Der Globale IPBES-Bericht zur biologischen Vielfalt und zu Ökosystemleistungen

Die 7. IPBES-Plenarversammlung 2019 in Paris wird den globalen IPBES-Bericht zur biologischen Vielfalt und zu Ökosystemleistungen verabschieden. Der Bericht soll den Wissensstand über vergangene, gegenwärtige und mögliche zukünftige Trends hinsichtlich der Wechselwirkungen zwischen Mensch und Natur bewerten. Seit dem Millennium Ecosystem Assessment von 2005 ist der Bericht die erste globale Bilanzierung des Zustands von biologischer Vielfalt und Ökosystemen. Laut dem Scoping-Dokument (das die Inhalte festlegt, die in dem Bericht behandelt werden sollen) aus dem Jahr 2016 sollen folgende Schlüsselfragen behandelt werden:
  • In welchem Zustand befindet sich global die biologische Vielfalt und welche Trends zeichnen sich ab? In welchem Ausmaß nutzt der Mensch die biologische Vielfalt und ihre Ökosystemleistungen, welche Trends sind absehbar? Welches sind die direkten und indirekten Treiber von Biodiversitätsverlust und welche Trends zeichnen sich ab?
  • Wie tragen die biologische Vielfalt und ihre Ökosystemleistungen zur Umsetzung der Ziele der Nachhaltigkeitsagenda bei? Auf welcher Evidenzbasis können die Fortschritte bei der Erreichung der Aichi-Biodiversitätsziele des Übereinkommens über die biologische Vielfalt (CBD) bewertet werden?
  • Welche plausiblen Zukunftsentwicklungen zeichnen sich für die biologische Vielfalt, ihre Ökosystemleistungen und ihren Beitrag zu einer guten Lebensqualität bis 2050 ab?
  • Welche Wege und politischen Interventionsszenarien in Bezug auf die biologische Vielfalt, ihre Ökosystemleistungen und ihren Beitrag zu einer guten Lebensqualität können zu einer nachhaltigen Zukunft führen?
  • Welche Chancen, Herausforderungen und Handlungsoptionen bestehen für Entscheidungsträger*innen auf allen Ebenen in Bezug auf die biologische Vielfalt, ihre Ökosystemleistungen und ihren Beitrag zu einer guten Lebensqualität?
Die Zusammenfassung für politische Entscheidungsträger*innen (SPM) des Globalen Berichts gliedert sich dementsprechend in sechs Kapitel, die die Kernbotschaften des SPM transportieren:
  1. Darstellung der Schlüsselbeziehungen zwischen Mensch und Natur
  2. Aktueller Status und Trends
  3. Fortschritte bei der Erreichung der Aichi-Ziele, der SDGs und des Pariser Abkommens
  4. Ableitung plausibler Zukunftsszenarien für Mensch und Natur bis 2050
  5. Szenarien und Optionen für eine nachhaltige Zukunft
  6. Chancen und Herausforderungen für Entscheidungsträger
Unterschiede und Parallelen zwischen dem globalen IPBES-Bericht und dem Global Biodiversity Outlook
Die umfangreiche Aufgabenstellung für den Globalen IPBES-Bericht macht deutlich, dass seine Inhalte und Erkenntnisse eine wichtige Quelle und Ergänzung für den Global Biodiversity Outlook (GBO) der CBD sein könnten.
Der GBO ist die Hauptpublikation der CBD, seine 5. Ausgabe soll im kommenden Jahr von der CBD-Vertragsstaatenkonferenz verabschiedet werden und ebenfalls Status und Trends der biologischen Vielfalt bilanzieren. GBO-5 berichtet allerdings überwiegend auf der Grundlage nationaler Berichte sowie der Indikatoren zu den Aichi-Biodiversitätszielen und nicht, wie der IPBES-Bericht, auf der Grundlage wissenschaftlicher Expertisen.

Nationale Berichterstattung in der CBD im Fokus des GBO
Aktuell werden die 6. Nationalen Berichte für die CBD zusammengestellt, Stand April 2019 haben 65 der 196 CBD-Vertragsstaaten ihre Berichte eingereicht. In der vorangegangenen 5. Berichtsperiode hatten insgesamt 191 Staaten einen Bericht an das CBD-Sekretariat gesendet.
Die Auswertung der 6. Nationalen Berichte im GBO-5 soll einen abschließenden Überblick zu zwei Themenbereichen geben:
  1. die erreichten Fortschritte bei der Umsetzung des Strategischen Plans für die biologische Vielfalt 2011-2020 der CBD und
  2. die erreichten Fortschritte bei der Umsetzung der Aichi-Biodiversitätsziele sowie der nationalen Ziele.
Basis dieser Auswertung werden zum einen die Informationen über die Umsetzung der nationalen Strategien und Aktionspläne für die biologische Vielfalt (NBSAPs) sowie anderer Maßnahmen zur Umsetzung des Übereinkommens sein. Zum anderen soll aber auch der IPBES-Bericht Informationen für den GBO-5 liefern.
Die CBD-Vertragsstaaten sind aufgefordert, relevante gesellschaftliche Akteure (u. a. Vertreter*innen der indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften sowie Vertreter*innen aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und den Nichtregierungsorganisationen) in die Ausarbeitung ihres nationalen Berichts einzubeziehen. Relevante Themen für die nationale Berichterstattung sind u. a. auch biologische Sicherheit (Cartagena-Protokoll), Zugang zu genetischen Ressourcen und die gerechte Aufteilung der sich aus ihrer Nutzung ergebenden Vorteile (Nagoya-Protokoll) und die Verknüpfungen mit anderen relevanten internationalen und regionalen Übereinkommen.
 
Kritik:
Die nationalen Berichte werden in Eigenregie von den Vertragsstaaten erstellt, eine Überprüfung der Inhalte auf Richtigkeit findet nicht statt. Das CBD-Sekretariat schreibt in seinem Leitfaden zur Erstellung des 6. Nationalen Berichts, dass aufgrund fehlender Geodaten und Ursachenanalysen sowie inkonsistenter Monitoringsysteme ein tiefgreifender Mangel an evidenzbasierter Berichterstattung und Entscheidungsfindung bestehe.
So würden beispielsweise kaum Daten zu den Wechselwirkungen zwischen biologischer Vielfalt und Klimawandel erhoben, obwohl beide eng miteinander verbunden sind.  Solche Daten- und Überwachungslücken schränkten die Fähigkeit der Vertragsstaaten ein, die derzeitigen und künftigen Auswirkungen des Klimawandels auf die biologische Vielfalt zu bewerten, zu planen und entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.
Darüber hinaus würde die Rolle der biologischen Vielfalt bei der Erreichung der Ziele für nachhaltige Entwicklung nicht ausreichend berücksichtigt.  So stellten beispielsweise Wälder einen kostengünstigen und zuverlässigen Schutz vor Naturgefahren dar. Die in den NBSAP dazu formulierten Ziele und Maßnahmen sind jedoch noch zu häufig nicht umsetzbar, messbar oder ausreichend detailliert.
Der Wissenschaftliche Beirat der CBD (SBSTTA) wird voraussichtlich noch in diesem Jahr auf seiner 23. Sitzung seine Empfehlungen an die 15. CBD-Vertragsstaatenkonferenz im kommenden Jahr formulieren, inwieweit Inhalte und Erkenntnisse aus dem IPBES-Bericht zur  globalen Lage der biologischen Vielfalt und der Ökosystemleistungen in GBO-5 übernommen werden können.
Während der IPBES-Bericht der erste seiner Art ist, hat die bereits seit 1994 bestehende CDB seit 2001 ca. alle vier bis fünf Jahre (in den Jahren 2001, 2006, 2010 und 2014)  eine neue Version des Global Biodiversity Outlook veröffentlicht. GBO-5 soll 2020 veröffentlicht werden.
 
Tab. 1: Unterschiede zwischen CBD-GBO und dem IPBES-Bericht
Global Biodiversity Outlook
(CBD)
Global Assessment Report
(IPBES)
Berücksichtigt vor allem die Nationalen Berichte für die CBD, aber auch Erkenntnisse aus dem IPBES-Prozess (IPBES-4/1)
Kein Zugriff auf die Nationalen Berichte für die CBD, sondern Beitrag zum GBO-5
Keine Berücksichtigung von indigenem und traditionellem Wissen
Systematische Einbeziehung und Berücksichtigung von indigenem und traditionellem Wissen
Evidenzen werden bisher überwiegend aus den Nationalen Berichten gesammelt
Evidenzbasierte, wissenschaftlich valide Datenbasis, kritische Evaluierung durch Expert*innen
Auf der Basis der GBO-Ergebnisse kann die CBD Entscheidungen treffen, die für die Vertragsstaaten verbindlich sind  (policy prescriptive)
Kann nur Empfehlungen an die Politik aussprechen
GBO-4: Gliederung des kompletten Berichts orientiert sich an den Aichi-Biodiversitätszielen (GBO-1 bis GBO-3 sind anders aufgebaut)
Der Bericht widmet sowohl den Aichi-Biodiversitätszielen und als auch den globalen Nachhaltigkeitszielen (SDGs) jeweils einen Absatz
Neben der unterschiedlichen Datenbasis ist ein weiterer bedeutender Unterschied zwischen den beiden Berichten die unterschiedliche Rolle in Bezug auf die Schnittstelle zur Politik: Während die Schlussfolgerungen aus den GBOs die Basis für Entscheidungen der CBD-Vertragsstaaten­kon­fe­ren­zen bilden (die verbindlich für die Vertragsstaaten sind) und zur Steuerung der Maßnahmen zur Erreichung der Aichi-Biodiversitätsziele herangezogen werden, kann IPBES lediglich Optionen für politisches Handeln aufzeigen, die Empfehlungscharakter haben.
 
Globaler IPBES-Bericht und/oder Global Biodiversity Outlook?
Vor dem Hintergrund der knappen finanziellen und personellen Ressourcen in beiden Prozessen – sowohl IPBES als auch CBD – stellt sich die Frage, inwieweit Synergien genutzt werden können. Wäre es möglich, die Auswertungen der Nationalen Berichte zum Zielerreichungsgrad bei den Aichi-Biodiversitätszielen mit den Ergebnissen des IPBES-Berichts zu kontrastieren? Würde die Einbeziehung von Daten aus den Nationalen CBD-Berichten die Qualität des IPBES-Berichts verbessern?
Aktuell scheint sich abzuzeichnen, dass beide Berichte aus verschiedenen Gründen parallel weiter bestehen werden:
  • Unterschiedliche Funktionen (Aggregierung nationaler Umsetzungsstände der CBD vs. Aggregierung des Wissensstandes zu Biodiversität und Ökosystemen)
  • Unterschiedliche Datenbasis (Informationen, die die CBD-Vertragsstaaten zur Verfügung stellen vs. peer-reviewed Datenbasis, die zusätzlich von IPBES-Expert*innen validiert wird)
  • Unterschiedliche Schnittstellen zur Politik (Informationsbasis für die verbindliche Beschlussfassung in der CBD-Vertragsstaatenkonferenz vs. unverbindliche Politikempfehlungen von IPBES)
  • Unterschiedliche inhaltliche Schwerpunkte (wechselnder Fokus der GBOs vs. breiter Bezug des IPBES-Berichts zu Klimaschutz, Nachhaltigkeitsagenda und Biodiversitätsschutz)
 
Abb. 1: Entstehungsprozess von GBO-5 und dem Globalen IPBES-Bericht – Zusammenhang und Unterschiede (nach Larigauderie, verändert)
So wird also in Zukunft auf einer wesentlich erweiterten Wissensbasis (s. Abb. 1) Politik für die Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen möglich sein.
 
Wichtige Verhandlungs- und Hintergrunddokumente:
Der Entwurf des Globalen Assessments ist nicht frei verfügbar; dies gilt auch für den Entwurf für die „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ (Summary for Policy Makers = SPM). Beide Dokumente sind auf der IPBES-Webseite Passwort-geschützt und nur für Personen abrufbar, die für IPBES-7 angemeldet sind.