09. März 2011
Tourismus als Instrument zur Erhaltung der biologischen Vielfalt
Die Karibikhalbinsel Yucatán in Mexiko ist weltweit eine der beliebtesten Reiseziele. Hier gibt es alles, was das Reiseherz begehrt: Strände und bunte Unterwasserwelt zum einen, zum anderen aber auch einzigartige Kultur- und Naturschätze. Hier befindet sich das weltweit größte Unterwasserhöhlensystem, die 4000 Cenotes sowie das zweitgrößte Korallenriff der Welt nach dem australischen Great Barrier Reef. Doch jährlich drei Millionen Touristen allein in Cancún hinterlassen ihre Spuren. Vor allem die fehlende Abwasseraufbereitung und Pestizide für Golfplätze verunreinigen massiv das Grundwasser mit Medikamenten, Chemikalien, Pestiziden usw. Schadstoffe sowie erhöhtes Algenwachstum durch Nährstoffe schädigen das Ökosystem massiv. Laut einer aktuellen Studie von Kanadischen Forschern sind in den letzten 20 Jahren 50 % des Korallenriffs verloren gegangen. Der Tourismus scheint seine eigenen Ressourcen aufzufressen. Denn zerstörte Korallen, Kahlschläge, Betonwüsten und Müll sind wenig attraktiv.
An anderer Stelle ist der Tourismus eine der wichtigsten Hoffnungen zum Schutz der Natur. „Das beobachtet man oft an Orten, wo die Natur an sich die Hauptattraktion ist und kaum andere Nutzungsarten möglich sind." sagt Prof. Dr. Wolfgang Strasdas von der Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde. Derzeit erforscht der Professor für Nachhaltigen Tourismus die ökologischen Auswirkungen von Safarireisen in Namibia. Sein besonderes Interesse liegt auf dem so genannten „CO2-Fußabdruck" dieser Reisen. Dabei untersucht er die Klimabilanz der kompletten Reise, der Planung in Deutschland über die An- und Abreise per Flugzeug sowie Transporte, Verpflegung, Freizeitaktivitäten und Unterkünfte vor Ort.
Namibia ist stolz auf seinen Artenreichtum. 75 % aller Säugetierarten des südlichen Kontinents kommen hier vor. Als eines von ganz wenigen Ländern hat es den Schutz seiner natürlichen Ressourcen in der Verfassung festgeschrieben. In diesem extrem trockenen Land ist ertragreiche Landwirtschaft schwierig. Die spärliche Vegetation nutzen die Farmer vor allem für Viehzucht, was sowohl Lebensraum als auch Futter für Wildtiere stark reduziert. Durch starke Bejagung wurde die Wildtierfauna über 200 Jahre lang massiv reduziert. Die Elefantenpopulation betrug zuletzt 50 Tiere. Doch durch den Klimawandel bedingte längere Trockenperioden machen die Viehzucht immer unrentabler, die arme Landbevölkerung wandert in die Städte ab.
Doch Tourismus braucht auch Infrastruktur. So werden Ausbildungsprogramme für Bevölkerung für die Arbeit im Tourismus gefördert. Stephan Brückner, Enkel deutscher Einwanderer, bspw. kennt die Bedürfnisse seiner „Landsleute" und hat eine Schule mit dem Namen NICE (Namibian Institute for Culinary Education) gegründet, wo er vor allem der armen schwarzen Landbevölkerung europäische Kochkünste beibringt. Mit Erfolg.
Welchen wirtschaftlichen Nutzen bietet der Tourismus den Regionen der 14 deutschen Nationalparks?
Den Tourismus als alternative Wirtschaftsform ernst zu nehmen, ist auch das Thema von Prof. Hubert Job von der Universität Würzburg. Denn nur wenn die lokale Bevölkerung mitzieht, funktioniert ein Schutzgebiet wirklich. Sein Team untersucht den ökonomischen Effekt von Nationalparks und anderen Schutzgebietsformen in Deutschland und anderen Ländern. Hierzulande hat der ländliche Bereich v.a. in Ostdeutschland mit Abwanderung zu kämpfen, sodass der Tourismus für neue Perspektiven sorgen kann. Die Ergebnisse sollen als Argumentationsgrundlage für nachhaltige Nutzungskonzepte dienen. Doch nach wie vor werden Schutzgebiete als Freiheitsbegrenzung von Anwohnern vielfach abgelehnt.
Dabei besteht gerade in der Erhaltung der Natur ein großes wirtschaftliches Potenzial. Im Bayerischen Wald zum Beispiel geben laut Prof. Job die jährlich 760.000 Gäste nach den Untersuchungen der Würzburger doppelt so viel Geld aus, wie der Staat in den Park investiert: Sie sorgen für einen Jahresumsatz von 27,8 Millionen Euro. Und im Nationalpark Sächsische Schweiz lassen die jährlich 1,7 Millionen Besucher so viel Geld, dass damit – rein rechnerisch – der Lebensunterhalt von 1.880 Personen gesichert ist. Insgesamt bringen in den 14 deutschen Nationalparks rund 51 Mio. Besucher einen Umsatz von ungefähr 2,1 Mrd. Euro. Dies entspricht einem Einkommensäquivalent von rund 69.000 Personen.
Gerade in unterentwickelten Ländern werde die Lokalbevölkerung allerdings nicht an den Einnahmen beteiligt, sagt Wolfgang Strasdas. Das Geld verschwinde in den Staatskassen ohne dem Naturschutz zu nützen. Auch würden oft einfach zu geringe Gebühren zum Betreten der Nationalparks genommen, da die Einstellung „Natur müsse zur freien Verfügung stehen" vorherrsche. Dennoch: Der Biodiversität hilft der Tourismus in Namibia enorm. Die Population der Elefanten hat sich inzwischen verzehnfacht, die namibische Spitzmaulnashornpopulation ist eine der größten freilaufenden Herden geworden. Dazu tragen auch die Ökotourismus-Safaris bei, die er gerade untersucht. Voraussetzung sei allerdings, dass keine andere Nutzungsform mit deutlich höheren Gewinnen existiere. So sind der Wirtschaftszweig Nr. 1 in Namibia noch immer die Uranminen, gegen die Naturschutz auch keine Chance hat. „Namibia ist einfach sehr trocken. Bei tropischen Regenwäldern können Tourismuskonzepte nicht ohne weiteres mit der Holznutzung konkurrieren, da allein der Holzwert zu hoch ist. Hier werden mehr zumindest flankierend Konzepte gebraucht wie bspw. die Inwertsetzung von Wäldern als CO2-Senke im Rahmen des globalen Klimaschutzes." meint Strasdas.
Die CO2-Bilanz der Safaris, die er derzeit untersucht, fiele übrigens trotz der vereinzelten Nutzung von Solarenergie in den Camps durch die weiten Interkontinentalflüge weniger gut aus. Strasdas sieht darin ein nicht zu verhinderndes notwendiges Übel, das aber in Kauf genommen werden müsse – im Sinne der nachhaltigen Entwicklung in den Zielgebieten und auch der Bildung. Denn nur wer die faszinierenden Naturschätze einmal erlebt habe, identifiziere sich damit und setze sich für ihre Erhaltung ein. Bleibt zu hoffen, dass diese Erkenntnisse sich auch bei den Behörden in Yucatán durchsetzen.
Kontakt:
Sebastian Tilch
Öffentlichkeitsarbeit Netzwerk-Forum zur Biodiversitätsforschung
Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung – UFZ Leipzig
Department Naturschutzforschung
Tel. 0341/235-1062
Email:
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