23. November 2011
REDD+, ein ambitionierter Waldschutzansatz mit entscheidenden Lücken
Von Verena Müller und Sebastian Tilch
Der Verlust an globaler Waldfläche verlangsamt sich, so aktuelle Zahlen der FAO. Während in den 1990er Jahren noch jährlich 83.000 km² Wald verloren gingen, sind es heute 56.000 km2. Dahinter stehen gigantische Aufforstungsprogramme einiger Länder, allen voran China. Hier wächst der Wald jährlich um fast 30.000 km² und soll bis 2050 42 Prozent der Landesfläche einnehmen - fast doppelt so viel wie heute. Als Belohnung könnten dafür künftig Subventionen winken. REDD+ soll der Dienstleistung natürlicher Wälder als Kohlenstoffsenke einen Marktwert verleihen und einen gerechten Ausgleich für die Erhaltung und Wiederaufforstung ermöglichen. Ob dieser Ansatz jedoch tatsächlich den Verlust der Wälder stoppen kann, hängt maßgeblich von den Regelungen im Mechanismus ab. Und damit vom politischen Willen der Geberländer, ausreichend Geld zur Verfügung zu stellen, sowie der Umsetzungsländer, ursprüngliche Wälder wirklich zu erhalten. Denn zum derzeitigen Stand trägt die Klimarahmenkonvention (UNFCCC) mit ihrer Walddefinition eher zur Waldumwandlung bei als zu ihrer Verhinderung. Denn auch Holz- und Palmölplantagen gelten hier als Wald. Der Zuwachs ist lediglich ein Rechenstück - der tatsächliche Brutto-Verlust der weltweiten Waldflächen beträgt über 150.000 km2 pro Jahr. Bei der UN-Klimakonferenz in Durban wird sich zeigen, wie ernst es die Vertragsstaaten die Bedrohung künftiger Generationen durch den Verlust der biologischen Lebensgrundlage nehmen.

Rio de Janeiro im Januar 2011. Riesige Erdrutsche reißen nach tagelangen Regengüssen Teile der Favelas am Rande der Stadt mit. 844 Menschen kommen um, 20.790 verlieren ihr Zuhause. Durch massive Rodungen des Regenwaldes im abschüssigen Umfeld fehlt stabilisierender Bewuchs. Der Boden weicht auf und rast zu Tal.
Ein paar Hundert Kilometer nördlich im Amazonasbecken reihen sich mit gleichem Abstand Eukalyptusbaum an Eukalyptusbaum. Darunter karger, lebloser Boden. Ein blauer, stark nach ätherischen Ölen riechender Dunst liegt in der Luft. Hier kann sich kaum eine andere Pflanze sich ansiedeln, von Tieren ganz zu schweigen. Diese auch als "grüne Wüsten" bezeichneten Holz- und Zellstoffproduktionsstätten bedecken nun große Teile des Gebietes, wo früher einmal einer der artenreichsten Wälder der Welt, der brasilianische Küstenregenwald Mata Atlantica, stand. Gerade mal noch elf Prozent sind noch übrig und beschränken sich vor allem auf steil abschüssiges Gelände, das für Landwirtschaft ungeeignet ist.
Was ist ein Wald?
Im Verständnis der UN-Klimarahmenkonvention von 2001 steht hier jedoch deutlich mehr Wald. „Ein mindestens 0,5 bis 1 Hektar großes Gebiet, das zu 10 bis 30 Prozent von Pflanzen bedeckt ist, die ausgewachsen mindestens 2 bis 5 Meter hoch sind". Viele Monokulturen, seien es Eukolyptusplantagen in Brasilien, Ölpalmenplantagen in Asien oder Chinas Aufforstungen mit Pappeln, erfüllen diese Kriterien und könnten ihren Staaten künftig Fördergelder aus dem REDD+Mechanismus bescheren. REDD steht für „Reducing Emissions from Deforestation and Degradation in developing countries", das Plus für „sustainable management of forests and enhancement of forest carbon stocks in developing countries". Die Ökosystemleistung natürlicher Wälder, Kohlenstoff zu halten und sogar der Atmosphäre zu entziehen soll einen monetären Wert bekommen und so die waldreichen Länder der Welt motivieren, diese nicht der Landnutzung zu opfern. Allerdings taucht das Wort „natürlich" in der Definition der Wälder nicht auf. Der größte Unterschied zwischen einer Plantage und eines richtigen Waldes ist jedoch schon auf den ersten Blick sichtbar: Biologische Vielfalt.
Vielfältige Wälder sichern Ökosystemleistungen
Wie wichtig die Biodiversität für das Funktionieren des Waldes als Ökosystem und damit auch für das menschliche Leben ist, zeigen zahlreiche Forschungsergebnisse. So nutzen viele unterschiedliche Arten in Wäldern Licht, Wasser und Nährstoffe durch ihre unterschiedlichen Ansprüche und Wuchsformen oftmals besser aus. Natürliche und naturnahe Wälder erfüllen die für das menschliche Leben essentiellen Ökosystemleistungen wie der Schutz vor Erosion, die Regulation des Wasserkreislaufs oder die langfristige Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit deutlich besser als Monokulturen. Und nicht nur das: Studien belegen, dass sie im Vergleich zu Monokulturen häufig nicht nur einen höheren Holzertrag erbringen und in Anbetracht des Klimawandels mehr Kohlenstoff binden, sondern auch noch deutlich weniger anfällig gegenüber Schädlingen und längeren Dürreperioden durch den Klimawandel sind. Als Hauptargument für diese Stabilität gegenüber Schädlingen dient dabei die so genannte "Versicherungshypothese". Demnach puffern natürliche oder artenreiche Ökosysteme Störungsereignisse besser ab bzw. können sich nach Störungen schneller erholen.
REDD muss grüner werden
Tatsächlich liefern die Wälder aber auch die Grundlage für eine langfristige Landwirtschaft. Denn gerade in tropischen Regionen bilden sich hier Regenwolken. Die Vielfalt von Pflanzen, Moosen, Pilzen und Bodentieren hält den Wasserhaushalt in Gang und breitet das Wasser zu Trinkwasser auf. Solche Ökosystemdienstleistungen funktionieren jedoch erst ab einer bestimmten Größe des Waldstücks. Dies haben Forscher im Rahmen des Mata Atlantica Projektes ermittelt, das sich mit den Auswirkungen der Zerstückelung und Degradierung des Regenwaldes beschäftigt hat (siehe Themenschwerpunkt).
In Anbetracht dieser enormen Bedeutung von Biodiversität in Wäldern fordern Experten, den Schutz des Klimas mit dem der Biodiversität zu verknüpfen und somit die Ziele von Klima-Rahmenkonvention und der Übereinkunft über die biologischen Vielfalt CBD zu gemeinsam zu behandeln. Dr. Till Pistorius vom Institut für Forst- und Umweltpolitik der Universität Freiburg ist Mitglied der deutschen Delegation in Durban. Seit Jahren verweist er in seinen Publikationen auf die Notwendigkeit und Chancen, die Ziele der einzelnen Naturschutzkonventionen nicht isoliert zu verhandeln, zuletzt in seiner aktuellen Publikation "Greening REDD+ Challenges and opportunities for forest biodiversity conservation". Dass das Thema "Walddefinition" in Durban auf den Tisch käme, kann er sich jedoch nicht vorstellen. Zu weit lägen hier die Interessen auseinander, als dass man damit die gesamten REDD-Verhandlungen gefährden wolle. Protest aus der Forschung zu dieser Haltung kommt unter anderem von der urugayanischen „World Rainforest Movement". In einem offenen Brief an die FAO forderten Wissenschaftler aus aller Welt im September dieses Jahres eine Änderung der Walddefinition der UNFCCC hin zu einer strikten Trennung zwischen Baumplantagen und naturnahen Wäldern.
Ein ambitionierter Mechanismus, der sich noch vielen Herausforderungen stellen muss
Doch nicht nur die Frage nach der Walddefinition ist für die Umsetzung des REDD-Mechanismuses entscheidend. Auch seine allgemeine Ausgestaltung wird seit dem Klimagipfel in Kopenhagen 2009 heiß diskutiert und bisher nur in wenigen Pilotprojekten getestet. Dabei gestaltet Brasilien wesentlich die Verhandlungen grundlegend mit, ist es doch neben kleinen Staaten wie Papua Neu Guinea oder Angola das politische Schwergewicht unter den Schwellen- und Entwicklungsländern mit großen Waldvorkommen. Denn generell leuchtet vielen Regierungen von Entwicklungs- und Schwellenländern ein, dass ihnen auf lange Sicht große Kosten durch die Waldschäden entstehen, für die die Verursacher nicht zur Kasse gebeten werden können.
Doch insbesondere wenn große Waldflächen Farmern gehören, müssen für sie Anreize geschaffen werden, den Wald nicht zu roden. Als Entschädigung für die ausfallenden Einnahmen sind inzwischen viele Industrienationen bereit, waldreichen Entwicklungsländern Ausgleichszahlungen zu gewähren. Grundsätzlich stellt sich jedoch noch die Frage, woher diese Ausgleichsgelder stammen und an welche Bedingungen diese Zahlungen geknüpft werden sollen. Norwegen und Großbritannien gehen bereits mit gutem Beispiel voran. Bis 2012 haben sie Zahlungen in Höhe von gut drei Milliarden Euro zugesichert. Wie viel Wald dieser Summe entspricht, ist ebenfalls unklar. Für einen Mittelwert müssen Emissionen, die aus Brandrodung etc. entstanden sind, bis in die 80er Jahre zurück geschätzt werden. Vorschläge für den Gegenwert einer Tonne Kohlenstoff reichen, je nach Interessenlage, von zwei bis zwanzig Euro.
→Interview mit Dr. Till Pistorius zur Frage, warum die Definition von Wald in Durban kein Thema ist.
→Themenschwerpunkt Auswirkungen von Zerschneidung und Abholzung des brasilianischen Regenwaldes










