InterviewJahrestagung der Gesellschaft für Tropenökologie (GTÖ): "Wir brauchen tropische Ökosysteme, die auch unvorhersehbare Störungen aushalten" - Interview mit Chris Kettle

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Dr. Chris KettleDr. Chris Kettle, ETH Zürich

Jahrestagung der Gesellschaft für Tropenökologie (GTÖ)

Im NeFo-Interview: Dr. Chris Kettle

"Wir brauchen tropische Ökosysteme, die auch unvorhersehbare Störungen aushalten"

Chris Kettle ist Organisationsleiter der diesjährigen Jahrestagung der Gesellschaft für Tropenökologie (GTÖ) vom 7. bis 10. April in Zürich. Kettle ist Tropenökologe am Institut für Umweltsystemwissenschaften der ETH Zürich und leitet die Arbeitsgruppe Molecular Ecology and Conservation Genetics am Lehrstuhl für Ökosystemmanagement. Seine Forschung konzentriert sich auf die Zerstörung tropischer Lebensräume in Asien und auf den Seychellen, vor allem, welche Auswirkungen Waldfragmentierung auf die Pflanzenvielfalt hat.

NeFo-Das Motto Ihrer Konferenz stellt ja die Resilienz, also Widerstandsfähigkeit, tropischer Ökosysteme in den Fokus. Sie konzentrieren sich also auf gestörte bzw. wirtschaftlich genutzte Lebensräume. Im Abstract der ersten Session „Managed tropical forests, towards a better future?" heißt es, fast die Hälfte des bestehenden tropischen Primärwaldes wäre für Holzproduktion vorgesehen. Allerdings seien solche gemanagter Ökosysteme kaum untersucht. Ihre Keynote-Sprecherin Robin Chazdon fordert für Forschung und Praxis eine neue Betrachtungsweise tropischer Wälder und Landschaften als anpassungsfähige Systeme mit sich gegenseitig beeinflussenden sozialen und ökologischen Komponenten. Das klingt so, als sei den Tropenforschern das Forschungsobjekt abhanden gekommen. Ist das der Grund, weshalb die Tropenforschung in der Resilienzforschung ihre Zukunft sieht?

Kettle: Tatsache ist, dass kein Ökosystem der Erde frei von den Auswirkungen des Menschen ist. Tropenwälder sehen sich zahlreichen Herausforderungen gegenüber. Auch die entlegensten großen Teile der ursprünglichen tropischen Wälder (wovon es nur noch wenige gibt), sind anfällig für die Auswirkungen eines anthropogenen Klimawandels. Dieser wird hier voraussichtlich zu häufigeren und extremen Dürren und Regenereignisse mit weit reichenden Konsequenzen führen. Nur 10 Prozent der tropischen Regenwälder befinden sich in Schutzgebieten. Wir wissen, dass dies nicht ausreicht, um die biologische Vielfalt in den Tropen zu erhalten.

Noch wichtiger ist, dass wir auf zahlreiche Ökosystemleistungen angewiesen sind, die die Schutzgebiete alleine nicht bieten können. Diese müssen also auch die genutzten Wälder erbringen. Das Thema der Konferenz, die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) von tropischen Ökosystemen, zielt darauf ab, dieser Realität ins Auge zu sehen. Ein gestörtes Waldökosystem mag nicht der beste Lebensraum sein, sicherlich taugt er dazu aber besser als alternative Landnutzungen wie Palmölplantagen, Monokultur-Holzplantagen und andere intensive Landwirtschaftsformen. Und ein degradierter oder abgeholzter Wald bleibt nicht für alle Zeiten so.

Tropenökologie ist ein vielfältiges Gebiet und zunehmend multidisziplinär. Eine enge Zusammenarbeit von Forschern verschiedener Fachrichtungen ist also immer wichtiger - von der Genetik bis zur Makroökonomie. Resilienz als übergeordnetes Thema unterstützt diese Notwendigkeit, da es ökologische und soziale Systeme einschließt. Wir brauchen belastbare Landschaften in tropischen Ländern, auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene. Das bedeutet, dass Landschaften, wenn sie von unvorhersehbaren Störungen betroffen sind, sei es durch Klimawandel, invasive Arten oder Änderungen der Weltmarktpreise von Rohstoffen, in der Lage sein müssen, auch weiterhin die Ökosystemdienstleistungen zu erbringen, auf die wir als globale Gesellschaft angewiesen sind. Tropische Ökologie als Forschungsgebiet wird sich künftig also sicherlich noch stärker darauf fokussieren, die anthropogen geprägten Landschaften zu verstehen.

Wieso benötigen wir „neue Ansätze zum Management tropischer Biodiversität", wie sie GTÖ-Präsident Manfred Niekisch im Programm in Aussicht stellt?

Kettle: Derzeitige Ansätze sind mehrheitlich nicht nachhaltig, da sie eben nur ein Ziel verfolgen, wie intensiv bewässerte Kaffeeplantagen, wiederholter nicht-nachhaltiger Holzeinschlag oder konventionelle Ölpalmenplantagen. Alle diese Ansätze bieten viel weniger Ökosystemdienstleistungen als ein diverses System, sind aber oft sehr profitabel. Tatsache ist aber: Komplexe Systeme wie tropische Wälder werden wir nie vollständig verstehen können, weshalb wir auch nie jede Reaktion auf Störungen vorherzusagen können werden. Deshalb brauchen wir Management-Ansätze, die unerwartete Verläufe (wie etwa Dürren oder Starkregen durch den Klimawandel) aber auch menschliche Nutzung aushalten können, eben belastbare (resiliente) Systeme. Dies führt uns weg vom traditionellen Ressourcen-Management-Ansatz, der sich in der Regel auf ein einziges Ziel oder eine Ökosystemleistung (Produkt) konzentriert und sehr unflexibel ist.

Welchen Beitrag kann die Biodiversitätsforschung zu diesen Ansätzen leisten?

Kettle: Wenn wir eine tropische Landschaft wollen, die mehrere Ökosystemleistungen erbringen und gleichzeitig gesellschaftlichen Anforderungen gerecht werden soll, müssen wir bereit sein, neue Wege zu gehen. Genau damit beschäftigen sich Tropenökologen zunehmend, wie die Jahrestagung gleich in mehrere Sessions demonstriert: etwa Session 1 zu verwaltetem tropischen Regenwald, Session 5 zu Intensivierung tropischer Agroforstsysteme und Session 13 zu Widerstandsfähigkeit tropischer Wälder gegenüber menschlichen Faktoren. Entwicklung von naturerhaltenden Produktionssystemen für Bio-Kaffee, RSPO-zertifizierte Palmölplantagen, die Fragmente ursprünglichen Waldes enthalten, oder FSC-zertifizierte Waldbewirtschaftung, solche Ansätze werden bisher leider viel zu wenig beachtet.
Darüber hinaus legen uns technologische Fortschritte neue Werkzeuge in die Toolbox, wie weiterentwickeltes GPS-Tracking, Airborne LiDAR (Fernmessung atmosphärischer Parameter vom Flugzeug aus, bspw. der Wasserhaushalt eines Regenwaldgebietes), DNA-Tracking, günstige Drohnen und mobile Kommunikation. Diese relativ neuen Technologien spielen eine wichtige Rolle bei der Erhaltung und beim Management solcher Gebiete. Forschung bietet oft den Katalysator für solche Fortschritte.

Welche konkreten Ergebnisse wünschen Sie sich von der Konferenz?

Kettle: Eines der wesentlichen Ergebnisse der Konferenz ist ganz einfach, den Austausch zwischen Tropenökologen in Europa zu verbessern. Zum ersten Mal wird die Jahrestagung der Gesellschaft in der Schweiz durchgeführt. Dies hat sicherlich dazu beigetragen, ein breiteres Spektrum von Wissenschaftlern aus Europa zu gewinnen. Viele der einzelnen Sessions decken sehr aktuelle Themen wie Waldbewirtschaftung, Intensivierung der tropischen Agrarökosysteme und soziale Aspekte der Widerstandsfähigkeit von Tropenwäldern ab. Der Wissenstransfer dieser Themen wird sehr fruchtbar sein. Inspirierende jüngere Wissenschaftler in der Gesellschaft zu engagieren ist auch ein wichtiges Ziel der Konferenz. Auf diese Weise möchten wir die Gesellschaft stärken, ihre Dynamik erhalten und in ihrer wichtigen Rolle unterstützen, die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaftlern, Regierungen und Nicht-Regierungsorganisationen mit Schwerpunkt auf tropische Systeme zu fördern. Nicht zuletzt bieten wir hier ein Treffen, dem viele Wissenschaftler mit verhältnismäßig geringem Kohlendioxid-Fußabdruck beiwohnen können.

Was können Laien wie etwa Journalisten von der Konferenz mitnehmen?

Kettle: Eine interessante Frage. Die Konferenz ist grundsätzlich eine wissenschaftliche Tagung. Da sich Wissenschaftler heutzutage immer stärker spezialisieren, besteht immer stärker auch die Notwendigkeit, dass wir unsere Arbeit auch Nicht-Fachleuten gegenüber verständlich darstellen können. Ich denke, dass die Konferenz äußerst interessant für jeden Journalisten ist, der sich auf den neuesten Stand der Forschung zum Schutz und zu künftigen Managementansätzen der tropischen Ökosysteme, von Korallenriffen bis hin zu tropischen Bergwäldern, bringen möchte.

Was können wissenschaftliche Vereinigungen zu globalen politischen Prozessen beitragen?

Kettle: Gesellschaften wie die GTÖ oder auch die ATBC (Association for tropical biology and Conservation), der ich persönlich angehöre, spielen eine wichtige Rolle im Austausch zwischen Wissenschaft und Politik. Die ATBC gibt beispielsweise bei jeder ihrer Jahrestagungen eine Erklärung heraus, die die Aufmerksamkeit der Medien auf global wichtige Themen lenken soll. Wissenschaftliche Gesellschaften genießen erhebliche Glaubwürdigkeit in Fragen zu großen internationalen Projekten mit Umweltbezug. Ein gutes Beispiel dafür ist der Nicaragua-Kanal, wo die ATBC einen wesentlichen Beitrag dazu leistete, dass eine unabhängige Bewertung der Auswirkungen auf die Umwelt durchgeführt werden müsse.

Das Interview führte Sebastian Tilch (aus dem Englischen übersetzt); April 2015