Was ist uns der Schutz von Biodiversität wert? Der Beitrag von TEEB zur CBD COP11.

Johannes Förster, Helmholtz Zentrum für Umweltforschung – UFZ, Leipzig

Die ökonomische Bedeutung von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen sowie die Kosten durch deren Verlust sind Staaten, Unternehmen und auch uns als Konsumenten von Naturgütern oftmals nicht bewusst. Ob als Delegierter bei den CBD Verhandlungen oder als Verbraucher im Supermarkt stehen wir vor dem gleichen Problem: die bisherigen ökonomischen Indikatoren, wie z. B. das Bruttoinlandsprodukt oder der Preis im Supermarkt geben bisher keinen Aufschluß über die Kosten einer (Über-) Nutzung von Natur bzw. den Nutzen von Schutz und nachhaltiger Nutzung. Auf der CBD COP 11 hat die TEEB-Initiative wieder neue Produkte vorgestellt, die es Staaten ermöglichen soll, die ökonomische Bedeutung von Biodiversität besser zu erfassen und in Entscheidungen zu integrieren.

Auf der CBD COP 11 waren die Verhandlungen um die Finanzen wieder einmal ein Knackpunkt. Doch in Zeiten von Finanzkrise fällt es auch Geldgebern wie der Europäischen Union schwer ambitionierte Zusagen zu machen. Daher sind auch Entwicklungsländer zunehmend gefragt in den Schutz und die nachhaltige Nutzung von Biodiversität zu investieren.

Immerhin haben sich die Industrieländer darauf verständigen können ihre bisherigen Ausgaben für die Finanzierung von internationalen Maßnahmen für den Biodiversitätsschutz bis 2015 zu verdoppeln. Auch Entwicklungsländer aus Afrika und Gastgeber Indien möchten ihre bisherigen Zusagen erhöhen. So hat Indien 50 Millionen US-Dollar für Maßnahmen zur Erreichung der Schutzziele zugesagt.    

cbd11_teeb_jfoerster.jpg

Plenum zur TEEB-Veranstaltung auf der COP 11
TEEB Veranstaltung auf der COP 11
J. Förster


Wie viel sollte der Schutz von Biodiversität uns wert sein?

Man müsste annehmen, dass diese Frage schon geklärt sein sollte bevor sich die Delegierten auf der COP treffen, um über die Finanzierung von Maßnahmen zur Erreichung der CBD Aichi Ziele abzustimmen. Doch hier schlägt uns die Natur selbst ein Schnippchen. Je nach Betrachter oder Nutzer von Biodiversität – also der Vielfalt an Genen, Arten und Ökosystemen - werden die Werte sehr vielfältig wahrgenommen. Dass der Mensch selbst ein Teil der Ökosysteme ist, welche uns Nahrung, Medizin, Inspiration und Erholung, also alles was man zum Leben braucht, bereitstellen, macht eine Antwort auf die Frage nicht einfacher. Oder doch? Wenn uns Biodiversität alles bereitstellt, was wir zum Leben brauchen, dann sollte die Antwort auf die Frage, was uns der Schutz der biologischen Vielfalt wert sein sollte, ganz einfach sein: Alles!

Doch zurück zur Realität, in der Delegierte bei der CBD COP am Verhandlungstisch sitzen und über Milliarden verhandeln, oder wir selbst im Supermarkt vor dem Regal stehen und tagtäglich Entscheidungen über Biodiversität fällen. Beide Positionen sind an sich gar nicht so verschieden, wenn es darum geht, über den Schutz von Biodiversität unter Berücksichtigung von ökonomischen Überlegungen eine Entscheidung zu treffen. In beiden Fällen werden neben anderen Faktoren natürlich auch Kosten und Nutzen abgewogen. 

Doch leider geben die Preise im Supermarkt genauso wenig Aufschluß über Kosten durch Umweltschäden wie das Bruttoinlandsprodukt eines Landes. Der Verlust von Ökosystemen und Biodiversität wird in beiden Fällen bisher komplett ignoriert.  Ähnlich verschoben sehen die Kosten-Nutzen Bilanzen bei Agrarsubventionen oder auch die Bilanzen in Unternehmen aus – von dem Wert von Biodiversität fehlt oftmals jede Spur.

PUMA hat als einer der ersten Unternehmen berechnet, dass die Kosten der Umweltschäden angefangen bei der Gewinnung der  Rohstoffe, über die Produktion seiner Artikel, bis hin zum Konsum durch den Verbraucher 145 Millionen Euro betragen. Zu wissen, wo diese Schäden auftreten und wie groß diese sind, ist der erste Schritt, um Maßnahmen zur Veringerung der negativen Auswirkungen zu ergreifen.

Eine solche Offenlegung der Kosten durch Umweltschäden als auch der Nutzen von Biodiversität und Ökosytemdienstleistungen würde sicher auch Politikern bei der CBD helfen, die finanziellen Zusagen für den Schutz von Biodiversität gegenüber den Finanzministerien besser zu rechtfertigen und, gemäß der Bedeutung von Biodiversität für die Gesellschaft und Wirtschaft, entsprechend anzupassen. Doch bisher ist viel zu wenig über die ökonomische Bedeutung von Biodiversität bekannt.


Beitrag der TEEB Initiative zur CBD COP

Die Initiative TEEB - The Economics of Ecosystems and Biodiversity - möchte in die Fragen über die ökonomische Bedeutung von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen etwas mehr Licht bringen. Dabei geht es nicht darum, den Wert von Arten und Ökosystemen in Euro und Cent zu berechnen, sondern den vielfältigen Nutzen von Biodiversität für die Bereitstellung von Ökosystemdienstleistungen für die Gesellschaft aufzuzeigen, Kosten und negative Konsequenzen durch den Verlust von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen offenzulegen, und dieses Wissen in Entscheidungen von Politik und Wirtschaft zu integrieren.

Das Ziel von TEEB ist es, Politik- und Unternehmensentscheidungen von innen zu verändern, um mit der Natur und nicht gegen die Natur zu wirtschaften. Dies wird oft unter dem Begriff „Mainstreaming of Biodiversity“ in Gesellschaft, Politik und Wirtschaft zusammengefasst.

Auf der CBD COP 11 hat TEEB zwei neue Produkte vorgestellt, welche eine solche Integration von Biodiversität in Entscheidungen erleichtern soll:

  • die TEEB Guides für die Umsetzung der CBD Aichi Ziele 2, 3, and 11; 
  • und einen Entwurf des ‘TEEB for Water and Wetlands‘ Berichts, welcher noch bis Mitte November offen für Kommentare ist (Draft for Consultation).

 

TEEB Guides für die Umsetzung der CBD Aichi Ziele 2, 3, and 11

Im TEEB Guide zum CBD Aichi Ziel 2 wird gezeigt, wie Entscheidungsträger Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen besser in nationale und lokale Planungsprozesse und Entscheidungen integrieren können. Im Guide zum Ziel 3 liegt der Schwerpunkt auf positive Anreize für den Schutz von Biodiversität und die Reduzierung von negativen Subventionen. Im Guide für Ziel 11 wird die ökonomische Bedeutung von Schutzgebieten veranschaulicht sowie aufgezeigt, welche Strategien eine Beteiligung verschiedener Akteure an dem Nutzen von Schutzgebieten ermöglichen (Stichwort: Access and Benefit Sharing) sowie den Erhalt von Schutzgebieten fördern können.

TEEB for Water and Wetlands

Im Bericht ‘TEEB for Water and Wetlands‘ werden die vielfältigen Leistungen von aquatischen Ökosystemen hervorgehoben und zahlreiche Beispiele aufgezeigt, wie diese in lokale und nationale Nutzungsstrategien integriert werden können. Der finale Bericht wird zum UN International Year of Water Cooperation 2013 gelaunched.

Nationale TEEB Studien

 

 

In Side Events zur nationalen Umsetzung des TEEB-Ansatzes haben Südafrika, Georgien, Brasilien, Indien und Deutschland ihre Ansätze für nationale TEEB-Studien vorgestellt. Die meisten der Studien befinden sich erst im Anfangsstadium und so wurde z. B. TEEB DE bzw. Naturkapital Deutschland erst kürzlich in Berlin offiziell gelaunched.

Darüber hinaus hat die Europäische Kommission auf einem TEEB-Side Event die Finanzierungen von weiteren nationalen TEEB-Studien in Entwicklungsländern zugesagt

Ziel ist es, die Bedeutung von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen auf nationaler und lokaler Ebene für ausgewählte Politkbereiche und Sektoren offenzulegen und Optionen für eine nachhaltigere Nutzung zu identifizieren. Diese Studien sollen den Ländern helfen Biodiversität besser in die nationale Politik zu integrieren, nachhaltiger mit natürlichen Resourcen umzugehen und Biodiversität besser zu schützen. Allerdings ist jetzt schon klar, dass die nachhaltige Integration von Biodiversität in Politik und Wirtschaft ein Prozess ist, welcher von den TEEB-Studien angestoßen werden kann, welcher jedoch mit der Anfertigung der Studien allein nicht abgeschlossen ist.

Weitere Side Events

Auf zahlreichen Side Events zum Thema Business und Biodiversität hat Pavan Sukhdev die Entstehung einer ‘TEEB for Business Coalition‘ angekündigt, welche das Ziel hat, die externen Kosten von Unternehmen zu erfassen, um Möglichkeiten für deren Vermeidung und Reduzierung zu entwickeln –ähnlich wie PUMA dies bereits schon tut. Ebenso haben Vertreter aus Brasilien ihre Arbeit  zum ‘TEEB for Business in Brasilien‘ vorgestellt. 

Die Arbeit der TEEB-Initiative wurde auch in weiteren Side Events zum Thema der CBD Aichi Ziele, Livelihoods, Waldschutz und die Restaurierung von Ökosystemen aufgegriffen. Siehe hierzu detailiertere Berichte unter den folgenden Links:

20 Präsentationen zu 20 CBD Zielen. Der Beitrag von TEEB zu CBD Ziel 2 wurde von Pavan Sukhdev erläutert.

Livelihoods Day [pdf]

REDD+ Day [pdf]

Ecosystem Restoration Day [pdf]


Auf den Side Events wurden das Potential aber auch die Risiken und Gefahren eines ökonomischen Ansatzes für die Nutzung und den Schutz von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen diskutiert. Vandana Shiva, Trägerin des alternativen Nobelpreises und bekannt für ihren Einsatz für Frauenrechte und Umweltschutz, betonte das positive Potential von ökonomischen Ansätzen für den Schutz von Biodiversität, im Besonderen wenn es darum geht, Kosten durch den Verlust von Biodiversität und Ökosystemdienstleistungen aufzuzeigen. Sie warnte aber auch vor möglichen negativen Auswirkungen, z. B.  das Risiko der Privatisierung und Kommerzialisierung von Natur, welches bei der Verwendung von ökonomischen Instrumenten beachtet und vermieden werden sollte. Eine Einschätzung die auch von TEEB geteilt wird.

Dass TEEB auch auf dieser CBD COP einen wichtigen Beitrag geleistet hat spiegelt sich auch in der offiziellen Presseerklärung des CBD Sekretariats [pdf] wider, in der die vorgestellten TEEB-Produkte explizit erwähnt werden:

Nach den vielen Redebeiträgen auf den Side Events ist zu hoffen, dass zur CBD COP 12 in Südkorea die angekündigten nationalen TEEB-Studien auch erste Ergebnisse liefern können, welche die Maßnahmen zur Erreichung der CBD Ziele zum Schutz der Biodiversität auch nachhaltig fördern.

Weitere Informationen auf: http://www.teebweb.org/