Umweltverbände: Globaler Bericht ist eine Bankrotterklärung der globalen Naturschutzpolitik

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V.l.n.r.: M. Brombacher, G. Schwede, C. Thies, J. A. Krüger, K. Kreiser, K. H. Grothe
Foto: S. Tilch / NEFO

Anlässlich der bevorstehenden Veröffentlichung des Globalen IPBES-Berichtes luden die deutschen Umweltverbände NABU, WWF, Greenpeace, die Zoologische Gesellschaft Frankfurt (ZGF) und die Campaign for Nature (CFN) zu einem Pressegespräch in das Museum für Naturkunde Berlin, um die generelle Bedeutung des kommenden Berichts für die nächste Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) 2020, die Umsetzung des Pariser Klimaabkommens sowie die Erreichung der 17 UN-Nachhaltigkeitsziele zu erläutern und erste Erwartungen an die politischen Entscheidungsträger auf nationaler und internationaler Ebene zu formulieren.

Zwei Exemplare berühmter Arten, die den menschlichen Raubbau nicht überlebt haben, hat das Museum für Naturkunde Berlin in seiner Sammlung: Die Wandertaube, die einst in großer Zahl den Himmel in Amerika bevölkerte, und der Riesenalk, der "Pinguin der Arktis". Beide wurden durch Bejagung ausgerottet. Museumsdirektor Johannes Vogel eröffnete die Pressekonferenz mit diesen beiden Exponaten. "Wir sind alle hier um zu verhindern, dass wir künftig die heute bestehenden Arten nur noch in Museen anschauen können."

Bis zu einer Million Arten könnten in den nächsten Jahrzehnten ausgestorben sein. Mit dieser Zahl eröffnete der Moderator Klaus Henning Grothe (CFN) die Statementrunde. Man nehme den IPBES-Bericht sehr ernst und sehe ihn als wichtiges Instrument für das Superjahr 2020: „Wie bei einem seltenen astronomischen Ereignis, bei dem sich die Bahnen von Erde, Mond und Planeten auf besondere Weise treffen, kreuzen sich 2020 mehrere wichtige umweltpolitische Prozesse“, beschrieb der Journalist Christian Schwägerl die Situation in seinem Artikel bei den RiffReportern. Zum einen endet die Laufzeit der sogenannten Aichi-Biodiversitätsziele des Übereinkommens über die biologische Vielfalt CBD nach zehn Jahren. Außerdem wird fünf Jahre nach dem „Paris-Abkommen“ bei der 26. Weltklimakonferenz erste Bilanz gezogen. Und die dürfte in beiden Fällen vernichtend ausfallen. Das zeige auch der Globale IPBES-Bericht. Außerdem wird die Ausrichtung der EU-Agrarpolitik für die kommenden sieben Jahre festgelegt.

 

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Artenvielfalt
Johannes Vogel
Foto: S. Tilch / NEFO

 

Georg Schwede (CFN) zeichnete ein anschauliches Bild, indem er die Artenvielfalt und natürlichen Ökosysteme mit der brennenden Pariser Kathedrale Notre-Dame verglich, mit dem einen wesentlichen Unterschied: Im Gegensatz zum Verlust des Kulturerbes scheine der Biodiversitätsverlust keinen zu interessieren.

Der Globale IPBES-Bericht sei aus Sicht der Umweltverbände eine Bankrotterklärung der internationalen Umweltpolitik. Er mache deutlich: Nach den Umweltkonventionen von Rio 1992 habe sich das Problem des Artenschwundes fortgesetzt und mit der Zeit sogar beschleunigt. Landnutzung und Klimawandel würden in dem Bericht voraussichtlich als Haupttriebkräfte benannt. Der Bericht sei schockierend und zeige klar auf: Ein Weiter-wie-bisher sei keine Option.

Die Umweltverbände erwarteten nun klare verbindliche und messbare politische Ziele und Maßnahmenpakete für einen Paradigmenwechsel. Dies solle vor allem im Rahmen der im kommenden Jahr anstehenden CBD-Vertragsstaatenkonferenz in China passieren, wenn die Delegierten neue Biodiversitätsziele als Ablösung der Aichi-Biodiversitätsziele beschließen.

Konstantin Kreiser (NABU) machte für den größten Teil des Biodiversitätsverlustes in Europa die Landwirtschaftspolitik der EU verantwortlich, die mit Milliarden an Steuergeldern umweltschädliche Anreize setze. Den Landwirten dürfe man dabei ihre Ausrichtung an betriebswirtschaftlicherGewinnmaximierung nicht verdenken. Das Problem sei, dass es keine Regeln gebe, die dieses Handeln umweltfreundlich und nachhaltig machten. Die Chance, hier entsprechende Regeln und Anreize bspw. zur Düngung und Pestizidzulassung sowie Umweltmaßnahmen für die Erhaltung von Brachland oder strukturreichen Agrarlandschaften einzuführen, sei jetzt gut, da aktuell die Subventionspraxis der kommenden Jahre verhandelt würde.

Jörg Andreas Krüger (WWF) war wichtig zu betonen, dass die Einengung des Problems auf den Artenschwund in der Presse nicht zielführend sei. Dieser sei „nur“ ein Indikator für bestimmte Ökosystemfunktionen, die zum Wohl der Menschen beitrügen. Mit deren Wegfall sinke auch die Lebensqualität. Die größten Treiber im Bereich der Landnutzung sei der Anbau von Energie- und Futterpflanzen wie Soja und Palmöl. Hier gäbe es bereits Vorbilder für eine funktionierende Steuerung. So hätte die EU mit ihrer Chemikalienverordnung REACH Standards aufgestellt, die die Einfuhr von chemischen Produkten in die EU reglementiert. Hier gebe es klare Anforderungskriterien. Ähnliches könne man auch von Agrarproduzenten und Mineralstofflieferanten erwarten.

Christoph Thies (Greenpeace) verwies auf die Chance, Naturschutzmaßnahmen als wirkungsvolles Instrument zum Klimaschutz einzuführen. Zum einen verursachte gerade der Verlust wertvoller Ökosysteme wie Moore, Mangroven und Wälder massive Kohlenstoffemissionen, zum anderen sei der Klimawandel einer der wichtigsten Ursachen des Artensterbens. Das dürfe die Bundesregierung nicht ignorieren und müsse endlich finanzielle Anreize für Maßnahmen schaffen, die beiden Zielen, der Erhaltung der Biodiversität und dem Klimaschutz, dienten. Außerdem müssten alle Klimaschutzmaßnahmen auf Auswirkungen auf die biologische Vielfalt geprüft werden. So sei eine Wiederbewaldung und Aufforstung mit Monokulturen aus Sicht der Artenvielfalt nicht vergleichbar, auch wenn die Kohlenstoffbilanz sich in beiden Fällen verbessere.

 

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Exponat der Wandertaube im MfN Berlin
Foto: S. Tilch / NEFO

 

Georg Schwede fügte noch hinzu, dass aus Sicht der Umweltverbände der Artenschwund ohne eine Ausweitung der terrestrischen Schutzgebiete weltweit auf mindestens 30 % der Gesamtfläche nicht zu stoppen sei. Allerdings nur unter der Prämisse, dass die Bewirtschaftung auf den anderen 70 % nachhaltiger würde, sonst benötige man noch mehr Schutzfläche. Dafür müsse Geld zur Verfügung gestellt werden, und aus seiner Sicht sei klar, dass der Norden die Ausgaben des Südens übernehmen müsse, da dort wesentlich mehr Ressourcen verbraucht würden. Allerdings sei der Schwund der letzten zehn bis 15 Jahre vornehmlich auf den Konsumwandel in den Schwellenländern zurückzuführen, deren erhöhter Fleischkonsum bspw. global enorme Auswirkungen habe. Das Bevölkerungswachstum sei daher auf jeden Fall eine der Ursachen für den Verlust der Biodiversität.

Michael Brombacher (ZGF) stellte ein neues von seiner Gesellschaft entwickeltes Finanzierungskonzept für Schutzgebiete vor: Das Konzept, die "Legacy Landscapes“ sei im Gegensatz zu den bestehenden Modellen kleiner und flexibler und deshalb attraktiv für private Investoren.

Man war sich einig, dass der Bericht eine wichtige Grundlage sei, im kommenden Jahr vereint auf einen Paradigmenwechsel in der Naturschutzpolitik in verschiedenen Politiksektoren hinzuwirken. Zwar enthielte der IPBES-Bericht keine Ergebnisse, die nicht schon vorher bekannt gewesen wären. Doch seien diese nun zusammengefasst und von allen Parteien akzeptiert. So könne zumindest keiner mehr in den Verhandlungen behaupten, es sei alles ganz anders oder er habe es nicht gewusst.
Ob es allerdings reicht, den Bericht nur im üblichen Rahmen der Umweltkonventionen einzusetzen, sei fraglich. Im Sinne des Mainstreamings müssten die Staatenvertreter etwa bei der FAO, dem Welthandelsforum oder auch der UN-Sicherheitskonferenz mit den Ergebnissen konfrontiert werden. Dies hat der WWF mit einem eigenen Side-Event beim Welthandelsforum 2020 vor.

Und selbst dann führt ein Bewusstsein in der Politik und auch im Alltag noch lange nicht zu einer Verhaltensänderung. Dies machte ja auch der letzte Bericht des Weltklimarates IPCC deutlich, der in der Politik so gut wie kein Echo fand. Der Druck muss von der Straße kommen, so wie im Falle der Klimapolitik von Greta Thunberg. Solche „Change Agents“ spielten eine bedeutende Rolle bei gesellschaftlichen und politischen Umbrüchen, sagt der Umweltpolitologe Roland Zieschank im aktuellen NeFo-Interview. Er sehe aber auch das Bundeskanzleramt mit seiner Richtlinienkompetenz gefragt. Vielleicht wird 2020 ja tatsächlich zu einem Jahr, in dem die Weltbevölkerung erkennt, dass die Notre-Dame „Biodiversität“ dringend gelöscht werden muss, wenn sie nicht einen Flächenbrand auslösen soll. Vorschläge, wie sie gelöscht werden kann, wurden am Montag, den 6. Mai 2019 um 13.00 Uhr bei der Pressekonferenz zum Globalen IPBES-Bericht in Paris vorgestellt.