Neues Konzept für EU-Agrarsubventionen

"Fördermittel nur für qualitativ hochwertige Lebensmittel und Gemeinwohlleistungen, die der Markt nicht honoriert"
Im NeFo-Interview: 
Prof. Volkmar Wolters, Universität Gießen

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Prof. Volkmar Wolters, Universität Gießen
Foto: Uni Gießen

Bundesumweltministerin Barbara Hendricks hat am 17. Januar 2017 ein neues Fördermodell für die Landwirtschaft in der nächsten Periode der Gemeinsamen Agrarpolitik der EU ab 2020 vorgestellt (s. Pressemitteilung des BMUB). Es geht aus einem Forschungs- und Entwicklungsvorhaben im Auftrag des BMUB mit dem Titel „ZA-NExUS: Zukunftsfähige Agrarpolitik – Natur erhalten, Umwelt sichern“ hervor, das unter wissenschaftlicher Leitung von Prof. Dr. Peter Feindt von der Universität Wageningen  erstellt wurde.

Das vorgestellte Politikpapier enthält Vorschläge zum künftigen Einsatz staatlicher Agrarsubventionen für Leistungen des Gemeinwohls. Die Mittel sollen Landwirten Maßnahmen zum Schutz von Natur, Boden, Wasser oder Klima ermöglichen, die der Markt nicht honoriert. Hierbei sollen die Landwirte Punkte über so genannte „Basismaßnahmen Agrarumwelt- und Klimaschutz“ sammeln, die sie einer Liste entnehmen können, wie etwa vielgliedrige Fruchtfolgen, Bereitstellung von Habitaten, Landschaftselementen oder Gewässerrandstreifen, Verminderung von Düngung, Pflanzenschutzmitteln sowie bestimmte Bewirtschaftungsmaßnahmen (Striegeln, Pflügen, Walzen, Schleppen etc.). Um diese Mittel zu bekommen, muss ein Betrieb im Durchschnitt der bewirtschafteten Fläche eine Mindestpunktzahl erreichen. Über die Mindestpunktzahl hinaus können die Betriebe weitere Maßnahmen aus der Liste wählen, die dann gesondert honoriert werden.

Der Agrarökologe Professor Dr. Volkmar Wolters, Leiter der Arbeitsgruppe Tierökologie an der Universität Gießen, war an der Arbeit maßgeblich beteiligt. Im NeFo-Interview beschreibt er, welche Biodiversität der Politikansatz fördern möchte, die Stärken des Fördermodells und wieso er erwartet, dass die Landwirte es besser annehmen werden als bisherige Greening-Ansätze.

 

NeFo: Herr Wolters, Sie sind ja Ökologe mit einem Schwerpunkt in der Bodenbiologe. Wie hat sich denn die Biodiversität im Agrarland in diesem Lebensraum über die letzten Jahre entwickelt?

Wolters: Nicht gut – insbesondere in intensiv bewirtschafteten Regionen. Darauf haben wir in dem kurzen Bericht über unser ZANEXUS-Projekt ja deutlich hingewiesen. Die Bodenorganismen haben einiges zu ertragen: die Kompression des Porenvolumens durch schwere Maschinen, Habitatzerstörung durch tiefgründiges Pflügen, den übermäßigen Eintrag von Pestiziden und Düngern, die großflächige Vereinheitlichung des Lebensraums und des Ressourceneintrags, Bodenverluste durch Erosion, Humusabbau und vieles mehr. Viele Studien zeigen, dass dadurch die Lebensgemeinschaft im Boden großflächig verarmt, viele ökologische Leistungen nicht mehr erbracht werden können und das System „Boden“ sein Puffer- und Anpassungsvermögen verliert.

NeFo: Welche Maßnahmen bzw. Strukturen in der Kulturlandschaft haben sich als besonders effektiv zur Erhaltung und Erhöhung der biologischen Vielfalt (allgemein, über Boden hinaus) herausgestellt und wie wird das bei der Bewertung durch das vorgeschlagene Punktesystem berücksichtigt?

Wolters: Das Zauberwort heißt „Lebensraumvielfalt“. Zur Erhaltung der Biologischen Vielfalt und der ökosystemaren Leistungen brauchen wir die Vielfalt der Lebensräume auf allen räumlichen Ebenen – vom Mikrohabitat bis zur Landschaft und vom einzelnen Flurstück bis zu den angrenzenden Lebensräumen. Dieser Aspekt hat bei all unseren Vorschlägen eine hohe Priorität. Besonders hervorheben möchte ich die Maßnahmen, mit denen wir die freiwillige Bildung von Kooperationen und Verbünden anregen wollen. Viele auf der regionalen Ebene notwendige Maßnahmen des Natur-und Umweltschutzes werden nicht allein durch einzelbetriebliche Aktivitäten realisiert werden können. Da bieten politische Instrumente, die überbetriebliche Initiativen fördern ohne die grundgesetzlich verbrieften Rechte der einzelnen Grundbesitzer einzuschränken, eine sehr erfolgversprechende Option.

NeFo: Welche Art von Biodiversität liegt dem neuen Politikansatz denn zugrunde? Geht es um agronomisch wertvolle Arten, also v. a. Insekten wie Bestäuber, natürliche Feinde von Schädlingen und Bodenorganismen, oder ist die Zielvision weiter gefasst?

Wolters: Es geht um ein integratives Konzept, das sowohl die eigentliche Agrobiodiversität, also die Vielfalt der genutzten Pflanzenarten, -sorten und Tierrasen, als auch die mit den Agrarsystemen assoziierte Biodiversität, also Wildorganismen und deren Lebensräume, umfasst. Dabei vertrete ich die Position, dass es in genutzten Systemen nicht um eine lokale Maximierung von Artenzahlen sondern um die großflächige Optimierung der Bedingungen für die biologische Vielfalt gehen muss. Dabei wird die Agrarpolitik nicht alle Probleme lösen können. Auch wenn der von ZANEXUS propagierte zukunftsorientierte Gesellschaftsvertrag mit der Landwirtschaft vollständig umgesetzt werden würde, bräuchten wir dennoch einen aktiven und effizienten Natur- und Umweltschutz.

NeFo: In der Pressekonferenz meinte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks ja, dass wir es schaffen müssten, dass Landwirtinnen und Landwirte mehr Geld für qualitativ wirklich hochwertige Produkte erhalten. Welche Ansätze enthält das Konzept, um den bestehenden Niedrigpreisdruck zu reduziert?

Wolters: Bei angemessenen Preisen kann es ja nur um die Zahlungsbereitschaft der Konsumenten gehen. Wir sehen enorme Markchancen für biodiversitätsorientierte Produkte. Damit meinen wir sowohl die landwirtschaftlichen Erzeugnisse selbst (Stichwort: Vielfalt der lokalen Rassen und Sorten), als auch die naturverträglichen Produktionsbedingungen. Viele Verbraucher sind durchaus bereit, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen. Leider können sie das oft nicht, weil es an entsprechenden Kennzeichnungen fehlt. Hier besteht politischer Handlungsbedarf.

Man wird bei dieser Argumentation oft belächelt, weil viele von einem letztlich irrelevanten Nischenmarkt für gut betuchte bzw. durchgeknallte Wohlstandsbürger ausgehen. Dagegen ließe sich vieles sagen. Ich erlaube mir in diesem Kontext nur eine Anmerkung: Ist es wirklich vernünftig und dauerhaft hinnehmbar, dass sich sozial Schwächere keine naturverträglich erzeugten Lebensmittel leisten können?

NeFo: Was sind die Stärken des neuen Modells, die eine Akzeptanz und Neuorientierung der Landwirte wahrscheinlicher als bisher machen?

Wolters:

Der für mich entscheidende Punkt ist, dass das ZANEXUS Modell die betroffenen Menschen und nicht irgendwelche abstrakten Ziele oder Ideologien in den Mittelpunkt stellt. Es geht um die Landwirte, die ein Recht auf ein angemessenes Einkommen haben, um die Verbraucher, die gesunde, schonend produzierte und abwechslungsreiche Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen kaufen wollen, und um unsere Gesellschaft insgesamt, die einen Anspruch auf eine intakte, vielfältige und nachhaltig genutzte Umwelt hat. ZANEXUS zeigt, dass vernünftige Maßnahmen zur Erreichung dieser Ziele zwangsläufig zu agrarpolitischen Rahmenbedingungen führen müssen, die die biologische Vielfalt fördern, nachhaltige Produktionsbedingungen schaffen und die Existenz landwirtschaftlicher Betriebe sichern.

Nach dem positiven Feedback, das wir von sehr unterschiedlichen Interessengruppen bekommen haben, scheint mir dies ein entscheidendes Element für die hohe Akzeptanz des ZANEXUS-Vorschlags zu sein. Was die Landwirte und ihre Vertreter angeht, ist es sicherlich auch Akzeptanz fördernd, dass wir nicht den Wegfall existenzieller Fördermittel befürworten, sondern sagen, dass die Vergabe dieser Gelder auf Landwirtinnen und Landwirte beschränkt werden sollte, die qualitativ hochwertige Lebensmittel herstellen und zugleich Gemeinwohlleistungen im Natur-, Umwelt- und Klimaschutz erbringen, die vom Markt nicht honoriert werden.

Das Interview führte Sebastian Tilch

 

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