18. Mai 2011
Neues Forstgesetz könnte Brasiliens Abholzungsrate zusätzlich steigern
Von Sebastian Tilch
Noch 2009 rühmte sich die Regierung für die deutlich gesunkene Abholzungsrate. Doch inzwischen wird wieder verstärkt gerodet. Besonders betroffen ist der Bundesstaat Mato Grosso. Dort ist die Waldzerstörung nach Analysen des Staatlichen Institutes für Weltraumforschung (Inpe) von August 2010 bis April 2011 um 43 Prozent gestiegen. "Dort wird sehr viel Weideland in Sojafelder umgewandelt und die Weidewirschaft weiter in den Norden gedrängt, wo wiederum der Wald gerodet wird." erzählt Dr. Christoph Knogge, der in der Nähe von Sao Paolo forscht. Damit gewinne Soja als indirekter Driver eine wichtige Rolle. Mit der Neuregelung erwarten die Forscher eine Verstärkung des Trends.
Und erhebliche Folgen für die Ökosystemfunktionen, von denen die Bevölkerung und das Weltklima abhängen. So speichert der Wald Wasser, das zum einen die Gewässer speist, die die lokale Bevölkerung mit Trinkwasser und Fisch versorgt. Zum anderen bilden sich hier Regenwolken und damit Wasser, das Kleinbauern wie Plantagenbesitzer benötigen. Aber auch als Kohlenstoffspeicher funktioniert stark reduzierter Wald nur noch eingeschränkt. Zudem schützt der Bewuchs an Hängen vor Erosion. Riesige Erdrutsche nach tagelangen Regengüssen haben im Januar dieses Jahres in Rio de Janeiro 844 Menschen das Leben gekostet. 20.790 verloren ihr Zuhause. Nicht zuletzt fallen bei zu starker Fragmentierung und Nutzung des Waldes wichtige Arten aus, die das Ökosystem stabilisieren und erhalten.
Knickt der Amazonasregenwald irgendwann ein?
Der Global Biodiversity Outlook 3 der UNEP zeigt die Gefahr auf, dass ein Verlust von solchen Ökosystemdienstleistungen nicht linear ablaufen, sondern dass ab einer bestimmten Störungsintensität selbstverstärkende Prozesse das gesamte System schlagartig kippen lassen könnten. So gehen durch immer kleinere Restwaldfragmente Schatten liebende Baumarten, die u .a. für die CO2-Speicherung wichtig sind und deren Samen durch bestimmte Tierarten wie Vögel und Fledermäuse verbreitet werden, unwiederbringlich verloren, da diese Tiere keine Lebensraum mehr finden oder die nächsten Fragmente oft zu weit entfernt sind.
Einge Ökosystemfunktionen standen bereits auf der Kippe
In Bezug auf die Wasserversorgung Brasiliens ist dies schwer abzuschätzen. Schon heute mangelt es den großen Metropolen an Wasser. 2005 und 2010 hatte der Amazonasregenwald so stark mit Trockenheit zu kämpfen, dass er netto mehr Kohlenstoff freisetzte als er der Atmosphäre entzog. Der Amazonas führte so wenig Wasser, dass die Fische erstickten und kein Transport mehr möglich war. Auch die Funktion als Kohlenstoffspeicher war schon einmal am Limit.
Novellierung widerspricht internationalen Abkommen
Grundsätzlich hat sich die UN-Staatengemeinschaft, Brasilien eingeschlossen, vergangenen Oktober im japanischen Nagoya auf die Verringerung des Biodiversitätsverlustes geeinigt. Im Strategic Plan der CBD bis 2020 heißt es hier:
Target 5: By 2020, the rate of loss of all natural habitats, including forests, is at least halved and where feasible brought close to zero, and degradation and fragmentation is significantly reduced.
Target 7: By 2020 areas under agriculture, aquaculture and forestry are managed sustainably, ensuring conservation of biodiversity.
Das neue Forstgesetz widerspricht diesen Zielen völlig.
Dieser Artikel wurde erstellt in Zusammenarbeit mit:
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Dept. Naturschutzforschung, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung Leipzig
Prof. Dr. Paulo De Marco Júnior, Departament of Ecology, Universidade Federal de Goias, Brazil
Dr. Arthur Bispo, Departament of Ecology, Universidade Federal de Goias, Brazil
SOS Florestas – O Código Florestal em Perigo, Brazil
Weiterführende Links:
→Schlammlawinen in Brasilien - Tal der Toten
→Amazonien im Teufelskreis aus Kahlschlag und Klimawandel
→LOKALE UND NATIONALE KONSEQUENZEN
→Auch kleine Flächen können Populationen aufrecht erhalten und sollten geschützt werden
>> Lesen Sie zu diesem Thema weitere Artikel und Interviews
Regenwaldabholzung in Brasilien stark gestiegen
Das belegen Daten zweier unterschiedlicher Institute in Brasilien, die die Regierung in Brasília am Donnerstag in Alarmzustand versetzte. Besonders betroffen ist der Bundesstaat Mato Grosso. Dort stieg die Waldzerstörung nach Analysen des staatlichen Institutes für Weltraumforschung (Inpe) von August 2010 bis April 2011 um 43 Prozent.

















