Artenvielfalt – wieso wir unsere Insekten schützen müssen

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Das Podium des Trendfrühstücks zur Artenvielfalt
Foto: Tagesspiegel

Ein Trendfrühstück des Tagesspiegels am 17. Mai 2018

Beitrag von Antje Leßmann

 

Moderiert von Tagespiegel-Redakteur Stephan Wiehler diskutierten Harald Ebner (MdB, Bündnis 90/Die Grünen), Norbert Lemken (Bayer AG) und Ralf Schulte (NABU e.V.) morgens früh um 8 Uhr am Kaffeetisch über die rasant schwindende Artenvielfalt. Insbesondere das Insektensterben ist ein Thema, das spätestens seit dem Erscheinen der Krefeld Studie vergangenen Herbst in der öffentlichen Diskussion und Politik gerade „im Trend“ ist. Um besorgniserregende 75 % sei die Insektenbiomasse an einigen Standorten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg seit 1989 zurückgegangen. Vor einigen Wochen räumte nun eine Supermarkt-Filiale in Hannover die Regale leer, die mit auf Insektenbestäubung angewiesenen Produkten gefüllt waren. Selbst Angela Merkel hat die Biene als schützenswerten Baustein im Ökosystem entdeckt. Doch was sind die Gründe für den großen Artenschwund, vor allem bei den Insekten? 

Schnell ging die Frage an den Direktor der Landwirtschaftspolitik der Bayer AG, die  Insektizide verkauft, die weltweit auf Äckern ausgebracht werden.  Der redegewandte Nobert Lemken vermittelte den Eindruck, im Geschäftsmodell der Bayer AG würde Insektenschutz an oberster Stelle stehen. Als Beispiele nannte er die Forschungsanstrengungen der Bayer AG oder die Blühstreifen-Förderung, von Bayer „Beetle Banks“ genannt.

Harald Ebner vom Bündnis 90/Die Grünen und Mitglied im Ausschuss für Ernährung und Landwirtschaft wendete ein, Lemke vermittele den Eindruck, Bayer sei schon „öko“, da könne man sich also entspannt zurücklehnen. Gleichzeit verklage die Bayer AG zur Stunde die EU wegen des Verbotes von drei Neonikotinoiden. Dahinter stecke das ökonomische Interesse, ein Produkt möglichst lange und massenhaft zu verkaufen. Bayer müsse umdenken. Die Fokussierung auf digitale Landwirtschaft als Alternative zum flächenhaften Einsatz von Insektiziden könne ein Ansatz sein.

Obwohl es nicht abschließend geklärt ist, was das Insektensterben verursacht - es gibt viele begründete Vermutungen. Ein großflächiger, präventiver Einsatz von Insektiziden zusammen mit einer monokulturellen Agrarlandschaft, fehlenden kleinräumlichen Strukturen und Überdüngung sind gefährlich für die Artenvielfalt. Keineswegs sind diese Vermutungen genauso  „abstrus“ wie die von Lemken genannte Verseuchung des Abwassers mit Waschmittel.

Ralf Schulte als Mitglied der Geschäftsleitung und Fachbereichsleiter Naturschutz und Umweltpolitik beim  NABU e.V. trat beschwichtigend ein. Es gehe nicht darum, die Schwarze- Peter-Karte an Chemiekonzerne oder Landwirte abzugeben, sondern gemeinsam nach Lösungen zu suchen. Er bemängelte große Forschungslücken und fehlende Gelder. Während bei Bayer 3.500 Forscher_innen an der Entwicklung neuer Stoffe arbeiten, gäbe es in der Ausbildung von Biologen_innen kaum noch Taxonomen, die sich mit der Artbestimmung der 33.000 Insektenarten in Deutschland auskennen.
Während  die Bestäubungsleistung der Insekten weltweit mit bis zu 500 Milliarden Euro beziffert werde, gäbe die Bundesregierung gerade einmal 25 Millionen Euro für die Sicherung von Ökosystemdienstleistungen aus.

Doch auch Forschung braucht viele Jahre, danach mag es vielleicht schon zu spät sein. Wichtig ist es, schon jetzt darüber zu diskutieren, wie ein Systemwandel zu einer nachhaltigeren  Landwirtschaft aussehen könnte. Vor allem die Einrichtung von Foren, bei denen Leute aus Praxis, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft miteinander statt übereinander reden können, wurde mehrfach gefordert.

NeFo stellt hier bereits einige Angebote für den interdisziplinären Austausch bei Workshops zur Verfügung. So fand ein Workshop mit Vertretern von Forschungsinstituten und Verbänden zum nationalen Biodiversitätsmonitoring statt.

Was sind die Gründe für den Insektenschwund? Was wäre nötig, um den Rückgang mit wissenschaftlich tragbaren Daten zu quantifizieren? Und welche Maßnahmen müssen ergriffen werden um das Thema von politischer Seite anzugehen? Lesen Sie hierzu das NeFo- Interview mit dem Direktor des Zoologischen Forschungsmuseums  Alexander Koenig in Bonn, Prof. Wolfgang Wägele, und mit Prof. Alexandra Maria Klein, Leiterin der Professur für Naturschutz und Landschaftsökologie an der Universität Freiburg.

 

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Das gut besuchte Trendfrühstück
Foto: Tagesspiegel