistungen für Menschen zu erbringen, wie etwa CO2 zu speichern, Sauerstoff zu erzeugen, Nahrung in Form von Fisch bereit zu stellen, erheblich von deren Artenvielfalt abhinge. Der zunehmende Verlust dieser Arten ergebe bezüglich der Funktionsfähigkeit eine ähnliche nichtlineare Kurve wie andere Einflüsse, etwa Überdüngung, Übernutzung oder Ozeanerwärmung.

Um die bestehenden Wissenslücken zu schließen, können AWI und Universität Oldenburg auf hervorragende Infrastruktur zurückgreifen, etwa auf moderne Forschungsschiffe wie Polarstern und Sonne, Dauermessstationen und Modellierungstechnologie.

Neben dem Klimawandel wird auch der Einfluss der Fischerei auf Ökosysteme untersucht. Denn bisher stehen hier in der Forschung vor allem die befischten Arten im Fokus. Welche Auswirkungen die massive Ausbeutung der Meere jedoch auf die gesamten Nahrungsnetze hat, ist bisher wenig erforscht. Welche Arten breiten sich aus, wenn die obere Ebene der Nahrungskette, die Raubtiere, fehlt? Für solche Fragen sollen bald noch weitere Partner wie das GEOMAR in Kiel aber auch das Thünen-Institut für Fischereiökologie in Hamburg eingebunden werden, das laut Hillebrand in Kürze seinen Sitz auch nach Bremerhaven legen wird.

Man ist also hochmotiviert, erwartet baldige international sichtbare Ergebnisse und hat auch für die Zukunft große Pläne. An einem kaum auszusprechenden Namen sollten diese nicht scheitern.