Drucken
PDF

Neues Forstgesetz könnte Brasiliens Abholzungsrate zusätzlich steigern

Von Sebastian Tilch

satellite_image_photo_deforestation_state_rondonia_brazil_2
Entwaldung in Rondonia/Brasilien Foto: NASA
Das Brasilianische Parlament hat am 24. Mai 2011 eine Novellierung des Forstgesetzes beschlossen. "Der Neuentwurf, der hauptsächlich von der Agrarindustrie geschrieben wurde, lässt eine starke Verringerung der Waldschutzgebiete in Brasilien erwarten", sagt Prof. Carlos Joly, Biologe an der Staatlichen Universität Campinas. Bisher gab es Auflagen, dass bei Rodungen ein bestimmter Prozentsatz stehen bleiben müsse, entlang von Gewässern sowie Hängen ab einer bestimmten Steigung nicht gerodet werden dürfe. Diese Waldschutzmaßnahmen, die durch die Wissenschaft gestütz wird, werden nun zugunsten der Plantagenwirtschaft aufgeweicht. Viele Wissenschaftler formieren sich entsprechend gegen die neue Vorlage, denn sie wurden in die aktuellen Diskussionen nicht einbezogen. Nach ihren Erkenntnissen widersprechen die Neuregelungen vielen Natur- und Klimaschutzzielen.

Noch 2009 rühmte sich die Regierung für die deutlich gesunkene Abholzungsrate. Doch inzwischen wird wieder verstärkt gerodet. Besonders betroffen ist der Bundesstaat Mato Grosso. Dort ist die Waldzerstörung nach Analysen des Staatlichen Institutes für Weltraumforschung (Inpe) von August 2010 bis April 2011 um 43 Prozent gestiegen.  "Dort wird sehr viel Weideland in Sojafelder umgewandelt und die Weidewirschaft weiter in den Norden gedrängt, wo wiederum der Wald gerodet wird." erzählt Dr. Christoph Knogge, der in der Nähe von Sao Paolo forscht. Damit gewinne Soja als indirekter Driver eine wichtige Rolle. Mit der Neuregelung erwarten die Forscher eine Verstärkung des Trends.

Und erhebliche Folgen für die Ökosystemfunktionen, von denen die Bevölkerung und das Weltklima abhängen. So speichert der Wald Wasser, das zum einen die Gewässer speist, die die lokale Bevölkerung mit Trinkwasser und Fisch versorgt. Zum anderen bilden sich hier Regenwolken und damit Wasser, das Kleinbauern wie Plantagenbesitzer benötigen. Aber auch als  Kohlenstoffspeicher funktioniert stark reduzierter Wald nur noch eingeschränkt. Zudem schützt der Bewuchs an Hängen vor Erosion. Riesige Erdrutsche nach tagelangen Regengüssen haben im Januar dieses Jahres in Rio de Janeiro 844 Menschen das Leben gekostet. 20.790 verloren ihr Zuhause.  Nicht zuletzt fallen bei zu starker Fragmentierung und Nutzung des Waldes wichtige Arten aus, die das Ökosystem stabilisieren und erhalten.

Knickt der Amazonasregenwald irgendwann ein?

Der Global Biodiversity Outlook 3 der UNEP zeigt die Gefahr auf, dass ein Verlust von solchen Ökosystemdienstleistungen nicht linear ablaufen, sondern dass ab einer bestimmten Störungsintensität selbstverstärkende Prozesse das gesamte System schlagartig kippen lassen könnten. So gehen durch immer kleinere Restwaldfragmente Schatten liebende Baumarten, die u .a.  für die CO2-Speicherung wichtig sind und deren Samen durch bestimmte Tierarten wie Vögel und Fledermäuse verbreitet werden, unwiederbringlich verloren, da diese Tiere keine Lebensraum mehr finden oder die nächsten Fragmente oft zu weit entfernt sind.

deforestationinbrazil
Entwaldung in Brasilien Foto: NASA
Diese Phänomene lassen sich in Brasilien bereits beobachten. Der Mata Atlantica Regenwald an der Ostküste Brasiliens, einer der artenreichsten Wälder der Erde, steht nur noch zu rund elf Prozent, zerstückelt in Fragmente unter 100 Hektar Größe. Bei groß angelegten Untersuchungen zu ökologischen Auswirkungen starker Fragmentierung von Regenwäldern haben u.a. deutsche Forscher herausgefunden, dass ab einer Restfläche von 30 Prozent und entsprechender Isolierung der Reststücke die notwendigen durch vielfältige Arten erbrachten Ökosystemfunktionen soweit ausfallen, dass das Ökosystem sich langfristig nicht erhalten kann.
 

Einge Ökosystemfunktionen standen bereits auf der Kippe

In Bezug auf die Wasserversorgung Brasiliens ist dies schwer abzuschätzen. Schon heute mangelt es den großen Metropolen an Wasser. 2005 und 2010 hatte der Amazonasregenwald so stark mit Trockenheit zu kämpfen, dass er netto mehr Kohlenstoff freisetzte als er der Atmosphäre entzog. Der Amazonas führte so wenig Wasser, dass die Fische erstickten und kein Transport mehr möglich war.  Auch die Funktion als Kohlenstoffspeicher war schon einmal am Limit.

Prof. Andreas Huth und sein Team vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung UFZ Leipzig errechnet mit Computermodellen, wie sich die Kapazität für Kohlenstoffspeicherung bei welcher Waldstruktur, -artenzusammensetzung und –nutzungsform verändert. Die Ergebnisse geben einen Hinweis auf Kipp-Punkte und sind dringend notwendig in der Frage nach Ausgleichszahlungen für das Stehenlassen von Wäldern in Entwicklungsländern im Rahmen des REDD-Programmes. Die Abholzung der Urwälder Brasiliens jetz noch zu steigern, hält Huth für eine Katastrophe nicht nur für das Klima. „Natürlich nehmen auch schnell wachsende Monokulturen CO2 auf. Nur wird beim Roden so viel davon frei, dass dies erst nach Jahrhunderten wieder ausgeglichen ist. Wir müssen aber jetzt CO2 speichern.“
 
47345_r_k_b_fledermaus_by_dette_pixelio.de
Fledermäuse verbreiten Samen Foto: Dette/pixelio
Die Neuregelung, die Mindestbreite von Uferwaldstreifen zu reduzieren, kommt in Konflikt mit Artenschutzaspekten. Christoph Knogge hat sich im Rahmen des Mata Atlantica Projektes mit der Frage nach der Rolle der Biodiversität in Regenwaldökosystemen beschäftigt. Tiere sind eine wesentliche Stütze der Waldökosysteme. Doch sie müssen wandern können. Wie müssen Korridore zwischen den Fragmenten aussehen, um die Populationen aufrecht zu erhalten? Streifen unter einer bestimmten Breite werden von vielen Arten nicht als Verbindungsbrücken zwischen verschiedenen Lebensraumfragmenten akzeptiert. Knogge koordiniert in Brasilien ein Schutzprogramm für Goldsteißlöwenaffen, die gerade breite Streifen entlang von Wasserläufen als Korridor benötigen, um wandern und durch genetischen Austausch ihre Populationen erhalten zu können (siehe Interview).
 

Novellierung widerspricht internationalen Abkommen

Grundsätzlich hat sich die UN-Staatengemeinschaft, Brasilien eingeschlossen, vergangenen Oktober im japanischen Nagoya auf die Verringerung des Biodiversitätsverlustes geeinigt. Im Strategic Plan der CBD bis 2020 heißt es hier:

Target 5: By 2020, the rate of loss of all natural habitats, including forests, is at least halved and where feasible brought close to zero, and degradation and fragmentation is significantly reduced.

Target 7:
By 2020 areas under agriculture, aquaculture and forestry are managed sustainably, ensuring conservation of biodiversity.

Das neue Forstgesetz widerspricht diesen Zielen völlig.

 

Dieser Artikel wurde erstellt in Zusammenarbeit mit:

Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Dept. Naturschutzforschung, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig

Prof. Dr. Paulo De Marco Júnior, Departament of Ecology, Universidade Federal de Goias, Brazil

Dr. Arthur Bispo, Departament of Ecology, Universidade Federal de Goias, Brazil

SOS Florestas – O Código Florestal em Perigo, Brazil

 


Weiterführende Links:

→Schlammlawinen in Brasilien - Tal der Toten

→Amazonien im Teufelskreis aus Kahlschlag und Klimawandel

→LOKALE UND NATIONALE KONSEQUENZEN  

→Auch kleine Flächen können Populationen aufrecht erhalten und sollten geschützt werden 


>> Lesen Sie zu diesem Thema weitere Artikel und Interviews

Regenwaldabholzung in Brasilien stark gestiegen

nasaburningbrazilDas belegen Daten zweier unterschiedlicher Institute in Brasilien, die die Regierung in Brasília am Donnerstag in Alarmzustand versetzte. Besonders betroffen ist der Bundesstaat Mato Grosso. Dort stieg die Waldzerstörung nach Analysen des staatlichen Institutes für Weltraumforschung (Inpe) von August 2010 bis April 2011 um 43 Prozent.