Dialogforum 2017 "Unternehmen Biologische Vielfalt 2020", 23.03.2017 in Berlin

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© Biodiversity in Good Company Initiative e.V.

Biologische Vielfalt in Lieferketten

Was Unternehmen außerhalb ihrer Betriebsgelände tun (könnten) als Thema des Dialogforums 2017 „Unternehmen Biologische Vielfalt 2020“

Von Dr. Katrin Vohland & Dr. Marianne Darbi

Am regnerischen Donnerstagmorgen startete in Berlin das mittlerweile 7. Dialogforum „Unternehmen Biologische Vielfalt 2020“ vor mehr als 150 Zuhörern zum Thema Integration biologischer Vielfalt in Lieferketten. Das breit gefächerte Vormittagsprogramm mit Impulsvorträgen von NGOs, Wissenschaft, Politik und Wirtschaft mündete in einer Plenumsdiskussion mit einem überaus diskussionsfreudigen und auch kritischen Publikum. Nach der Mittagspause, die umrahmt von einem vegetarischen Buffet weiteren angeregten Diskussionen Raum gab, zeigte Michael Kuhndt, Executive Director des Collaborating Centre on Sustainable Consumption and Production, in seinem Fachvortrag verschiedene Beispiele für die Berücksichtigung von Biodiversitätsbelangen in Lieferketten, u. a. im Hinblick auf die Bedeutung von Biodiversität in Nachhaltigkeitslabeln, als Beschaffungskriterium sowie in der Außenkommunikation. Daran schlossen sich parallele Diskussionsforen zu „Natur auf Zeit“, nachhaltigen Lieferketten sowie zum gerechten Vorteilsausgleich an. Als das Dialogforum am frühen Abend endete, hatten sich auch die Regenwolken verzogen.


Das diesjährige Dialogforum „Unternehmen Biologische Vielfalt 2020“, welches vom Bundesministeriums für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) und dem Bundesamt für Naturschutz (BfN) durchgeführt und vom Unternehmensnetzwerk 'Biodiversity in Good Company‘ organisiert wurde, hat sich dieses Jahr die Lieferketten als Schwerpunktthema gesetzt.

Viele Folgen für die biologische Vielfalt entstehen gar nicht unbedingt auf dem Betriebsgelände, sondern entlang der Lieferketten. Daher sind Programme, die die Unternehmen unterstützen, ihre eigenen Flächen entlang von Biodiversitätszielen zu bewirtschaften, wie es beispielsweise Flughäfen mit ihren extensiv genutzten Grünflächen beginnen, schon sehr gut. Aber spannender – und auch komplizierter – wird es, wenn die Gebiete betrachtet werden, aus denen die Rohstoffe und Vorprodukte kommen. Daher befassen sich aktuell eher große als kleine Unternehmen mit diesem Thema, wie Jens Nagel, der Hauptgeschäftsführer der Außenhandelsvereinigung des Deutschen Einzelhandels e.V., erklärte.

Kleineren und mittelständischen Unternehmen fehlten noch Instrumente, um das Querschnittsthema Biodiversität in die Bewertung ihrer Abläufe zu integrieren. Zumal es auch nicht trivial sei, Indikatoren abzuleiten, wie Jochen Roeder als Vertreter der Zementindustrie berichtete. Sie würden auf ihren Flächen in Südborneo zwar Naturschutzmaßnahmen implementieren, aber die Waldarten verschwänden trotzdem, da die umliegenden Wälder für landwirtschaftliche Zwecke gerodet würden. Daher, so insistierte Eberhard Brandes, Geschäftsführer von WWF Deutschland, sei es ja so wichtig, dass die Erhaltung der biologischen Vielfalt Teil des Kerngeschäftes von Betrieben werde. Aus Südamerika konnte er von einer Kooperation zwischen lokalen Produzenten, dem WWF und Edeka berichten, die durch die Berücksichtigung von Nachhaltigkeitskriterien beim Bananenanbau dazu geführt habe, dass sich auch das kommunale Wassermanagement verbessert habe.

Dass es enge Wechselwirkungen gibt, bestätigte auch Frau Beatrix Brodkorb vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (BMWi). Sie schlug vor, dass die verschiedenen Strategien zu Nachhaltigkeit und Erhaltung der biologischen Vielfalt enger zusammenarbeiten, um den Unternehmen besser abgestimmte Richtlinien zur Verfügung zu stellen.

Mit Blick auf die nationale Dimension des globalen Problems Lieferketten, spitzte Jens Nagel sein Resümee auf die Frage zu, warum man nicht Deutschland zum Vorreiter machen solle für Biodiversitätstechnologien. Was man genau darunter verstehen kann, dazu gab es erste Einblicke im Nachmittagsforum zur Integration von biologischer Vielfalt in nachhaltige Lieferketten. Georg Hoffmann, Nachhaltigkeitsbeauftragter im Familienunternehmen Ritter Sport, machte deutlich, dass Zertifizierungen zwar ein guter Ausgangspunkt für fairen und nachhaltigen Rohstoffanbau sind, dass es darüber hinaus aber auch darum gehen müsse, die gesamte Lieferkette transparent zu machen. Ritter Sport nutzt dazu u. a. interne Schulungen, die zum Beispiel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Bereich Einkauf für Biodiversitätsbelange sensibilisieren sollen, sowie externe Supplier Audits und Hotspot-Analysen.

Demgegenüber setzt das Start-Up Einhorn products mit seinem „Fairstainability“-Ansatz vor allem auf den direkten Kontakt zu lokalen Produzenten und gemeinsame Lern- und Verbesserungsprozesse. Elisa Naranjo, Head of Fairstainability, machte aber auch deutlich, dass es gerade für kleinere und mittlere Unternehmen nach wie vor schwer ist, Veränderungen in Lieferketten anzustoßen und Produzenten und Lieferanten für transparentere und nachhaltigere Herstellung zu gewinnen. Demgegenüber betonte Tobias Ludes, Projektmanager bei Global Nature Fund, die Vorteile von kooperativen Ansätzen, wie er exemplarisch anhand der europäischen Biodiversity Performance Initiative der Lebensmittelindustrie zeigte.

Wenn man unternehmerisches  Handeln und Biodiversitätsschutz zusammenbringen möchte, müsse die komplette Lieferkette adressiert werden, resümierte Kilian Delbrück vom Bundesumweltministerium in seinem Abschluss-Statement. In dem Zusammenhang stellte er auch die Bedeutung von Biodiversität als Thema der Nachhaltigkeitskommunikation heraus, vor allem im Hinblick auf positive Effekte.

Für die Biodiversitätsforschung bleibt die Herausforderung, für Unternehmen anwendbare Indikatoren entlang der Lieferketten zu entwickeln, die den verschiedenen Zielebenen gerecht werden und messbar sind. Der Dialog geht weiter.