Kommentar: Wie bemisst man die Kosten und Nutzen der Erhaltung der Biodiversität?

Carsten Neßhöver, NeFo-Team

Was kostet die Welt? Oder zumindest die Erhaltung unserer Lebensgrundlage? Über den wohl scheiternden Versuch der COP 11, dem weltweiten Biodiversitätsschutz eine finanzielle Perspektive zu geben.

Die TEEB-Studie hat eine vielfältige und wertvolle Antwort darauf gegeben (www.teebweb.org) - weil das Thema nun mal vielfältig ist. Für eine politische Konvention und die Zusammenarbeit ihrer 192 Mitgliedsstaaten, die sich gerade 2010 zwanzig neue Ziele zur Biodiversität gegeben haben, reicht dies aber nicht aus. Hier muss über konkrete Summen verhandelt werden. Da sich aber das Wissen über die wahren Kosten des Biodiversitätsschutzes (und deren Nutzen) auf der Welt im Vergleich zu unserem Wissen über Bruttosozialprodukte und Handelsströme ungefähr so verhält wie das Aufstöbern einzelner versteckt lebender Wildschweine im Wald gegenüber dem Auffinden eines Schweines in einem Intensiv-Mastbetrieb hat man das Problem, dass die Staaten sich über ein Phantom unterhalten.

Dem versuchte man nun auf der COP 11 mit zwei Ansätzen zu begegnen – einmal „Bottom-up“, einmal „Top-Down“. Bottom-up macht eigentlich Sinn: Man fragt jedes Land, was es ausgibt für den Naturschutz und addiert 192 mal. Diese sogenannte Baseline wurde aber gerade einmal von 22 Ländern geliefert. Denn die nationalen Haushalte und ihre Buchführung sind schlichtweg nicht darauf ausgerichtet, den Wert von Naturkapital – oder auch nur die Ausgaben für den Naturschutz – zu erfassen. Für Wirtschaftsförderung hätte man diese Zahlen sicher sofort, nicht aber für Naturförderung. Soviel zu Bottom-up.

Die andere Option ist Top-Down: Man schätzt ab, welche Maßnahmen für die Erreichung aller zwanzig Ziele nötig sind und integriert einfach über Länder und Regionen und lässt die Eigenheiten von Ländern und die bereits investierten Gelder einfach einmal außer Acht. Das ergibt Hausnummern, da die Unsicherheiten bei solchen Zahlen groß sind, aber es liefert immerhin Größenordnungen. Dies hat eine Expertengruppe um Georgina Mace und Pavan Sukhdev für die COP 11 gemacht (ausführlicher Report: UNEP/CBD/COP/11/INF/20).

Eine solche Übung liefert große Zahlen und zeigt, dass man, selbst wenn man die unteren Spannen der Berechnungen nimmt, sehr tüchtig investieren müsste, um viele der CBD-Ziele zu erreichen. Das ist nicht weiter überraschend, denn einige Ziele bedeuten etwa, Landnutzung von Agrarflächen und Wäldern und die Fischereinutzung in den Meeren schlicht und ergreifend auf nachhaltigere Verfahren umzustellen.

Beispiele (Durchschnittliche jährliche Ausgaben von 2013-2020):

·    Ziel 5: Vermeidung von Lebensraumverlust in Wäldern und Feuchtgebieten: 39,2-52,1 Mrd US$

·    Ziel 6: Nachhaltige Fischerei: 16,9 bis 40 Mrd US$ (hier ständen allerdings ca. 19 Mrd. an jährlichen Fischereisubventionen zur Verfügung)

·    Ziel 9: Invasive Arten: 23,3 bis 52,9 Mrd US$

Die Kosten würden sofort anfallen, der Nutzen, auch im ökonomischen Sinne, würde sich erst mittelfristig zeigen. Oder sich nur indirekt zeigen, etwa in vermiedenen Kosten bei invasiven Arten. Das ist weiterhin wenig sexy.  

Letztendlich helfen aber auch diese Top-Down-Zahlen wenig: Dem Naturschützer (und vielen Entwicklungslandvertretern) bestätigen sie, dass man zu wenig investiert, den Naturnutzer (und die meisten Politikschaffenden aus entwickelten Ländern) schrecken sie aufgrund ihrer Größe und weiterhin hohen Abstraktheit ab und befördern nicht den Mut zur Investition. Damit bleibt in den politischen Verhandlungen das alte Bild bestehen.  Hinzukommt, dass auch eine stärkere Verdeutlichung von „Kosten“ und „Nutzen“ von Biodiversitätsschutz durch solche Zahlen wenig an den Sichtweisen ändern, wie Finanzierung stattzufinden hat. Die eine Seite besteht auf dem klassischen Mittel von öffentlichen Geldern, vornehmlich als Transfer von Nord nach Süd. Die anderen zeigen auf „Neue Finanzierungsinstrumente“, wie etwa Zahlungen für Ökosystemdienstleistungen, deren Potenzial aber noch weit unterentwickelt ist – und auch schwierig und nicht immer konfliktfrei umzusetzen ist, als globales Element, wie die Debatte um REDD+ zeigt.

Wie immer wird gerade hier die Lösung irgendwo in der Mitte liegen. Ganz sicher liegt die Lösung aber nicht auf einer großen Finanzierungslösung auf der Ebene der CBD – dafür treffen hier in vielen Verhandlungssträngen zu viele Einzelinteressen aufeinander, wo sich Misstrauen manifestiert, dass Land x oder Region y versprochene Zusagen oder Beschlüsse nicht umsetzt. Die CBD ist reich an solchen Beschlüssen, nicht nur bei der Ermittlung der Ausgaben für den Biodiversitätsschutz. Umsetzung erfolgt immer noch auf Landesebene – und ebenso die Finanzierung. Und dafür ist erstmal die Umsetzung von CBD-Ziel 1 zentral: In 2020 sind sich alle Erdenbürger der Wert der Biologischen Vielfalt und Ihrer Möglichkeiten, sie zu erhalten bewusst. Dessen Umsetzung ist übrigens nach den Zahlen des Sukhdev-Mace-Reports sehr preiswert: Es würde nur zwischen 2,2 und 7 Milliarden US$ Kosten – verteilt auf acht Jahre und 192 Staaten ist das ein Schnäppchen: durchschnittlich 1,43 bis 4,55 Millionen US$ pro Land und Jahr. Vielleicht sollte man wenigstens dort einmal ernsthaft anfangen. In Deutschland wären das ca. 10 bis 30 % des Bundesprogramms Biologische Vielfalt oder besser: ca. 3 km Autobahnneubau. Das könnte doch evtl. machbar sein. Ziel 4, bis 2020 wichtige Schritte für einen nachhaltigeren Konsum zu machen, kommt sogar noch preiswerter: Hier sollten erst einmal vornehmlich Studien durchgeführt und Aktionspläne erstellt werden. Kostenpunkt weltweit 94 bis 183 Millionen US$. Das sind weniger als 500.000 bis 1 Million pro Land. Denn so wichtig auch dafür dann die Umsetzung der anderen, größeren und teureren Ziele sind, solange die Grundlage in Verständnis und Konsumverhalten nicht gelegt sind, sind alle Schutzbemühen gut und schön, es wird immer ein Schwimmen gegen den Konsumstrom sein.

Um die Grundlagen abzuschließen zuletzt noch eine Bemerkung zu Ziel 19, das die Forschung zur Biodiversität bis 2020 fördern soll. Dies ist sicher ein Ziel, dessen Kosten weit unterschätzt werden: man geht von einem Minimum von 13 Milliarden US$ bis 2020 aus, oder grobe 1,625 Milliarden pro Jahr. Auch das klingt im ersten Moment viel, aber bedenkt man, dass ein Teilchenbeschleuniger mehrere Milliarden kostet und wenig für unsere Lebensgrundlagen bringt, er scheint es wenig. Es braucht Forschung zu allen anderen 19 Zielen, deswegen erscheinen diese Summen eher klein. Bleibt zu hoffen, dass das zukünftige IPBES diese Notwendigkeit, neben allen anderen, besser sichtbar macht. 

 

Weiterführender Link:

Zur finanziellen Bedarfsanalyse [pdf]