Wir müssen reden! Ein offenes Forum um alle Interessenvertreter zusammenzubringen

[From the floors]

Von Verena Müller, NeFo-Team, Katja Heubach, NeFo-Team und Stefan Hotes, Philipps-Universität Marburg

Der „Weltbiodiversitätsrat“ hat eine Herkulesaufgabe vor sich. Er will (und muss) nicht weniger als mit allen Menschen ins Gespräch kommen. Einerseits mit Wissenschaftlern und Wissensträgern, die dazu beitragen, das IPBES Arbeitsprogramm umzusetzen (den providers) und anderseits mit den politischen Entscheidungsträgern, die die Empfehlungen des Rates in ihre Entscheidungen einfließen lassen sollen (den users). Nur so kann der Rat transparent und glaubwürdig sein – Grundvoraussetzungen, um tatsächlich relevant zu sein für Politik und Praxis. Das heißt auch, die Bedürfnisse aller betroffenen Gruppen zu berücksichtigen.  

Dafür braucht es ein umfassendes Netzwerk existierender Institutionen, Organisationen und engagierter Einzelpersonen, in dem sich die Mitglieder (stakeholders) über die Grenzen der eigenen Wissenschaftsdisziplinen und Formen von Wissen hinweg, zu lokalem und indigenem Wissen, über Mensch-Umwelt-Beziehungen und zum Informationsbedarf von Politik und Praxis austauschen können (siehe Kommentar Stakeholder).

Bislang sind es allerdings überwiegend die ‚alten Hasen‘ aus dem Bereich der Biodiversitätsforschung, die bei den IPBES-Plenen vertreten sind und ein solches Netzwerk auf den Weg bringen wollen – zumeist westliche Forschergruppen aus etablierten wissenschaftlichen Institutionen. Denjenigen, denen die Finanzierung für die Teilnahme an den Verhandlungen fehlt, bleibt so meistens auch der Austausch mit anderen Stakeholdern verwehrt.

Um hier einen Beitrag zu einem breiteren Zugang zu ermöglichen, hat NeFo Anfang 2014 das „IPBES Stakeholder Engagement Forum“ ins Leben gerufen. In dieser moderierten Mailingliste haben sich mittlerweile rund 300 Interessierte registriert um Informationen zu IPBES auszutauschen und die Einbindungen aller Gruppen der Gesellschaft voranzutreiben. Wenngleich das Forum die Reichweite des Netzwerks deutlich vergrößert hat, ist auch hier noch viel zu tun. Wie aber tritt man mit Gruppen in Austausch, die in der zumeist noch nichts von IPBES und seiner Arbeit wissen? Und wie weit soll der Bogen geschlagen werden?

Dazu besteht noch keineswegs Einigkeit. Die Erfahrungen aus dem ersten Jahr des IPBES-Arbeitsprogramms würden eine verstärkte Kooperation mit Wissenschaftsorganisationen, Umwelt- und Indigenenverbänden und auch Vertretern aus der Wirtschaft nahelegen. Die Standpunkte der Regierungsvertreter gehen bei der Frage der Kooperation mit Organisationen und letztendlich der Zivilgesellschaft jedoch weit auseinander.

Während sich zahlreiche EU-Staaten, darunter Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien und die Schweiz, für eine sehr offene Zusammenarbeit mit den Stakeholdern einsetzen, fordern wenige andere Delegationen, allen voran China, zunächst die Beteiligungsmöglichkeiten (teils stark) zu beschränken und eine Aufsichtspflicht über deren Aktivitäten seitens der IPBES-Gremien durchzusetzen. Dahinter stehen vermutlich drei Befürchtungen: Die Angst, Kontrolle über die Prozesse verlieren zu können. Die Sorge, dass eine höhere Anzahl beteiligter Gruppen auch die Prozesse und Entscheidungsfindungen verkomplizieren könnten. Und das Ziel, das ohnehin bereits knappe Budget des Rates nicht noch mehr zu strapazieren. Die USA betonen daher wiederholt, dass die Einbindung von Stakeholder unabhängig von den verfügbaren Mitteln stattfinden müsse. Noch ist hierzu kein Konsens erreicht.

Und die Chancen für einen solchen stehen gut. Eine hochengagierter Think Tank aus NGO-Mitgliedern und Wissenschaftlern hat über viele nächtliche Sitzungen hinweg eine Idee ausgebrütet, die allen zu schmecken scheint: Ein offenes Forum, an dem sich jeder einbringen kann, der einen Beitrag zu IPBES liefern kann oder die politischen Handlungsempfehlungen letztendlich nutzt (Inclusive open-ended Stakeholder Forum). Konkret geht es also um einen Zusammenschluss aus vielfältigen Gesellschaftsgruppen – von NGOs über Wissenschaftler und Wissenschaftsorganisationen bis hin zu Indigenenvertretern - der die vielfältigsten Ansichten zusammenbringt und sich letztlich auch als Vertreter der breiten Bevölkerung im Weltbiodiversitätsrat versteht.

Der Rat selbst kann davon nur profitieren, denn durch die Netzwerke dieser Gruppen und ihre verschiedenen Kommunikationskanäle geschieht vor allem eines: Seine Botschaft wird in die große weite Welt hinausgetragen und gelangt damit (hoffentlich) auch bisher an bisher schwer zu erreichende Kreise.

Selbst die bisherigen Skeptiker dieser umfassenden Beteiligungsmöglichkeiten zeigen sich erstaunlich offen in der eigens dafür eingerichteten Kontaktgruppe gegenüber einem solchen Forum. Vermutlich, weil sie merken, dass sie auf eine solche Unterstützung nicht verzichten können, letztlich nicht an diesen Stakeholdern vorbeikommen oder beruhigt sind, dass keine IPBES-Gelder direkt in dieses Forum fließen. Nun muss nur noch die Hürde genommen werden, dieses Forum tatsächlich im Plenum von allen Mitgliedsstaaten abzusegnen.

Auf diesen Segen bleibt zu hoffen. Denn nur wenn es IPBES gelingt, mit Vertretern aller Seiten ins Gespräch zu kommen, kann die Plattform ihre Ziele erreichen.

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Stakeholder-Gruppe bei der Arbeit.
Stakeholder-Gruppe bei der Arbeit.
Claudia Friedrich; iisd.ca/ipbes/ipbes3/