Die Korallen müssen warten – bis zu ihrem Ende?

Carsten Neßhöver, NeFo-Team, Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ

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Dr. Carsten Neßhöver, UFZ Leipzig
Dr. Carsten Neßhöver, UFZ Leipzig
UFZ

Die Beschlüsse der 12. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens über die Biologischen Vielfalt in PyeongChang, Süd-Korea, unterstreichen die Dringlichkeit des Handels, aber nicht den politischen Willen dazu. Daran wird auch eine vertiefte naturwissenschaftliche Begleitung des Status-Quo und Verlaufs des Verlustes nichts ändern. Gefordert ist interdisziplinäre Forschung, die den wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wert der biologischen Vielfalt klar macht und damit die Relevanz und Notwendigkeit für Investitionen.

Noch nie war die Datenlage zum Zustand und zu den Gefährdungsursachen der Biologischen Vielfalt der Erde und ihrer Leistungen so gut wie heute. Zwar gibt es weiterhin große Wissenslücken und Unsicherheiten, aber der Trend, der zu Beginn der 12. Vertragsstaatenkonferenz (COP12) des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt (CBD) in PyeongChang vor zwei Wochen im „Global Biodiversity Outlook 4“ anhand zahlreicher Indikatoren und weiter Daten vorgelegt wurde, ist eindeutig: Die meisten der von der CBD im Jahr 2010 für das Jahr 2020 beschlossenen Ziele werden mit den bisherigen Maßnahmen nicht erreicht werden. Bei einigen Zielen, wie etwa der Reduzierung von umweltschädlichen Subventionen und dem Stopp des Verlustes an Korallenriffen (schon bis 2015), sieht es düster aus.

Der Schutz der Korallenriffe ist dabei ein klassisches Beispiel, wie schwierig die Umsetzung von Umweltschutzmaßnahmen mit globalen Zielen in der Praxis ist: Zum einen hängt der Erfolg lokal von der Ambition jedes Landes ab. Vor Ort müssen Schutzmaßnahmen wie etwa die Kontrolle der Fischerei und auch des Tauchtourismus und etwa der Verschmutzung von Küstenbereichen durch Abwässer ergriffen werden. Schon hier scheitern viele Länder, aber die CBD hat sie mit starken Worten daran erinnert, hier aktiv zu werden. Zum anderen hängt das Wohlergehen der Korallenriffe und der Menschen, die sie zum Überleben durch Fischfang und Tourismuseinnahmen brauchen, von der Umsetzung globaler Klimaziele ab. Denn nicht nur die Meereserwärmung schädigt die empfindlichen Korallen, vor allem die Versauerung der Meere durch steigende CO2-Gehalte macht den kalkbildenden Korallen das Überleben schwer.

Und hier hat sich in den letzten Jahren faktisch nichts getan. Hinzu kommt noch, dass etwaige Maßnahmen, gerade im Klimabereich eine sehr lange Verzögerung haben, bis sie faktisch auch wirken. Nach verschiedenen Prognosen muss sich die Menschheit wohl damit abfinden, dass ein Großteil der Korallenriffe in den nächsten 30-50 Jahren verschwunden oder zumindest stark verändert sein wird. Und mit ihnen die Leistungen, die die Menschen heute noch nutzen.

Wie beim Beispiel des Klimaschutzes und den Korallen sind auch an anderer Stelle abweichende wirtschaftliche Prioritäten der Grund für die fehlenden Fortschritte. Die CBD hatte in ihrem ambitionierten Zielekanon für 2020 eigentlich nicht nur spezifische Ziele für die Erhaltung der Natur, etwa im Artenschutz oder bei besonders empfindlichen Lebensräumen wie Korallenriffen gesetzt, sondern auch konkrete Politikmaßnahmen gegenüber den zugrundeliegenden Ursachen des Verlustes.

So sollen etwa die umweltschädlichen Subventionen bis 2020 ein- oder umgestellt werden, ebenso sollen Biodiversitätsbelange in Entwicklungsstrategien und nationale Bilanzen eingebaut werden. Hier ist seit 2010 praktisch nichts geschehen. Die EU hat im Gegenteil die ursprünglich „grün“ angelegte Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik ab 2014 so verwässert, dass sie für den Biodiversitätsschutz eher schädlich ist.

Doch solange die tatsächlichen Ursachen des Verlustes nicht angegangen werden, können auch andere Biodiversitätsziele nicht erreicht werden. Denn wenn etwa die Schadstoffe aus der Landwirtschaft weiter zunehmen, werden auch die besten Artenschutzmaßnahmen nicht greifen.

Damit scheint der Versuch, mit klar adressierten Zielen wie dem der naturverträglichen Subventionen den Gedanken des Schutzes der natürlichen Ressourcen auch in die entsprechenden Wirtschaftssektoren wie Landwirtschaft und Fischerei zu tragen, weiterhin zu scheitern.

Erschwerend kommt noch hinzu, dass auch bei der COP12 der Streit ums liebe Geld vieles blockierte: Während die Entwicklungsländer zusätzliche Gelder zur Umsetzung der Zielvorhaben von den Industrieländern forderten, erwarten diese, allen voran die EU, dass die Entwicklungsländer nicht nur die Hand aufhalten sondern auch eigenen Mittel investieren. Herausgekommen ist ein klassischer Kompromiss, der keine größeren Investitionserhöhungen erwarten lassen, auch wenn dies nötig wäre. Und die Finanzquelle aus unweltfreundlicher gestalteten Subventionen wird, wie oben beschrieben, auch weiterhin blockiert.

Schade, denn eines zeigen die Diskussionen und Veranstaltungen rund um die COP12 mehr und mehr: Investitionen in den Schutz der Biodiversität und den Klimaschutz tragen zur Bewältigung großer Aufgaben wie etwa der Erfüllung der UN-Millennium-Entwicklungsziele bei und sind ökonomische profitabel. Doch scheinen diese Zusammenhänge noch nicht klar genug in der breiten Politik anzukommen.

Womit man wieder bei der Forschung ist: Ihre Indikatoren liefern zwar ein immer genaueres Bild der Situation und der Gründe für den Verlust an Arten und Ökosystemen. Deutlich zu machen, warum sich Investitionen in unsere natürliche Lebensgrundlagen lohnen und damit einen Mehrwert auch im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Sinne haben, und wie man dies entsprechend umsetzen kann, dort ist für Forschung und Praxis noch viel zu tun.

Weitere Kommentare und Einordnungen der COP12-Ergebnisse finden Sie in den kommenden Tagen auf dieser Seite.