04. November 2011
UN-Dekade zur Biologischen Vielfalt – Forschung ist Voraussetzung für erfolgreiches Handeln
Von Sebastian Tilch
Am 8. November eröffnet das Bundesumweltministerium die UN-Dekade für Deutschland.
Neun Jahre, um die 20 Ziele des neuen Strategischen Plans zur Rettung der Biologischen Vielfalt umzusetzen, erscheinen sehr kurz. Zum einen, da die meisten Politikressorts andere Prioritäten setzen. Zum anderen, da die meisten Bewertungsmaßstäbe für Erfolg und Misserfolg von Maßnahmen noch fehlen. An beiden Fronten ist die deutsche Biodiversitätsforschung aktiv. Sie macht die Entwicklung der Biologischen Vielfalt und Zusammenhänge menschlicher Einflüsse sichtbar, darüber hinaus aber auch ihre Bedeutung für gesellschaftliches Wohlergehen. NeFo, im Auftrag von DIVERSITAS Deutschland e.V. und dem BMBF, stellt zum Auftakt der UN-Dekade einige solcher Projekte vor.
Eigentlich hätten schon die letzten zehn Jahre die Dekade der Biologischen Vielfalt sein müssen. Bis 2010 hatten sich die Vertragsstaaten der CBD vorgenommen, den rasanten Schwund der Biologischen Vielfalt und mit ihr lebenswichtiger Ökosysteme zu stoppen. Damals zog die UN das Thema „Bildung" vor. Seitdem geht der Raubbau an den Naturressourcen, trotz allseitiger Willensbekundungen zum Handeln, in den meisten Bereichen ungebremst weiter. Beispielsweise sind im Nordatlantik die Fischbestände in den letzten 50 Jahren um 66 Prozent geschrumpft. Seit 2000 gehen jedes Jahr 6 Millionen Hektar ursprünglicher Waldflächen verloren. „Wir können es uns nicht leisten, den andauernden Verlust und Wandel der Biologischen Vielfalt als ein separates Thema neben den Kernbelangen der Gesellschaft zu behandeln," schreiben die Autoren des UN-Berichts Global Biodiversity Outlook 2010.
Bereits ein Jahr ist es allerdings schon wieder her, dass die 10. Vertragsstaatenkonferenz der CBD in Nagoya die neuen strategischen Biodiversitätsziele bis 2020 (Strategic Plan 2020) verabschiedet hat. Damit diese nicht ähnlich scheitern wie die letzten, hat die UN nun die Dekade der Biodiversität ausgerufen, um die Dringlichkeit zum Handeln zu betonen. Das Bundesumweltministerium (BMU) und das Bundesamt für Naturschutz (BfN) laden am 8. November in der Berliner Kalkscheune zur Auftaktveranstaltung ein.
Weitere Infos unter: http://www.nationalesforum-Biologischevielfalt.de
Strategischer Plan 2020 der CBD gibt die Marschrichtung vor
Der neue Strategische Plan ist der Leitfaden für die kommenden zehn Jahre. Zwanzig Ziele benennen im Vergleich zu den vorherigen Zielen klarer die Verursacher und setzen quantifizierbare Grenzen. Die Forschung hat bei der Frage um Erfolg oder Misserfolg hier eine Schlüsselrolle, sowohl um Lösungsansätze zu entwickeln, als auch Indikatoren zur Messung des Erfolges von Maßnahmen an die Hand zu geben. Denn bei einer Vielzahl der Ziele ist noch nicht einmal klar, wie ein Erreichen oder Verfehlen überhaupt gemessen werden soll. Deutlich wird dies bereits beim ersten Ziel: Bis zum Jahre 2020, so der einvernehmliche Beschluss aller 193 CBD-Staaten, sollen alle Menschen den Wert von Biodiversität kennen und entsprechend handeln. Ein global einheitlicher Maßstab wurde hier aufgrund zu verschiedener Bedingungen ausgeschlossen.
Wo stehen wir heute? Und wie kommen wir vorwärts? – Antworten liefert die Forschung
Als dringlichstes Ziel wird die Reduktion der negativen Einflüsse angesehen. Bereits bis 2015 soll der weltweit rasante Verlust der Korallenriffe gestoppt sein (Ziel 10). Diese Ökosysteme repräsentieren nicht nur in einzigartiger Weise die Schönheit der Natur und generieren große touristische Einnahmen, als Kinderstube der Fische bilden sie auch die Grundlage für mindestens ein Viertel der Erträge der globalen Fischerei. Die wirtschaftliche Existenz von einer halben Milliarde Menschen hängt an Korallenriffen. Doch neben der Ozeanversauerung durch die Verbrennung fossiler Brennstoffe setzen ihnen vor allem Schleppnetzfischerei, Rohstoffabbau und andere Nutzungen schwer zu. In der Karibik ist die Ausdehnung der Korallenbänke in den letzten 30 Jahren von 50 Prozent auf 10 Prozent zurückgegangen.
Als eine der wichtigsten Maßnahmen gelten Meeresschutzgebiete. Schon 2002 beschloss die CBD, bis 2010 zehn Prozent der Gesamtoberfläche der Meere unter Schutz zu stellen. 1,17 Prozent waren es am Schluss, sodass dieses Ziel nun um zehn Jahre vertagt wurde (Ziel 11). Aufrecht erhalten wurde jedoch das Ziel, bis 2012 ein globales repräsentatives Netz von Schutzgebieten aufzubauen, das exemplarisch alle biogeographischen Regionen sowie Lebensräume und Arten abdeckt und dessen Teile untereinander für wandernde Arten erreichbar sind (Korridore). Das wird kaum einzuhalten sein, da weltweit bisher nur die Nordostatlantikstaaten damit begonnen haben, so genannte „ökologisch und biologisch bedeutsame Meeresgebiete" (Ecologically and Biologically Significant Marine Areas – EBSA) für ihre Region zu identifizieren.
Hier kommt die Forschung ins Spiel. Die Global Ocean Biodiversity Initiative (GOBI) mit derzeit 20 renommierten wissenschaftlichen Einrichtungen und Organisationen liefert den wissenschaftlichen Background, um mit der Auswahl de Gebiete den größtmöglichen Effekt zu erzielen, nicht nur für die Natur, auch für die Wirtschaft. Schlüsselorganismen für hohe Biologische Vielfalt und oft auch für hohe Fischereierträge sind Kaltwasserkorallen. Forscher vom Meeresforschungsinstitut Senckenberg am Meer in Wilhelmshaven untersuchen, nach welchen Kriterien sich deren Larven ihren Niederlassungsort aussuchen, um Riffe zu bilden. Eine Forscherin an der Universität Freiburg hat eine weltweite Karte erstellt, die die klimawandelbedingte Verbreitung und Zusammensetzung von Meeressäugern im Laufe der kommenden vierzig Jahre darstellt. [mehr Infos hierzu]
„Weltbiodiversitätsrat" IPBES soll Umdenken unterstützen
Grundsätzlich muss jedoch eine Bereitschaft zum Umdenken auch in der Politik entstehen. Das nötige Wissen über die Konsequenzen soll der derzeit entstehende internationale wissenschaftlich Rat für Biologische Vielfalt liefern. „IPBES soll die Probleme zwar auch identifizieren." sagt Prof. Eduard Linsenmair, Vorstandsmitglied von DIVERSITAS Deutschland. e.V. „Als größte Herausforderung sehe ich aber, dass Politiker ihr Bild vom Wert der Vielfalt ändern müssen."
Und dies scheint bisher tatsächlich noch nicht geschehen zu sein. So setzt sich die EU-Kommission in ihrer neuen Biodiversitätsstrategie zwar das Ziel, bis 2015 die gesamte Fischerei- und Landwirtschaft nachhaltig zu gestalten. Solche Vorhaben müssten dann allerdings auch in die entsprechenden Politikbereiche einfließen. Die Ansätze zur Nachhaltigkeit und Erhaltung der Biologischen Vielfalt der EU-Kommission in der bevorstehenden EU-Agrarreform und Gemeinsamen Fischereipolitik schätzen Experten jedenfalls als lange nicht ausreichend ein.
Weiterführende Literatur:
eine Auswahl von Forschungsprojekten, die zur Umsetzung der 2020-Ziele beitragen.
Überblick der CBD über 2020-Ziele:
http://www.cbd.int/doc/strategic-plan/2011-2020/Aichi-Targets-EN.pdf
Kontakt:
Sebastian Tilch
Pressestelle Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ Leipzig
Department Naturschutzforschung
Tel. 0341/235-1062
Email:
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