8. Nationales Forum zur biologischen Vielfalt, 31.01.2017 in Berlin

Im Wald alles gut

Ein Kommentar von Sebastian Tilch

„Achtung: Wald!“ hieß das Motto der vom Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit (BMUB) organisierten Veranstaltung zur Diskussion der Umsetzung der Nationalen Biodiversitätsstrategie (NBS). Vor gut gefülltem Saal im mondänen Prinzenpalais Unter den Linden in Berlin führte nach kurzen Begrüßungsworten von Jürgen Gehb ( Bundesanstalt für Immobilienaufgaben) der BMUB-Staatssekretär Jochen Flasbarth in die Veranstaltung ein und vertrat dabei Ministerin Barbara Hendricks, der es erkältungsbedingt „die Stimme verschlagen“ habe. Flasbarth betonte, wie gern er diese Vertretung übernähme, sei es doch ein Thema, dem er sich sehr verbunden fühle. 

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Staatssekretär Jochen Flasbarth
Foto: U. Mösenfechtel

Der Staatssekretär schlug generell sehr versöhnliche Worte an. Der Titel der Veranstaltung sei gut gewählt, da er einerseits die Dringlichkeit zu handeln verdeutliche, andererseits aber auch eine Aufforderung zu einer Haltung, dem Wald mit Achtung zu begegnen, enthalte. Er erinnerte sich an die Anfänge der Nationalen Biodiversitätsstrategie (NBS), die Sigmar Gabriel 2006 als Umweltminister im Vorfeld der 9. Vertragsstaatenkonferenz des Übereinkommens zur Biologischen Vielfalt (CBD COP-9) 2008 in Bonn in Auftrag gegeben hatte und die national wie international für ihre Strukturiertheit und Ambitioniertheit gelobt worden war. Tatsächlich sei sie auch heute noch so zielsicher, dass man sich, als sich vor zwei Jahren die Frage stellte, ob man eine neue Strategie brauche, dafür entschied, dass es keine neuen Ziele brauche. Vielmehr bedürfe es Umsetzungsstrategien, wie sie die vor zwei Jahren beim letzten Forum vorgestellte Naturschutzoffensive 2020 beinhalte. In Hinblick auf seinen Folgeredner Staatssekretär Hermann Onko Aeikens vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) betonte er, dass die gemeinsame Verantwortung für den Wald gut funktionierte, eine Äußerung, die noch vor zehn Jahren gewesen sei.

Aeikens hingegen schlug trotz Beteuerungen, wie gern auch er bei dieser Veranstaltung eingeladen sei, einen deutlich harscheren Ton an. Er kritisierte, dass die Diskussion über die Waldnutzung zu wenig auf offensichtlichen Fakten und wissenschaftlichen Daten basiere und stattdessen zu emotional angegangen würde. Die Zahlen nämlich zeigten, dass im Wald bezüglich nachhaltiger Nutzung und Biodiversitätserhaltung grundsätzlich alles richtig gemacht werde. Dies belegten die verschiedenen Indikatorenwerte wie bspw. der Vogelindikator, der seit Jahren deutliche positive Tendenzen zeige. Indem in der Vergangenheit weniger geschlagen als nachgewachsen sei, hätte man jetzt einen Grundstock an Ressourcen, der europaweit einzigartig sei. Allerdings gingen die Wirtschaftsindikatoren für Arbeitsplätze und Einkommen stetig zurück, weshalb man weitere Einschränkungen der Waldwirtschaft kritisch betrachten müsse. Er warnte auch vor dem häufig zu beobachtenden Phänomen der „Vermenschlichung“ von Bäumen.

Im Anschluss an diesen sehr politiklastigen Teil stellten sich zwei Best-practice-Projekte vor: Ein Gemeinschafts-Projekt der NABU-Naturschutzstation Münsterland und des Landesbetriebes Wald und Holz NRW macht die Eichenwälder in der „Davert“ fit für den Klimawandel, indem Moorwiedervernässung und weitere Maßnahmen umgesetzt würden. Besonders geschätzt wurde dabei die Begleitforschung und wissenschaftliche Beratung der Uni Münster sowie die Kommunikation mit der Bevölkerung und den verschiedenen Interessensgruppen.

Der Wert einer frühzeitigen Einbindung von und Kommunikation mit Bevölkerung und Waldbesitzern wurde auch bei der Vorstellung des zweiten Projektes im Thüringer Wald hervorgehoben. Dieses Vorhaben, einer groß angelegten Bachrenaturierung auf immerhin 165 km Länge zum Schutz des Feuersalamanders, wurde mit Fördergeldern in Höhe von gut drei Mio. Euro durch das BMUB, das Land Thüringen und andere unterstützt.  

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion zeigten sich die vier Diskutanten Jochen Flasbarth, Georg Schirmbeck (Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrates), Anja Siegesmund (Thüringens Umweltministerin) und Hubert Weiger (BUND-Präsident) erstaunlich einig. Auch hier wurde die Kommunikation in den Vordergrund gestellt. Schirmbeck betonte, dass es engagierte Menschen bräuchte, um etwas zu schaffen, und die gäbe es unter den Waldbesitzern. Die seien stolz auf ihre Leistungen, würden den Wald in Ordnung halten und sollten nicht durch unverständlich formulierte Auflagen verunsichert, demotiviert und ihrer Freiheit beraubt werden. Es gebe hier ein erhebliches Kommunikationsproblem zwischen Besitzern und Naturschutz. Hubert Weiger pflichtete Schirmbeck bezüglich der Kommunikation bei, erinnerte aber daran, dass dies auch Personal erfordere, das bisher durch ehrenamtliche Mitarbeiter gedeckt würde, die die nötige Arbeit jedoch nicht alleine bewältigen könnten. Hier sei der Staat gefordert.

Flasbarth hielt es ebenfalls für nötig, mehr Personal zu haben, die Finanzierung könne jedoch nicht die öffentliche Hand alleine tragen. Die vorgestellten Best-Practice-Projekte würden jedoch gute Modelle für die Zusammenarbeit von öffentlichen und privaten Geldgebern darstellen. Weiger, unterstützt von Schirmbeck, betonte, dass man die Waldbesitzer nur zu einer Flächenstilllegung überreden könne, wenn sie das Wildnisziel im Wald als ihr eigenes verstünden. Hierfür bedürfe es finanzieller Anreize. Anja Siegesmund wunderte sich über die unerwartete Harmonie unter den Diskutanten und gab zu bedenken, dass man den Waldbesitzern für Flächenstilllegungen alternative Einnahmequellen bieten müsse. Hier spiele der Tourismus eine vorrangige Rolle.

Nach der Auszeichnung des UN-Dekadeprojektes des Jahres 2016 „Natur in grauen Zonen“, das die Entsiegelung und Wiederbegrünung nicht genutzter urbaner Flächen in drei deutschen Städten fördert, schloss sich ein Vortrag von Prof. Dr. Sven Wagner (Professur für Waldbau / TU Dresden) an, der das Konzept der „starken“ und „schwachen“ Nachhaltigkeit für den Fall der Waldwirtschaft erklärte. Schwache Nachhaltigkeit stehe dabei für Substitution genutzten Naturkapitals, starke Nachhaltigkeit für Konzepte, die die Erhaltung des Naturkapitals, seiner ökologischen Funktionen und Leistungen anstrebe. Eine Wertung, welche die bessere sei, könne dabei nicht abschließend gemacht werden. Wichtig sei allerdings, Waldwirtschaftsplanung nicht nur auf zukünftige Ziele zu beschränken, sondern die Gegenwartsebene einzubeziehen. Die Erfahrung zeige, dass bei fehlendem Nutzen des Waldes für den Besitzer in der Gegenwart das Naturkapital schwinde.

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Dr. Jochen Wagner kritisiert die Kuschelveranstaltung
Foto: S. Tilch / NeFo

In der sich anschließenden Podiumsdiskussion zur Frage, was wirklich nachhaltig sei, diskutierten Gunther Brinkmann (Leiter des Bundesforstes), Katarina Messerer (Jugendvertreterin), Prof. Sven Wagner, Susanne Winter (WWF) und der Theologe Dr. Jochen Wagner die unterschiedliche Wahrnehmung von Nachhaltigkeit in den verschiedenen Generationen. Das Thema Nachhaltigkeit sei in Schule, Vereinen usw. allgegenwärtig, würde aber nur bedingt wirklich gelebt. Das Problem sei auch die Entkopplung von Konsumgütern und ihrer Herkunft. So importiere Deutschland für die Papierproduktion genauso viel Holz wie es ernte. Die Nachhaltigkeitsfrage dürfe nicht auf das eigene Land reduziert werden. Jochen Wagner sieht das tatsächliche Problem in den Leitbildern. Das sähe er täglich an seinen eigenen Kindern. Diese wären nur noch in der digitalen Welt unterwegs, Naturnähe sei nicht vorhanden, der Konsum stehe an oberster Stelle. Es müssten dringend Modelle her, die den Kindern andere Beschäftigungsmöglichkeiten abseits des Konsums böten, und das sei eine Frage des politischen Willens, der in einer Wachstumsgesellschaft nicht zu erkennen sei. In diesem Zuge kritisierte er das Forum als Kuschelveranstaltung: „Wo sind die Industriellen, mit denen die Nachhaltigkeitsfrage eigentlich diskutiert werden müsste?“

Nach der Mittagspause mit sehr guten vegetarischen Gerichten ging es dann in einen Aktionsblock mit neun Thementischen (Internationale Verknüpfungen, Inwertsetzung von Ökosystemleistungen, Kommunikation und Bildung etc.) , denen die Teilnehmer sich zuordnen sollten. Titel: „Jetzt mal Klartext zum Wald“. Ich beteiligte mich an den Diskussionen zur Einbindung der privaten Waldbesitzer. Ziel war es, einen einzigen Leitsatz zu formulieren, der das entsprechende Ziel (hier die Erreichung des gesetzten Ziels der NBS von 10 % des Waldes mit einem ihm typischen Lebensraumcharakter) herbeiführen könne. Hier drehte sich die einleitende Diskussion um die Definition des Zielzustandes „typischer Lebensraum“. Eine klare Definition sei hier dringend notwendig. Darüber hinaus sahen die Diskutanten (unter denen nur zwei private Waldbesitzer waren) ein Problem im Vertrauensverhältnis zwischen Besitzern und Naturschutz. Hier bedürfe es einer verbesserten Betreuung auf Ebene von akzeptierten Vertrauenspersonen und Mittlern. Diese Betreuung sei jedoch in den Bundesländern sehr verschieden organisiert, was es schwer mache, bundesweit funktionierende Konzepte zu entwerfen. 

Der Personalmangel war ja bereits auf dem Podium angesprochen worden. Grundsätzlich sei die Bereitschaft für Vertragsnaturschutz, wie er in der NBS favorisiert werde, da, es fehle jedoch die Planungssicherheit. Es könne nicht sein, dass man zwar nur für eine bestimmte Laufzeit Geld für die Flächenstilllegung bekäme, danach aus Naturschutzrechtlichen Gründen jedoch häufig keine Nutzungserlaubnis mehr bekäme. Entweder müsse ein weiterbestehendes Einkommen her oder die Nutzungserlaubnis. Bereits bestehende Subventionen für Forste wurden grundsätzlich nicht erwähnt. Die Ergebnisse sämtlicher Tische will das BMUB in Kürze online bereitstellen. Grundsätzlich überraschende Aussagen fielen jedoch kaum.

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Ergebnis des Arbeitstisches Inwertsetzung
Foto: U. Mösenfechtel

Zum Ausklang sahen die Teilnehmer einen 3,5 minütigen Kurzfilm der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt, u.a. finanziert mit Mitteln des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), mit dem Titel „Entdecke Wildnis“ mit Interviews von Naturschützern und -liebhabern in ihren Lieblingswildnisgebieten in Deutschland. Fantastische und beeindruckende Bilder - in der Tat, die man sich als Einführung in den Tag gewünscht hätte. Die Aufforderung, diese Wildnis zu entdecken, befremdete mich etwas, da hier sicherlich viele Kernzonen von Schutzgebieten gezeigt wurden, die gar nicht zugänglich sind. Entsprechend lautet die Aufforderung am Ende auch „Entdecke wildnis-in-deutschland.de“, also virtuell im Internet.  

Den Ausklang vor Kaffee und Kuchen bildete der Vortrag von Dr. Elsa Nickel, Leiterin der Abteilung „Naturschutz und nachhaltige Naturnutzung“ des BMUB, die noch einmal die Wichtigkeit des Ökosystems Wald für unser Wohlergehen betonte.

Fazit:

Das Forum ist eine gute Gelegenheit zur Vernetzung der Naturschutzszene aus Politik, Praxis und Forschung. Ich hätte mir allerdings tatsächlich mehr Kontroversen gewünscht, denn das Gefühl, das vermittelt wurde, war, dass eigentlich alle ähnliche Vorstellungen hätten. Mehr Interessensvertreter aus der Wirtschaft und Waldbesitzer wären hier wünschenswert gewesen, um die tatsächlich bestehenden Interessenkonflikte deutlicher zu machen. Ähnlich wie es die CBD COP-13 im Dezember vorgemacht hat, wäre es gut gewesen, das Mainstreaming, also die Integration der Naturschutzziele in die anderen Politiksektoren, stärker zu beleuchten und gemeinsame Lösungen zu erarbeiten (s. NeFo-Interview mit Dr. Elsa Nickel). Wichtig wäre auch eine erlebbare Einführung in den Lebensraum Wald gewesen, wie bspw. der Bestsellerautor Peter Wohlleben hervorragend hätte präsentieren können.

 

 

 

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