Auf ein Neues – und dieses Mal bitte kurz und knapp

Dr. Katja Heubach; NeFo-Team, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung-UFZ

Es ist kurz vor 10 Uhr Ortszeit in einem sonnigen Montreal. Langsam füllen sich die Reihen im großen Plenarsaal der Internationalen Luftfahrtbehörde, im dem gleich die Eröffnungsworte des SBSTTA-Vorsitzenden Andrew Bignell aus Neuseeland zu hören sein werden. Bignell ist für zwei Jahre in sein Amt gewählt. Mit der 13. Vertragsstaatenverhandlung der CBD im Dezember 2016 in Mexiko endet sein Mandat.

Bis dahin aber will er durchgreifen auf dem SBSTTA-Parkett. Nach den obligatorischen Einführungs- und Begrüßungsworten folgt sogleich seine Ermahnung an die Staaten, sich mit ihren Statements im Plenum bitte kurz zu halten. Und bitte auch keine ausschweifenden Lobgesänge auf die Arbeit des SBSTTA-Büros, des CBD Sekretariats, der Expertengruppen, oder sonst jemanden. Man wisse ja, dass man sich liebe, wirft Bignell den Delegierten zu, das müsse man nicht ständig wiederholen. Denn nichts hat man weniger als Zeit. Und schließlich soll Demokratie herrschen bei den Beratungen: Jeder soll mal dürfen. Und es will ja auch jeder mal.

Bignell aber kreist wie ein hungriger Adler über seine Beute. Gerade wurde Indien – wenngleich höflich – abgestraft: zu viele Informationen, zu lang, und auch ein wenig redundant. Denn die meisten Kommentare, die von den Ländern geäußert werden, wiederholen sich. Man gewinnt etwas den Eindruck, als gäbe es nicht so recht viel Neues zu sagen.

Derzeit geht es darum, wie man mit dem technischen und Forschungsbedarf hinsichtlich der Umsetzung des Strategischen Plans zur Biodiversität umgeht, den die Länder im Rahmen ihrer nationalen Berichterstattung an das Sekretariat übermittelt haben. Forschungsbedarf, der in der vierten Ausgabe des Globalen Ausblick Biodiversität (GBO-4, veröffentlicht zur COP-12 in Korea im Oktober 2014) auf eine Liste von zehn Überthemen zusammengefasst wurde.

An erster Stelle dieser Liste rangiert die bessere Einbindung der Sozialwissenschaften. Die sollen Verständnis darüber liefern, woran möglicherweise das ganze Vorhaben CBD – und die Mehrheit der anderen menschlichen Vorhaben – scheitern könnte: Die Lücke vom Wissen zum Handeln. Warum verhalten wir uns so, wie wir es eben tun? In Anbetracht des globalen Wissens zu Biodiversität und Co., ihrer Verletzlichkeit und unserer Macht, letztere zu steuern: Warum steuern wir nicht in die richtige Richtung?

Unter dem Stichwort ‚behavioural change' sollen die Sozialwissenschaften nun also Licht ins Dunkel bringen. Allerdings ist der Magen derzeit größer als das Auge, oder besser: beide ziemlich leer. So jedenfalls lassen sich die Eingaben der Länder interpretieren, die nur wenige konkrete Vorschläge liefern, wie das Ganze angegangen werden könnte. Wichtig ist wohl auch, dass die CBD in diesem Feld ihre Bedürfnisse deutlich besser artikuliert als bislang geschehen. Die Norweger sagen dazu: Die CBD müsse ihre spezifische Nische finden. Und so wird es wohl noch ein wenig dauern, bis sich das Dunkel erhellen wird.

Ein anderes, bereits seit vielen SBSTTA-Sitzungen und COPs diskutiertes Thema ist das sog. ‚biodiversity mainstreaming', also der Versuch, die Biodiversität aus ihrer naturwissenschaftlich-naturschutzorientierten Ecke herauszulösen und stattdessen übergreifend anzugehen. Das bezieht sich sowohl auf verschiedene politische Sektoren – Landwirtschaft, Forstwirtschaft, Naturschutz, Ökonomie – als auch auf die verschiedenen Akteure, die Einfluss auf die Natur nehmen oder sie beanspruchen. Also Mainstreaming (dieses Wort ist tatsächlich schwierig zu übersetzen, deshalb wird an dieser Stelle mal der englische Begriff weitergenutzt) bezogen auf Wissenschaft, Wirtschaft und Unternehmen, Verbände und andere zivilgesellschaftliche Organisationen sowie die Öffentlichkeit im weiteren Sinne.

Auf globaler Ebene betrifft das zudem die Zusammenarbeit der CBD mit anderen internationalen, umweltrelevanten politischen Übereinkommen bzw. Prozesse. Hier sehen die Länder vor allem den Weltbiodiversitätsrat IPBES als ein zentrales, verbindendes Element. Als globale Schnittstelle, die zwischen Wissenschaft und Regierungen (und Praxis) vermittelt, und einem Arbeitsprogramm, das Biodiversität nicht nur thematisch sondern auch methodisch betrachtet, hat IPBES die besten Voraussetzungen, hier voranzugehen.

Auf jeden Fall scheinen viele Regierungen große Erwartungen daran zu hegen. Dasselbe scheint für die globalen UN-Nachhaltigkeitsziele zu gelten, die gerade erst im September verabschiedet worden sind. Erste konkrete Schritte zum Thema globales Mainstreaming könnte es denn tatsächlich auch bereits bald geben: Mexiko hat heute angeboten, einen internationalen Workshop zum Thema auszurichten – großer Beifall inklusive.

Bignell interveniert aber schon wieder. Dieses Mal wird zu schnell gesprochen. Da kommen die ÜbersetzerInnen nicht hinterher. Ist ja aber auch kein Wunder, wenn man so wenig Zeit hat (oder bekommt), da spricht man eben schneller. Nur gut, dass man den Rest seiner Kommentare auch schriftlich einreichen kann. Da deutet sich eine lange Nacht für das Sekretariat an, soviel ist sicher.

Die anderen TeilnehmerInnen können sich noch bei einem abendlichen Side Event entspannen, beispielsweise zu den Biodiversitäts-Indikatoren oder dazu, wie IPBES traditionelles Wissen in seine Assessments einbinden will. Erfahrungsgemäß sind die Side Events nicht nur spannender, weil konkreter, als die eigentlichen SBSTTA-Sitzungen. Sie haben auch einen weiteren, bedeutenden Vorteil: Sie locken in der Regel mit leckeren Häppchen. Zumindest im sprichwörtlichen Sinne kann der Magen heute also doch noch gefüllt werden.

 

Für weitere Informationen zum Forschungsbedarf der CBD empfehlen wir Ihnen die Lektüre unseres neuen CBD Fact Sheet ‚Key scientific and technical needs for the implementation of the CBD Strategic Plan for Biodiversity 2011-2020', das kurz und knapp die wichtigsten Bedarfe zusammenfasst.