Der Beitrag von Unternehmen zur Biodiv… biologischen Vielfalt

Unternehmen nehmen durch Verarbeitung und Herstellung und Handel von Produkten Einfluss auf die biologische Vielfalt. Sie können aber auch auf dem Unternehmensgelände direkt etwas zur Erhaltung der Pflanzen- und Tierwelt tun – und damit auch die Unternehmenskultur aufpolieren und die Mitarbeiterzufriedenheit erhöhen. Das Interesse für Biodiversität von Seiten der Unternehmen beginnt langsam zu wachsen. Diesen Eindruck vermittelte zumindest die Podiumsdiskussion „Business & Biodiversität“ im Rahmen der Veranstaltungsreihe Sielmann Dialoge am 25.04. im Haus der Verlags „Der Tagesspiegel“ in Berlin.

Ein Kommentar von Dr. Ulrich Heink und Dr. Marianne Darbi

Am Abend des 24. Mai lud der Tagesspiegel in seinem Verlagshaus zur Podiumsdiskussion „Business & Biodiversität“, gefördert durch die Heinz-Sielmann-Stiftung. „Was können Unternehmen für die biologische Vielfalt tun und welche Anreize hierfür gibt es?“ war die übergeordnete Frage dieser Veranstaltung. Dass auch 25 Jahre nach dem Erscheinen des Übereinkommens über die Biologische Vielfalt der Begriff der Biodiversität bei vielen immer noch nicht ins Bewusstsein geraten ist, machte der Diskussionsleiter Andreas Mühl vom Tagesspiegel deutlich, der sichtlich Wohlgefallen daran fand, dieses Wortungetüm nicht aussprechen zu können. Entsprechend ist es wohl nicht verwunderlich, dass es schlecht um den Zustand der Biodiversität steht. Heinz Sielmann wäre wohl sehr besorgt, wenn er von der Gefährdung dessen wüsste, wofür er sich ein Leben lang einsetzte, wie Heiko Schumacher, der Leiter für Biodiversität der Heinz Sielmann Stiftung annimmt.

Über die Ursachen des Rückgangs von Biodiversität sind sich die Podiumsgäste dann schnell einig. Auch wenn laut Naturbewusstseinsstudie mittlerweile viele Menschen wissen, was Biodiversität ist, wie Elsa Nickel vom Bundesumweltministerium stolz berichtet, ist das Bewusstsein über die Bedeutung biologischer Vielfalt nach wie vor nicht besonders ausgeprägt. Und wo das Bewusstsein nicht vorhanden ist, könne man aufgrund der berühmten wirtschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen „keinen Schalter umlegen“, so Nickel. Im Gegenteil, das sei ein langwieriger Prozess, der harte Arbeit für die Biodiversitätsschützer bedeute.

Aber wie kann man die Kluft zwischen Wissen und Handeln überbrücken? Hier scheinen die Podiumsgäste etwas ratlos. Stefan Voelkel, Geschäftsführer der Voelkel Frucht- und Gemüsesäfte versucht es mit Emphase, von „es passiert zu wenig“ über „es geht zu langsam“ bis „wir müssen ins Tun kommen!“. Herrmann Hüwels, Bereichsleiter Umwelt, Energie, Rohstoffe des deutschen Industrie- und Handelstages appelliert an den ehrbaren Kaufmann, in dessen Interesse auch das Gemeinwohl liegt, und verweist auf den „Corporate Social Responsibility“-Kodex. Klar, meint Elsa Nickel, „langfristig zahlt sich umweltschonendes Verhalten auch für Unternehmen aus“. Das hat man ja schon mal irgendwo gehört. Leider wird nicht weiter erörtert, wie Unternehmen kurzfristig konkurrenzfähig bleiben können, damit es sie auch dann noch gibt, wenn sie von diesem langfristigen Erfolg profitieren können. Damit wäre man möglicherweise der Kluft zwischen Wissen und Handeln auf die Schliche gekommen.

Spannender wird es da schon, wenn die Podiumsgäste sich überlegen, in welchen Bereichen man am ehesten Handlungsbedarf sieht. Nickel hat hier in erster Linie die Beeinträchtigungen von Biodiversität durch Unternehmen im Auge, und zwar global. „Wenn ein Unternehmen in Deutschland Schokolade herstellt, kommt der Kakao aus Südamerika und dessen Anbau hat Auswirkungen auf die Biodiversität dort“. Sie sieht daher den Schwerpunkt des Handelns in den Lieferketten. „Wenn wir an den Kern des Problems herangehen wollen, dürfen wir uns nicht um Fassadenbegrünung kümmern!“ Damit hat sie zweifellos Recht, und sie beschreibt kurz, dass es ein dickes Brett ist, was da gebohrt werden müsse. Und es dürfte nicht allen Naturschützern gefallen, die sich traditionell mit Gebietsschutz und gefährdeten Arten befassen, dass damit indirekt Konzepte des eher technischen Umweltschutzes wie Ökobilanzen und Produktlinienanalyse wiederbelebt werden.

Ingo Kowarik, Professor für Ökosystemkunde und Pflanzenökologie an der Technischen Universität Berlin hat tatsächlich eher Fassadenbegrünung als Lieferketten im Sinn. Er will die Biodiversität von Gewerbeflächen erhöhen. Dies würde sicherlich auch seiner Forschung entgegen kommen, denn Kowarik ist in seiner wissenschaftlichen Tätigkeit mehr in Ökosystemen als in Industriebetrieben unterwegs. Allerdings wird er konkret, wenn es darum geht, welche Anreize es für Unternehmen gibt, ihre Flächen grüner zu machen. Sein Verständnis des Unternehmers ist weniger anspruchsvoll als das des ehrbaren Kaufmanns – er geht von schlichtem Eigennutz aus: Biodiversität zu entwickeln sei aufgrund von geringerem Aufwand für die Unterhaltung billiger und die Unternehmensangestellten seien zufriedener und gesünder, da sich das biologisch vielfältige Umfeld auf das Wohlbefinden auswirke. Dies bewirke wiederum einen geringeren Krankenstand, womit der ökonomisch denkende Unternehmer für weniger Arbeitsausfall aufkommen müsse. Und zuletzt sei es natürlich gut für die Außenwirkung, wenn sich ein Unternehmen als grün bezeichnen könne. Kowarik sieht auch weniger die Schäden durch den Flächenverbrauch von Unternehmen und Wohnungsbau, sondern eher die Chance einer ökologisch verträglichen Stadtentwicklung bei einer Bebauung. Diese Haltung bringt ihm im Publikum nicht nur Pluspunkte ein, insbesondere angesichts des zunehmenden Bebauungsdrucks auch der letzten urbanen Brachflächen und naturnahen Gebiete am Stadtrand Berlins.

Überhaupt das Publikum: Nach einem Blick in die Runde merkt man, dass ein Großteil das Renteneintrittsalter bereits überschritten hat. Biodiversität – kein Thema für die Jungen? Aber die „grauen Panther“, die auch die Fragerunde dominieren, zeigen Klauen. Naturschutz sei im Interesse der Mehrheit der Bürger, aber Entscheidungen würden eher durch Macht- als durch Mehrheitsverhältnisse getroffen. Und sie klagen über zunehmenden Bedarf an Wohn- und Gewerberaum mit nachfolgendem steigendem Nutzungsdruck auf Freiflächen, die Nichteinhaltung von Abgaswerten von Fahrzeugen, Erzeugung von Biodiesel, kurz: ohne Umweltschutz kein Schutz der Biodiversität.

Moderator Mühl lächelt milde und winkt ab. Jetzt würde der Rahmen aber zu weit gespannt. Schade. Auch wenn die Fragenden nicht über die geschliffene Rhetorik der Podiumsgäste verfügen, haben sie vermutlich auf einen Kern des Problems hingewiesen: Die gesellschaftlichen Prozesse, die die Gefährdung von Biodiversität indirekt vorantreiben, scheinen viel übermächtiger als alle Schutz- und Reparaturmaßnahmen. Aber die Frage nach den politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für den Biodiversitätsschwund wird gekonnt „wegmoderiert“.

Am Schluss testen wir, wie groß die Kluft zwischen Wissen und Handeln beim Veranstalter war und lassen hierzu, wie im Programm empfohlen, den Abend bei einem Get-together und Häppchen ausklingen. Hier wird glatt bestanden: Buffet von „eßkultur“ mit Säften von Voelkel. Bei der Wahl der Unternehmen hat sich der Veranstalter keine Blöße gegeben.

Was kann man also mitnehmen von dieser Podiumsdiskussion? Erstens lässt sich der Biodiversitätsschwund nicht dadurch verhindern, dass man versucht grüne Oasen gegen Zugriffe konkurrierender Nutzungen zu sichern oder vollzogene Eingriffe mit Architektentrost begrünt, sondern man benötigt wohl langsam Konzepte, den Nutzungsdruck selbst zu verringern. Zweitens war die fehlende Einsicht, „den Schalter umzulegen“ und dem Biodiversitätsschwund entgegenzutreten, in Podium und Publikum das beherrschende Thema. Mag sein, dass Politiker und Unternehmen sich gegen die langanhaltende und harte Überzeugungsarbeit von Naturschützern und Fakten von Ökologen sperren. Aber vielleicht lohnt es sich in einer Zeit, in der endlich die Mehrheit das Wort „Biodiversität“ gehört hat - und manche es sogar aussprechen können, etwas mehr in die Kommunikation von Themen mit Bezug zur Biodiversität zu investieren.

...Und: Die Häppchen waren wirklich saulecker.

 

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