Über die Herausforderung, Biodiversitätsforschung politikrelevant zu machen – Einblicke dank aktueller COP-Produkte

Carsten Neßhöver, NeFo-Team, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung-UFZ

COP12 war ein Steilvorlage für die Wissenschaft: Es sollte der Mid-term-Review der Aichi-Ziele vorgelegt werden. Und damit bot sich die Gelegenheit, die komplexen Indikatoren, die für die 20 Ziele entwickelt, bzw. weltweit verbessert wurden, ausführlich darzustellen und damit zu zeigen, wieviel die Wissenschaft als Basis dieser Indikatoren zum Wissensstand und damit zur Entscheidungsfindung zur Biodiversität beitragen kann. Und in der Tat hat sich viel getan.

Waren die frühen Ausgaben des Global Biodiversity Outlook (1+2) noch weitestgehend Sammlungen von Einzelinformationen und –fällen, so ist durch die Globale Biodiversity Indikator Partnership (BIP), die schon den GBO3 erstmals bediente, eine breite, wenn auch weiterhin lückenhafte Grundlage an weltweit aggregierten Biodiversitätsinformationen geschaffen worden. Dabei kommen sehr unterschiedliche Informationsarten und entsprechende Partner in der BIP zusammen und zeigen, wie divers das Wissen sein muss, um ein globales Bild zum Zustand der Biodiversität und ihrer Nutzung zu erzeugen.

Das Ergebnis ist eine beeindruckende Kompilation verschiedener Produkte:

  • Der Global Biodiversity Outlook 4 [pdf] selbst mit 150 Seiten (durch die Regierungen „gegengelesen“ und damit sprachlich weitgehend neutral gehalten)

  • Zwei technische Report zum GBO4, zum einen eine detaillierte Analyse der 20 Ziele (Leadley et al. 2014, CBD Tech Series No.78 [pdf]) mit 500 Seiten und ein Szenarien-basierter Bericht zum Beitrag verschiedener Wirtschaftssektoren zur Erreichung der Ziele (PBL 2014, CBD Tech. Series No.79 [pdf]) mit 230 Seiten

  • Das Science Paper von Tittensor et al., dass die Ergebnisse wissenschaftlich nochmals zusammenfasst (inkl. einem Supplement von 150 Seiten)

  • Eine App fürs Smartfon der BIP mit allen Zielen und den genutzten Indikatoren (sehr interessant, um sich mal zwischendurch ein Bild zu machen, welche Indikatoren genutzt werden, und wo noch große Lücken sind).

Bei allen Schwierigkeiten, Datenlücken und Unsicherheiten die sich auch in dieser eindrucksvollen Sammlung des weltweiten Biodiversitätswissens zeigen: Eine hohe Sicherheit, dass Handlungsbedarf besteht, ist mit dieser neuerlichen Weiterentwicklung des Wissensstandes unbestritten.

Warum aber tut sich, wie aktuell auf der COP12 wieder zu beobachten, die politische Seite so schwer, diese Erkenntnisse mit entsprechenden Handlungsentscheidungen zu unterstützen? Sicherlich ist es zu einfach, nur auf die üblichen Seiten der interessengeleiteten Politik hinzuweisen und alles auf die wirtschaftlichen und entwicklungsbezogenen Ziele einzelner Länder oder Ländergruppen zu schieben, sowie auf die in wirtschaftlich schweren Zeiten geringe Neigung zu weiteren Investitionen in den Naturschutz.

Denn parallel beobachtet man spätestens seit der Verabschiedung des strategischen Planes der CBD in 2010 ein zunehmend bessere Organisation im Biodiversitätsbereich, nicht nur in der Wissenschaft (siehe obige Produkte), sondern auch in der Zivilgesellschaft (unterstützt durch UN-Organisationen) und auch in der Wirtschaft, wo zunehmend die Gefahren des Verlustes der natürlichen Ressourcen erkannt werden. Man könnte hier nun argumentieren — nicht zu Unrecht, dass all diese Entwicklungen ohne ein stärkeres Engagement auch der Politik wenig fruchten werden, da die wirtschaftlichen Treiber des Verlustes schlicht zu stark sind. Dies zeigen auch eindeutig die im Rahmen des GBO4 entwickelten Szenarien: Zahlreichen Wirtschaftssektoren, und damit auch die sie regulierende Politik, kommen zentrale Rollen zu.

Welche Informationen braucht die Politik wirklich, um den etwas zu bewirken?

Was aber liefert die Forschung an Analysen von Handlungsoptionen? Hier bleibt der GBO4, aus politischen Gründen, aber auch die anderen Detailberichte sehr vage, Zwar werden lange Listen an Optionen zur Umsetzung der 20 Aichi-Ziele aufgestellt. Was aber diese Optionen im Einzelnen bedeuten, wie sie umgesetzt werden können; hier bleibt die interdisziplinäre Forschung einiges schuldig. Und damit bleibt auch die Argumentationsstärke der Ergebnisse des GBO4 und seiner Produkte gering, denn sie liefert nur eingeschränkt spezifische Argumente für ein Überdenken von Umweltpolitik, sondern unterstützt die bestehenden Argumentionsmuster: „Wir müssen was tun?" gegenüber „Alles viel zu teuer“, um es sehr plakativ darzustellen.

Hier ist noch viel zu tun, und die Einrichtung des "Weltbiodiversitätsrates "Intergovernmental Science-Policy Platform on Biodiversity and Ecosystem Services" soll diese Lücke schließen. IPBES soll nicht nur weitere Assessment zu speziellen Themen durchführen (ob ein solches zur Biodiversität im Allgemeinen nach den Anstrengungen für den GBO4 sinnvoll ist, könnte man durchaus diskutieren), sondern eben auch Politikinstrumente und –methoden (policy tools and methodologies) beleuchten. Hierfür gibt es eine eigene Arbeitsgruppen, ferner sollen die Assessment explizit die entsprechenden Elemente enthalten. Daran wird sich entscheiden, ob man wissenschaftsbasiert eine Verbesserung der Situation unterstützen kann, denn nur mit solchem Wissen gibt man neue Argumente an die Hand und unterstützt den Wandel im Umgang mit der Natur.

Auf der COP12 zeigt sich dies in der engen Verzahnung von Wissenschaft und Praxis in vielen Side-Events. Nur allein mit besseren Indikatoren messen wir allenfalls präziser, woran wir scheitern, wissen aber nicht unbedingt, wie wir das ändern.