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Nordostdeutschland vor dem Trockentod bewahren

feuchtIn Brandenburg sinkt der Grundwasserspiegel kontinu-ierlich. Forscher warnen vor massivem Trockenheits-problemen in der Zukunft. Bisher wurde gereinigtes Abwasser über Oberflächengewässer, also natürliche oder künstliche Fließgewässer, abgeleitet. Im nefo_nackt-Interview erzählt Dr. Dagmar Balla (ZALF-Müncheberg), wie wir zukünftig das Wasser im Boden halten und unser Brauchwasser sinnvoller nutzen können.

Berlin und sein Umland werden als die Streusandbüchse Deutschlands bezeichnet. Schon heute ist hier die Niederschlagsmenge im Jahresdurchschnitt um ein Drittel geringer als im Bundesdurchschnitt. Mit 87 mm/Jahr Grundwasserneubildung im langjährigen Durchschnitt versickert in der Region Brandenburg nur etwa ein Siebentel des ohnehin knappen Niederschlages – der Rest verdunstet oder fließt auf kurzem Wege ab, da der sandige Boden eine geringe Wasserspeicherkapazität hat. Mit ca. 3000 größeren Seen, 18870 Kleingewässern und ein Fließgewässernetz von über 33000 km ist Brandenburg eines der gewässerreichsten Bundesländer. Doch die große Fläche verdunstet auch viel Wasser. Der Grundwasserspiegel sinkt hier seit Jahrzehnten massiv, um ca. zwei Meter in den letzten 30 Jahren. Entwässerung und Umwandlung von Feuchtgebieten zu Ackerflächen, Braunkohletagebaue und Nutzung als Kühlwasser für Kraftwerke sind vor allem die Ursachen dafür. 95 Prozent der Feuchtgebiete wurden trocken gelegt - der Grundwasserspiegel sollte sinken. Doch damit sinken auch die Wasserspiegel der Oberflächengewässer und trocknen sogar aus. In den vergangenen hundert Jahren sind in Ostdeutschland über 130 Seen verschwunden.

Doch jetzt kommt dazu noch der Klimawandel. Seit 1900 sind die Temperaturen in Ostdeutschland um durchschnittlich 1,5 Grad angestiegen. Und laut den Modellberechnungen des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung PIK werden sie dies auch weiterhin tun. Das Institut bietet auf seiner Internetseite für über 4000 deutsche Schutzgebiete Diagramme zur Temperaturentwicklung und Niederschlagsmengen in zwei Zukunftsszenarien bis 2055.

Für den Nordosten ergibt sich dabei insgesamt nicht unbedingt weniger Regen, doch die Verteilung der Niederschläge wird sich stark ändern: Viel weniger Niederschlag im Sommer, wenn Pflanzen das Wasser dringend benötigen, dafür mehr Regen und Schnee im Winter, wenn sowohl Natur als auch Ackerbau schlafen. Im Rekordhitzesommer 2003 bestand die Spree in Berlin nur noch aus geklärten Abwässern und floss rückwärts, da zu wenig Wasser aus dem Oberlauf nach kam. Gleichzeitig sorgt die vorherrschende Vegetation, die Kiefernwälder, für verstärkte Verdunstung im Gegensatz zu diverseren Mischwäldern. Es wird mehr Wasser abgegeben als nachkommt. Das Grundwasser sinkt weiter. Ein Teufelskreis. Bereits heute zeigen viele Wälder in Ostdeutschland Symptome von Trockenstress.
Wenn es dann regnet, wird das Wasser häufig in Form von Extremereignissen wie Sturzfluten und Schneemassen niedergehen. Der Boden ist nicht in der Lage, dies aufzunehmen und zu speichern. Es fließt ab und geht verloren.
Das hat Folgen für die Natur, die Landwirtschaft und auch das Wohlbefinden. Denn obwohl durch umfangreiche Maßnahmen zur Abwasserreinigung die chemische Qualität der Binnengewässer in Deutschland inzwischen besser geworden ist, könnte der Klimawandel dies wieder zunichte machen. Der Müggelsee, Berlins zweitgrößter Badesee, hat sich in den letzten 20 Jahren um zwei Grad erwärmt. Gleichzeitig kommen unter anderem durch intensivierte Landwirtschaft für Bioenergieerzeugung mehr Nährstoffe ins Wasser. Die Folge: Lang anhaltende Warmphasen führen zu einer Massenvermehrung von giftigen Cyanobakterien und anderen Algen, die so viel Sauerstoff verbrauchen, dass der See kippt.

„Wir dürfen Wasser nicht mehr als selbstverständlich vorhandenes Gut betrachten" sagt Dr. agr. Dagmar Balla vom Leibniz-Zentrums für Agrarlandschaftsforschung (ZALF) e. V. Im Brandenburgischen Müncheberg. „Wir haben eigentlich genug Wasser um Berlin und das Umfeld auch unter zukünftigen klimatischen Bedingungen mit Wasser zu versorgen. Nur haben wir es nicht mehr im Überfluss, wie es vielleicht früher der Fall war. Deshalb müssen wir es effizienter nutzen." Im Rahmen des neuen Verbundprojektes „ELaN – Entwicklung eines integrierten Landmanagements durch nachhaltige Wasser- und Stoffnutzung in Nordostdeutschland" will Balla herausfinden, inwieweit gereinigtes Abwasser einerseits zur Stabilisierung des regionalen Wasserhaushalts, andererseits zur Erhaltung wertvoller Feuchtgebiete genutzt werden könnte. Welche Konzepte hier viel versprechend sind und wo die Probleme liegen, zeigt Dagmar Balla im nefo_nackt-Experteninterview auf.

 

 


Weitere Infos: Die Europäische Umweltagentur EEU hat einen Überblick über Europas Oberflächengewässer zusammengetragen und u.a. in übersichtlichen Karten dargestellt.

 

 




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