Fazit von IPBES-3: Viel Arbeit für die nächsten Jahre

[From the floors]

Vom NeFo Team vor Ort – Carsten Neßhöver, Michael Cormann, Katja Heubach, Verena Müller, Katrin Reuter & Malte Timpte

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Carsten Neßhöver vom NeFo-Team im Plenum von IPBES-3
Carsten Neßhöver bei IPBES-3
S. Tilch

IPBES-3 endete am Samstag nach einer etwas hakeligen letzten Plenumssitzung um 19 Uhr. Alle verhandelten Dokumente wurden verabschiedet, was die Delegierten durchweg froh machte. Eine kooperative Stimmung führte dazu, dass auch einige Missverständnisse und Missstimmungen aufgrund von prozeduralen Fehlern seitens der Konferenzleitung am Ende ignoriert wurden - zum Wohle der Ergebnisse. Dies ist nicht selbstverständlich bei großen UN-Prozessen. Und wie mittlerweile üblich bei solchen Verhandlungen wurde noch bis zum letzten Moment, Samstag Mittag um 13:15 Uhr, verhandelt (ein Grund für die Probleme am Ende). Während man das beim Thema "Budget" erwarten konnte, da dies erst nach den anderen Entscheidungen fertiggestellt werden kann, war der allerletzte Beschluss in der Kontaktgruppe … die Stakeholder Engagement Strategy. Aber man hat sich auch dort geeinigt, was besonders erfreulich und gerade auch den deutschen Gastgebern sehr wichtig war. Hier die Ergebnisse in Kürze.

Arbeitsprogramm allgemein: Es wurde viel diskutiert, wie die zahlreichen Assessments ggf. zusammengeführt („integriert“) werden können, dies stieß aber wenig auf Gegenliebe. Nunmehr liegt ein neues Modell vor, dass die thematischen und regionalen Assessments stärker verbindet. Die Umsetzung wird ambitioniert sein, stellt aber die Eigenständigkeit der einzelnen Elemente des Arbeitsprogrammes weitgehend sicher.

Regionale Assessment: Neben den auf UN-Ebene üblichen Streitereien über den Status einiger Flecken der Erde und wie sie in den zuzuordnenden Länderlisten für die vier regionalen Assessment einzuordnen seien (oder auch nicht), waren die Diskussionen um Verbesserungen zu den regionalen Assessments von einer konstruktiven Atmosphäre geprägt. Viele kleine Verbesserungen wurden vorgenommen. Nun geht es darum, diese auf den Weg zu bringen, was in der Form einmalig sein wird: Das Millennium Ecosystem Assessment von 2003 bis 2005 hatte zwar diverse sub-globale Assessments. Diese waren aber eine uneinheitliche Mischung von der lokalen bis zur regionalen Ebene. Diesmal hat man zwar große „Regionen“ , diese werden aber nach dem einheitlichen Konzeptrahmen von IPBES bearbeitet. Ferner werden zusätzliche sub-regionale Assessments (etwa für die EU im Zusammenhang mit dem MAES-Prozess) möglich sein.

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Malte Timpte und Katja Heubach im Plenum von IPBES-3
Malte Timpte und Katja Heubach
S. Tilch
 
Gebiete auf hoher See: Die Entscheidung für ein „regionales“ Assessment zu den "Open oceans" wurde auf IPBES-4 vertagt, vor allem mit dem Hinweis auf das wohl dieses Jahr abzuschließende „World Oceans Assessment“ (s. Blog von Katrin Reuter). Danach soll nochmals geschaut werden, was ggf. zusätzlich gebraucht wird. Im Hintergrund dieses Beschlusses stehen aber vermutlich auch politische Interessen. Einige Länder bremsen auch bei anderen UN-Prozessen zu den Ozeanen erheblich. Ein späteres globales Assessment ohne eine substanzielle Unterfütterung für die Ozeane scheint aber wenig sinnvoll.

Assessment zu Degradierung und Renaturierung: Das Scoping-Dokument wurde mit Nachbesserungen angenommen. Vor allem die UNCCD und die Ramsar-Konvention versprechen sich von diesem Assessment wichtige Impulse. An die Arbeit…

Thematische Assessments zu Invasiven Arten und nachhaltiger Nutzung von Arten: Nachdem zu Beginn vorgeschlagen worden war, die beiden thematischen Assessments komplett in die regionalen Assessments zu integrieren, sollen sie nunmehr eigenständig bleiben, aber gestrafft und stärker mit den regionalen Assessments verbunden werden.

Katalog zu Politikwerkzeugen und Methoden: Es wurde durchaus kontrovers diskutiert, was in einem solchen Katalog alles diskutiert und zur Verfügung gestellt werden sollte. Mit einigen Hinweisen hierzu erhielt die bestehende Arbeitsgruppe das Mandat, mit der Entwicklung des Katalogs fortzufahren (mehr dazu im Interview mit Dr. Irene Ring).

Regeln: Die in Antalya noch umstrittenen Regeln zur Annahme von Berichten durch das IPBES Plenum wurde konstruktiv diskutiert und angenommen. Grundsätzlich gilt das Modell des IPCC: Zusammenfassungen für Entscheidungsträger werden „Zeile für Zeile“ diskutiert angenommen, andere Berichte werden weniger detailliert diskutiert (mehr dazu in Kürze hier).

Die Regeln zu Interessenkonflikten wurden intensiv diskutiert, nicht zuletzt, weil beim bereits laufenden Assessment zu Bestäubern hier bereits erste Kritiker auf den Plan getreten sind (siehe 1. Hintergrund-Blog). Die EU konnte die Delegierten dabei überzeugen, nicht nur die internen Regeln klar festzuzurren (wie weit sie gehen sollten, ist durchaus umstritten), sondern auch eine Möglichkeit zu schaffen, dass potenzielle Interessenkonflikte von außen angezeigt werden können und dann geprüft werden. Dies soll die Transparenz stärken.  

Weiterhin ungeklärt ist die Frage nach der Zulassung von Beobachtern: Während China darauf beharrt, im Plenum eine Art Veto für die Zulassung einzelner Beobachter zu haben, bleibt die EU bei ihrer Haltung, eine Ablehnung nur mit 1/3 aller Mitgliedsstaaten zu erlauben. Damit bleibt es bei einer „Übergangsregelung“, bei dem das Büro die Prüfung übernimmt und dem Plenum Vorschläge macht.

Stakeholderstrategie: Bei IPBES-2 in Antalya noch kaum behandelt, wurde die Strategie zur Einbindung von Stakeholdern zu einem dominierenden Thema in Bonn (Details folgen). Nach langem hin und her bis zur letzten Minute wurde die Strategie dann aber verabschiedet und ermöglicht es den Stakeholdern, sich nun nicht nur individuell (als Expertinnen und Experten) oder im technischen Support einzubringen, sondern auch als Gesamtakteur (mit hoher Diversität…) mitzuwirken. Wichtig wird es im nächsten Jahr sein zu zeigen, dass sich die Stakeholder in einem offenen Netzwerk effektiv, sichtbar und konstruktiv in die Arbeit von IPBES einbringen können, um gerade kritischen Regierungen den Mehrwert eines starken Stakeholder-Engagements aufzuzeigen.

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Katrin Reuter, Michael Cormann und Verena Müller im Plenum bei IPBES-3
Katrin Reuter, Michael Cormann und Verena Müller
S. Tilch

 

Gesamteindruck: War das zweite Plenum in Antalya noch von Verfahrensfragen dominiert, wurde in Bonn sichtbar, dass sich mit den zahlreichen Scoping-Studien (Vorschläge zu Inhalt und Struktur der Berichte), die zu diskutieren waren, der Fokus nunmehr auf die inhaltliche Arbeit von IPBES verlagert. Dies war zu hoffen, aber nicht unbedingt zu erwarten. Die Breite des Arbeitsprogrammes stellt dabei eine wesentliche Herausforderung, aber auch ein Stärke dar: Die Diskussion etwa über Werte und Bewertung zeigt, wie wichtig es ist, derartige Debatten stärker auf die politische Bühne zu bringen. Der Prozess ist hierbei ebenso wichtig wie zukünftige Ergebnisse.

Eine Herausforderung bleibt die Kommunikation: Die verabschiedete Strategie ist noch sehr allgemein und muss nun mit Leben gefüllt werden. Auch hier können und müssen Stakeholder eine wichtige Rolle spielen, nicht zuletzt, weil das Budget auch hier stark begrenzt ist.

Eine weitere, vielfach angesprochene, Herausforderung bleibt die Integration über das Arbeitsprogramm hinweg, nicht zuletzt auch um sicherzustellen, dass die Assessments nicht alles überstrahlen und die Bearbeitung der anderen Funktionen – Capacity Building, Politikwerkzeuge und –methoden, sowie Identifizierung von Wissensbedarf – sichergestellt werden.

Aber am wichtigsten: Mit den diversen Beschlüssen zu Assessments und anderen Produkten geht die Arbeit nun richtig los, vor allem mit den regionalen Assessments, deren Größe keineswegs trivial ist. Waren bisher ca. 500 Expertinnen und Experten in die Vorbereitung und das erste Assessement zur Bestäubung involviert, wird sich diese Zahl in den nächsten Monaten vervielfachen. In seiner Diversität ist dies für die globale Wissenschafts-Politik-Schnittstelle eine völlig neue Herausforderung.

Und bei IPBES-4 in 2016 steht dann bereits die nächste Herausforderung an: Die Verabschiedung des Assessments zu Bestäubung und Bestäubern mit seinen zahlreichen komplexen und kontroversen Aspekten.